Pflanzenschutzmittel im Boden: Warum Europas Ernten leiden und Lebensmittel teurer werden

In rund 70 Prozent der Böden Europas wurden Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen. Das wirkt sich langfristig auch auf Ernten und Lebensmittelpreise aus.

Ein Traktor fährt über ein Feld und versprüht Pestizide.

Für die Untersuchung wurden 373 Bodenproben ausgewertet, unter anderem aus landwirtschaftlich genutzten Flächen. Bild: © Pexels

Der Boden entscheidet darüber, wie verlässlich unsere Lebensmittel wachsen und wie stabil die Preise bleiben. Wird seine natürliche Fruchtbarkeit geschwächt, wirkt sich das bis in den Alltag aus. Pflanzenschutzmittel greifen dort ein, wo Mikroorganismen Nährstoffe für Pflanzen verfügbar machen – mit Folgen, die am Ende auch Verbraucher spüren.

Eine europaweite Studie unter Co-Leitung der Universität Zürich zeigt nun das Ausmaß: In rund 70 Prozent der untersuchten Böden fanden sich Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Betroffen sind nicht nur Äcker, sondern auch Wiesen und Wälder. Geschwächte Böden erfordern mehr Aufwand in der Landwirtschaft und erhöhen somit langfristig die Kosten für Lebensmittel.

Rückstände im Boden sind in Europa weit verbreitet

Für die Untersuchung analysierte ein internationales Forschungsteam 373 Bodenproben aus 26 europäischen Ländern. Die Proben stammten aus landwirtschaftlich genutzten Flächen, aus Grünland sowie aus Waldgebieten. Untersucht wurden 63 Wirkstoffe, die in der europäischen Landwirtschaft häufig eingesetzt werden.

Am häufigsten wurden Fungizide gefunden. Sie machten mehr als die Hälfte aller Nachweise aus. Danach folgten Herbizide, darunter Glyphosat. Insektizide spielten mengenmäßig eine geringere Rolle. Auffällig war die räumliche Verteilung. Rückstände tauchten auch dort auf, wo keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Als Ursache gilt unter anderem die Verwehung durch Wind.

Warum das Leben im Boden besonders sensibel reagiert

Um zu klären, welche Folgen die Rückstände haben, analysierte das Team gezielt das Bodenleben. Untersucht wurden Bakterien, Pilze, Fadenwürmer und Einzeller, die zentrale Aufgaben übernehmen. Sie machen Nährstoffe verfügbar, speichern Wasser und halten Böden fruchtbar.

Studienleiter Marcel van der Heijden beschreibt die Folgen der gemessenen Belastung so: „Dies wirkt sich auf verschiedene nützliche Bodenorganismen wie Pilze (Mykorrhiza) und Fadenwürmer (Nematoden) aus und beeinträchtigt deren Biodiversität.“ Besonders empfindlich reagierten Mykorrhiza-Pilze. Sie leben in enger Verbindung mit Pflanzenwurzeln und unterstützen die Aufnahme von Wasser und Mineralstoffen.

Wenn zentrale Helfer im Boden geschwächt werden

Ein Wirkstoff fiel besonders auf. Das Fungizid Bixafen, häufig im Getreideanbau eingesetzt, beeinflusste viele der untersuchten Organismen negativ. Die Effekte beschränkten sich nicht auf einzelne Arten. Ganze Lebensgemeinschaften veränderten sich messbar.

„Einige Organismen, insbesondere mehrere Arten von Bakterien, profitieren vom Pflanzenschutzeinsatz, wahrscheinlich weil andere Organismen reduziert werden“, erklärt Erstautorin Julia Königer. Dadurch gerät das ökologische Gleichgewicht im Boden aus dem Lot.

Weniger natürliche Fruchtbarkeit, mehr Aufwand für Betriebe

Die Forschenden untersuchten außerdem Gene, die für zentrale Bodenfunktionen verantwortlich sind. Im Fokus standen Prozesse rund um Stickstoff und Phosphor. Beide Nährstoffe gelten als Grundlage für stabile Erträge. In belasteten Böden veränderten sich diese Abläufe deutlich.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmittel die natürliche Nährstoffversorgungs-Funktion des betroffenen Bodens beeinträchtigt“, so van der Heijden. Für landwirtschaftliche Betriebe kann das mehr Düngung bedeuten, um Erträge zu sichern.

Sinkende Bodenfruchtbarkeit erhöht somit den Bedarf an Dünger. Das steigert die Kosten und belastet Umwelt und Gewässer zusätzlich. Diese Entwicklung trifft langfristig auch Verbraucher, da sich steigende Produktionskosten in der Folge auch auf Lebensmittelpreise auswirken.

Nicht nur Bienen betroffen: Pflanzenschutzmittel wirken tiefer

Die negativen Effekte von Pflanzenschutzmitteln auf Bienen und Vögel gelten seit Jahren als gut belegt. Die neue Untersuchung erweitert den Blick deutlich. Maria J. I. Briones von der Universität Vigo sagt: „Oft wird gar nicht bedacht, wie Pflanzenschutzmittel auf Organismen wirken, die nicht das Ziel sind.“

Aus Sicht der Forschenden sollten Zulassungsverfahren künftig breiter ansetzen. Bewertungen müssten stärker berücksichtigen, wie ganze Lebensgemeinschaften reagieren und welche Funktionen im Boden verloren gehen.

Kurz zusammengefasst:

  • Rückstände von Pflanzenschutzmitteln sind in Europa die Regel: Eine große Studie fand in rund 70 Prozent der untersuchten Böden Pflanzenschutzmittel – auch in Wiesen und Wäldern ohne direkten Einsatz.
  • Das Bodenleben gerät aus dem Gleichgewicht: Pilze, Bakterien und Fadenwürmer, die für Nährstoffversorgung und Fruchtbarkeit sorgen, reagieren empfindlich auf die Rückstände, besonders Mykorrhiza-Pilze verlieren ihre wichtige Unterstützungsfunktion für Pflanzen.
  • Die Folgen reichen bis zu Erträgen und Preisen: Geschwächte Böden liefern Nährstoffe schlechter, erhöhen den Bedarf an Dünger und treiben langfristig die Kosten in der Landwirtschaft nach oben – mit spürbaren Effekten für Umwelt und Verbraucher.

Übrigens: Genau wie Pflanzenschutzmittel wird auch Waschmittel zur zusätzlichen Quelle für Umweltgifte. Warum das die Belastung von Böden und Gewässern weiter verschärft, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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