In Europa mogeln viele bei der Arbeitszeit im Homeoffice – Deutschland fällt aus der Reihe
Arbeitszeitbetrug im Homeoffice ist in Europa verbreitet: Eine YouGov-Umfrage zeigt deutliche Unterschiede nach Ländern, Alter und Arbeitskultur.
Soziale Medien spielen beim Arbeitszeitbetrug im Homeoffice eine zentrale Rolle. Viele Beschäftigte unterbrechen ihre Arbeit für Instagram, TikTok oder private Chats. © Unsplash
Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschieben sich im Homeoffice spürbar. Viele Beschäftigte nutzen ihre Arbeitszeit heute flexibler als früher und erledigen zwischendurch auch private Dinge. Wo diese Freiräume enden und ab wann von Arbeitszeitbetrug gesprochen wird, wird in Europa sehr unterschiedlich bewertet. Eine große Befragung zeigt, dass Arbeitszeit nicht überall gleich verstanden wird und sich Erwartungen je nach Land und Generation deutlich unterscheiden.
Grundlage sind Angaben von mehr als 5.000 Erwerbstätigen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz. Die Erhebung wurde von YouGov im Auftrag des Onlinehändlers Galaxus durchgeführt und erfasst private Tätigkeiten während der Arbeitszeit im Büro und im Homeoffice.
Arbeitszeitbetrug im Homeoffice unterscheidet sich stark nach Ländern
Besonders auffällig ist Frankreich. Dort nutzt fast jede zweite befragte Person im Homeoffice täglich mehr als eine Stunde der Arbeitszeit für private Dinge. Kein anderes Land erreicht einen ähnlich hohen Wert. Bei unseren Nachbarn geben nur wenige Beschäftigte an, den Arbeitstag im Homeoffice ausschließlich für berufliche Aufgaben zu nutzen. In Italien liegt dieser Anteil ähnlich niedrig. In beiden Ländern sagt jeweils nur etwa jede zehnte Person, dass sie im Homeoffice durchgehend arbeitet.
Deutschland bildet das andere Ende der Skala. Knapp ein Drittel der Beschäftigten arbeitet im Homeoffice durchgehend beruflich. Auch im Büro zeigen sich vergleichsweise zurückhaltende Werte. Dennoch bleibt private Nutzung auch hier verbreitet. Rund jede dritte Person überschreitet im Homeoffice die Grenze von 30 Minuten privater Tätigkeiten pro Tag.
Die Schweiz fällt durch besondere Zurückhaltung auf. Mehr als acht von zehn Befragten verbringen im Büro höchstens eine halbe Stunde mit Privatem. Im Homeoffice bleiben immerhin sieben von zehn unter dieser Grenze. Im europäischen Vergleich ist die Ablenkung dort am geringsten.

Jüngere vermischen Arbeit und Privates besonders häufig
Deutliche Unterschiede zeigen sich beim Alter. Unter 30-Jährige nutzen Freiräume am konsequentesten. Vier von zehn geben an, im Homeoffice mehr als eine Stunde täglich für nicht berufliche Dinge aufzuwenden. Auch im Büro liegt diese Altersgruppe über dem Durchschnitt. Alle Altersgruppen gehen im Büro weniger privaten Dingen nach als zu Hause.
Ob jüngere Beschäftigte effizienter arbeiten oder andere Erwartungen an Arbeitszeit haben, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Klar ist jedoch: Die Trennung von Arbeit und Privatem fällt ihnen schwerer als älteren Generationen.
Nach Geschlechtern zeigen sich kaum Unterschiede. Männer und Frauen nutzen ihre Arbeitszeit in ähnlichem Umfang für private Zwecke. Entscheidend bleiben Arbeitsform, Alter und nationale Arbeitskultur.

Was Beschäftigte während der Arbeitszeit wirklich tun
Die Art der privaten Tätigkeiten unterscheidet sich stark nach Ländern:
- In Frankreich verlieren sich 45 Prozent während der Arbeitszeit in sozialen Netzwerken.
- In Deutschland liegen Social Media und privates Chatten mit jeweils rund 38 Prozent vorn.
- In der Schweiz nutzen 47 Prozent die Zeit zum Lesen von Nachrichten.
- In Italien und Österreich dominieren private Telefonate mit 39 beziehungsweise 47 Prozent.
- Kochen und Essen während der Arbeitszeit nennen in Österreich und Deutschland jeweils rund 27 Prozent.
Diese Unterschiede deuten auf verschiedene Alltagsroutinen hin. Es geht nicht nur um Ablenkung, sondern auch um Gewohnheiten und Prioritäten im Arbeitsalltag.

Schlechtes Gewissen bleibt oft aus
Trotz der verbreiteten privaten Nutzung berichten viele Beschäftigte von wenig innerem Druck. Am häufigsten plagt ein schlechtes Gewissen die Menschen in Österreich. Rund ein Drittel gibt an, sich zumindest gelegentlich unwohl zu fühlen. In Deutschland, der Schweiz und Frankreich betrifft das etwa jede vierte Person.
In Italien zeigt sich der entspannteste Umgang. Dort haben zwei Drittel der Befragten nach eigenen Angaben nie Gewissensbisse wegen privater Tätigkeiten während der Arbeitszeit.

Ob diese Unterbrechungen die Produktivität mindern, beantworten die Daten nicht. Klar wird jedoch: Homeoffice verschiebt Maßstäbe. Arbeitszeit wird flexibler interpretiert, Pausen verteilen sich anders, Kontrolle verliert an Bedeutung.
Arbeitszeitbetrug im Homeoffice erscheint damit weniger als klarer Regelverstoß, sondern als Ausdruck einer Arbeitswelt, die sich schneller verändert hat als viele Erwartungen und Regeln.
Kurz zusammengefasst:
- Homeoffice verändert Arbeitszeit grundlegend: Arbeit und Privates vermischen sich stärker als früher, doch Ausmaß und Umgang unterscheiden sich in Europa deutlich nach Land und Generation.
- Arbeitszeitbetrug im Homeoffice wird unterschiedlich gelebt: In Frankreich nutzt fast jede zweite Person täglich mehr als eine Stunde privat, während Beschäftigte in Deutschland und besonders in der Schweiz zurückhaltender sind; Jüngere überschreiten diese Grenze deutlich häufiger als Ältere.
- Gewissen und Produktivität folgen eigenen Regeln: Viele empfinden trotz Arbeitszeitbetrug im Homeoffice kaum Schuldgefühle. Die Daten erlauben keine Aussage, ob kurze private Pausen die Arbeitsleistung mindern oder entlasten.
Übrigens: Homeoffice wirkt nicht auf alle gleich – eine Langzeitstudie zeigt, dass vor allem hybride Modelle die psychische Gesundheit verbessern können, während lange Pendelwege belasten. Mehr dazu in unserem Artikel.
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