Wenige Reiche können ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringen
Soziale Ungleichheit kann Wirtschaftskrisen begünstigen. Neue Forschung zeigt, wie wenige sehr Reiche ganze Volkswirtschaften aus dem Takt bringen können.
Sehr große Vermögensunterschiede verleihen wenigen Hochverdienern besonderen Einfluss – ihre Entscheidungen könnten wirtschaftliche Krisen mit auslösen. © Unsplash
Viele Haushalte müssen heute genauer aufs Geld schauen. Die Ausgaben steigen, das Einkommen fühlt sich unsicher an. Gleichzeitig wächst der Reichtum bei wenigen weiter. Diese Kluft zwischen Arm und Reich spaltet nicht nur die Gesellschaft, sie hat auch Folgen für die Wirtschaft. Soziale Ungleichheit kann Abläufe verschieben und das Risiko von Wirtschaftskrisen erhöhen.
Denn Konjunktureinbrüche entstehen nicht nur durch große Krisen von außen wie Kriege, Pandemien oder Handelskonflikte. Eine aktuelle Studie zeigt, dass schon kleine Entscheidungen sehr wohlhabender Menschen eine Rolle spielen können. Wenn sie mehr sparen oder weniger ausgeben, reagieren andere darauf. Am Ende können solche Veränderungen ausreichen, um ganze Volkswirtschaften aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Ein neuer Ansatz jenseits klassischer Ökonomie
Ein Forschungsteam der Technischen Universität Berlin hat gemeinsam mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung diesen Zusammenhang untersucht. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Physical Review Letters. Statt klassischer Wirtschaftsmodelle nutzten die Wissenschaftler Methoden aus der statistischen Physik, um wirtschaftliche Prozesse zu analysieren.
Statt von einem rational handelnden Durchschnittshaushalt auszugehen, betrachtet das Modell viele einzelne Haushalte, die miteinander vernetzt sind. Einkommen, Sparverhalten und Konsum beeinflussen sich gegenseitig. Entscheidend ist nicht die perfekte Berechnung, sondern wie sich Menschen im Alltag tatsächlich entscheiden.
Studienleiter Eckehard Schöll erklärt: „Wir gehen von einer nur begrenzten Rationalität der Akteure aus.“ Haushalte optimieren ihr Verhalten nicht exakt. Sie beobachten andere und orientieren sich an denen, die sichtbar gut leben.
Soziale Ungleichheit als Treiber von Wirtschaftskrisen
Aus diesem Verhalten entsteht eine entscheidende Dynamik. Menschen vergleichen sich miteinander. Sie übernehmen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das Spar- und Konsumverhalten jener, die besonders viel ausgeben können. Wer sehr hohe Einkommen hat, gewinnt dadurch automatisch überproportionalen Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen.
Das Modell zeigt zwei klar unterscheidbare Gruppen. Eine große Mehrheit verfügt über wenig Kapital, spart wenig und lebt von laufendem Einkommen. Daneben steht eine kleine Gruppe mit sehr hohen Rücklagen. Diese Minderheit kontrolliert einen großen Teil des Vermögens.
Öffnet sich die Kluft zwischen beiden Gruppen zu stark, wird das System instabil. Solange Einkommen und Sparquoten ähnlich verteilt bleiben, läuft die Wirtschaft ruhig. Entsteht jedoch ein großer Abstand, reicht schon eine kleine Veränderung an der Spitze.
0,1 Prozent reichen für einen wirtschaftlichen Umschwung
Nach Berechnungen der Forscher reichen etwa 0,1 Prozent der Haushalte, um einen wirtschaftlichen Umschwung auszulösen. Gemeint sind keine bewussten Manöver. Es genügt, wenn sehr wohlhabende Haushalte vorsichtiger werden, mehr sparen oder weniger konsumieren. Andere orientieren sich daran. Der Konsum sinkt, Unternehmen verkaufen weniger, Investitionen werden zurückgestellt. Die Wirtschaft verliert an Dynamik.
„Die Wirtschaft kann von wenigen Akteuren beeinflusst werden, die sehr viel Kapital besitzen und die können durch ihr Verhalten auch eine Rezession auslösen“, so Schöll.
Große Unterschiede erhöhen die Anfälligkeit
Ein weiterer wichtiger Befund erklärt, warum Abschwünge häufig überraschend kommen. Der Übergang verläuft nicht schleichend. Das System kann abrupt von einem stabilen in einen instabilen Zustand kippen. Ein äußerer Schock ist dafür nicht nötig.
Zur Veranschaulichung nutzen die Forscher ein Alltagsbild. Im Straßenverkehr fließt der Verkehr, solange die meisten Fahrzeuge ähnlich schnell fahren. Gibt es große Unterschiede, reicht ein kurzes Bremsen weniger Autos und es entsteht ein Stau. „Staus entstehen ebenfalls spontan, aus dem Nichts heraus“, sagt Schöll.
In der Wirtschaft wirkt Ungleichheit ähnlich. Große Vermögensunterschiede erzeugen Spannungen, die sich plötzlich entladen. Zufällige Auslöser reichen dann aus, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen.
Warum Krisen dauerhaft nachwirken können
Besonders brisant sind die langfristigen Effekte. Wirtschaftliche Einbrüche bleiben nicht automatisch folgenlos. Produktionsverluste können sich verfestigen. Die Wirtschaft erholt sich nicht vollständig, selbst wenn sich die Lage stabilisiert. Die Forscher sprechen hier von langfristigen Wachstumseinbußen. Gerade in wachsenden Gesellschaften können solche Schwankungen das wirtschaftliche Potenzial dauerhaft dämpfen.
Die Studienergebnisse erlauben keine konkreten Vorhersagen. Der Zeitpunkt einer Krise lässt sich nicht berechnen. Deutlich wird jedoch ein Zusammenhang: Je größer die Kluft zwischen Arm und Reich ausfällt, desto höher wird das Risiko wirtschaftlicher Einbrüche.
Kurz zusammengefasst:
- Soziale Ungleichheit kann Wirtschaftskrisen auslösen: Große Vermögensunterschiede machen Volkswirtschaften anfällig, weil Entscheidungen weniger sehr wohlhabender Haushalte das Verhalten vieler beeinflussen.
- Wenige Akteure wirken überproportional stark: Bereits rund 0,1 Prozent der Haushalte können durch verändertes Spar- oder Konsumverhalten einen wirtschaftlichen Abschwung anstoßen.
- Krisen kippen plötzlich und wirken lange nach: Öffnet sich die Einkommensschere stark, entstehen abrupte Einbrüche, deren Folgen das Wachstum dauerhaft bremsen.
Übrigens: Ein großer Teil des Vermögens in Deutschland gehört bis heute Familien, die schon vor mehr als hundert Jahren reich waren – trotz Kriegen, Inflation und politischer Umbrüche. Warum diese Vermögen so stabil blieben und was das über Macht, Chancen und Ungleichheit verrät, mehr dazu in unserem Artikel.
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