Paracetamol in der Schwangerschaft: Studie räumt mit Angst vor Autismus und ADHS auf

Paracetamol erhöht in der Schwangerschaft nicht das Risiko für Autismus oder ADHS, zeigt eine Auswertung von 43 Studien.

Paracetamol ist für viele Schwangere das Mittel gegen Schmerzen und Fieber – eine neue Großauswertung entlastet es beim Verdacht auf Entwicklungsrisiken.

Paracetamol ist für viele Schwangere das Mittel gegen Schmerzen und Fieber – eine neue Großauswertung entlastet es beim Verdacht auf Entwicklungsrisiken. © Unsplash

Wer in der Schwangerschaft nach verlässlichen Informationen zu Medikamenten sucht, stößt oft auf widersprüchliche Einschätzungen. Kaum ein Wirkstoff wurde dabei so unterschiedlich bewertet wie Paracetamol. Lange fehlte eine klare Linie zwischen Warnung und Entwarnung. Viele Schwangere fragten sich, ob das bewährte Mittel gegen Schmerzen und Fieber dem Kind schaden könnte.

Eine neue, besonders umfassende Auswertung bringt nun Klarheit. Sie analysiert 43 hochwertige Studien mit Daten von mehreren hunderttausend Kindern. Das Ergebnis: Paracetamol erhöht während der Schwangerschaft weder das Risiko für Autismus noch für ADHS oder geistige Beeinträchtigungen. Damit wird ein zentrales Alltagsmedikament wissenschaftlich deutlich entlastet.

Frühe Studien lieferten widersprüchliche Signale

Auslöser der Debatte waren ältere Beobachtungsstudien. Einige von ihnen berichteten über geringe statistische Zusammenhänge zwischen Paracetamol in der Schwangerschaft und späteren Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern. Diese Befunde verbreiteten sich schnell über Medien und soziale Netzwerke.

Ein genauerer Blick zeigt jedoch die Schwächen vieler früher Arbeiten. Häufig stützten sie sich auf rückblickende Selbstauskünfte von Müttern. Zudem blieben wichtige Einflüsse unberücksichtigt. Schmerzen, Fieber oder Infektionen gelten selbst als Risiken für Schwangerschaft und kindliche Entwicklung. Wer Paracetamol einnahm, tat dies meist genau wegen solcher Beschwerden. Medikament und Auslöser der Einnahme ließen sich in vielen Datensätzen nicht sauber trennen.

Kein erhöhtes Risiko in belastbaren Vergleichen

Die aktuelle Auswertung legt besonderes Gewicht auf sogenannte Geschwistervergleiche. Dabei werden Kinder derselben Mutter miteinander verglichen. In einer Schwangerschaft nahm die Mutter Paracetamol ein, in einer anderen nicht. Genetische Faktoren, familiäres Umfeld und viele Lebensbedingungen bleiben so vergleichbar.

In diesen Vergleichen zeigte sich kein erhöhtes Risiko. Weder Autismus noch ADHS oder geistige Beeinträchtigungen traten häufiger auf. Auch dann nicht, wenn nur Studien mit besonders niedriger Verzerrungsgefahr berücksichtigt wurden oder wenn die Kinder über mehr als fünf Jahre hinweg beobachtet wurden. Die statistischen Werte lagen jeweils nahe bei eins, also ohne Hinweis auf einen Zusammenhang.

Paracetamol bleibt empfohlene Option

Die Leitung der Auswertung lag bei Wissenschaftlern des St George’s Hospital, London. Studienleiterin Professorin Asma Khalil ordnet die Ergebnisse klar ein: „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass frühere Zusammenhänge eher durch genetische Veranlagungen oder andere mütterliche Faktoren erklärt werden“, sagt sie. „Nicht durch Paracetamol selbst.“ Zugleich betont sie:

Paracetamol bleibt eine sichere Option in der Schwangerschaft, wenn es sachgerecht eingesetzt wird.

Professorin Asma Khalil von der City St George’s, University of London
Professorin Asma Khalil vom George’s Hospital, London leitete die Auswertung zur Sicherheit von Paracetamol in der Schwangerschaft. © Professor Asma Khalil, Professor of Obstetrics and Maternal Medicine at City St George’s, University of London and Consultant Obstetrician

Gesundheitszustand der Mutter als Schlüsselfaktor

Fieber während der Schwangerschaft gilt als bekannter Risikofaktor für Komplikationen. Auch starke oder anhaltende Schmerzen belasten Mutter und Kind. Paracetamol wird eingesetzt, um genau diese Belastungen zu lindern.

Die Analyse legt nahe, dass in vielen älteren Studien nicht das Medikament im Mittelpunkt stand, sondern der Gesundheitszustand der Mutter. Wurde dieser nicht ausreichend berücksichtigt, entstand ein verzerrtes Bild. Die neuen Daten trennen Ursache und Wirkung deutlich klarer.

Warum Verzicht nicht automatisch sicherer ist

Wer aus Angst vollständig auf Paracetamol verzichtet, geht dennoch Risiken ein. Unbehandeltes Fieber kann Fehlgeburten begünstigen. Auch Frühgeburten und bestimmte Fehlbildungen treten häufiger auf. Diese Zusammenhänge gelten als gut belegt. Für den Alltag bedeutet das, dass Paracetamol weiterhin als Mittel gegen Schmerzen und Fieber in der Schwangerschaft empfohlen wird. Dabei sollte jedoch die Dosierung eingehalten werden. Bei anhaltenden oder ungewöhnlich starken Beschwerden ist ärztlicher Rat unabdingbar.

Kurz zusammengefasst:

  • Paracetamol erhöht in der Schwangerschaft nicht das Risiko für Autismus, ADHS oder geistige Beeinträchtigungen, wie eine Auswertung von 43 hochwertigen Studien zeigt.
  • Frühere Warnungen lassen sich vor allem durch andere Faktoren erklären, etwa durch Fieber, Schmerzen oder genetische Veranlagungen der Mutter, nicht durch das Medikament selbst.
  • Paracetamol bleibt damit das empfohlene Mittel bei Schmerzen und Fieber in der Schwangerschaft; auch ein Verzicht kann Risiken für Mutter und Kind mit sich bringen.

Übrigens: Weibliche Hormone beeinflussen nicht nur den Zyklus, sondern steuern auch, wie stark Schmerzen wahrgenommen werden – über Immunzellen im Rückenmark, die körpereigene Opioide freisetzen. Warum dieser Schutzmechanismus vor allem bei Frauen wirkt und nach den Wechseljahren nachlässt, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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