Leiser einkaufen: Wie die „Stille Stunde“ Reizüberflutung bei Autismus lindert

Gedimmtes Licht, weniger Lärm: Zwei Salzburger Supermärkte senken Reize. Die „Stille Stunde“ erleichtert Menschen mit Autismus den Alltag – wissenschaftlich belegt.

Frau geht einkaufen im Supermarkt

In zwei Salzburger Supermärkten senkt eine ruhige Einkaufsstunde die Reizüberflutung – für Menschen mit Autismus oft der entscheidende Unterschied. © Unsplash

Grelles Licht, piepsende Kassen, Musik aus Lautsprechern, Stimmen von allen Seiten: Für viele Menschen ist der Einkauf im Supermarkt anstrengend. Für Menschen mit Autismus wird er oft zur kaum überwindbaren Hürde. In zwei Supermärkten in Salzburg wird dieser Reizpegel inzwischen bewusst gesenkt – im Rahmen einer sogenannten „Stillen Stunde“, in der Licht, Geräusche und Durchsagen gedämpft bleiben. Reizüberflutung entsteht dabei nicht erst durch Stress oder Angst, sondern im Gehirn, wenn zu viele Sinneseindrücke gleichzeitig wirken und sich nicht mehr filtern lassen. Besonders empfindlich reagieren Menschen im Autismus-Spektrum.

Zwischen 14 und 15 Uhr bleibt es in zwei Salzburger Filialen ruhiger als sonst, wie der ORF berichtet. Neonlicht wird gedimmt, Musik abgeschaltet, akustische Werbedurchsagen pausieren. Selbst das Piepen der Kassen entfällt. Die Maßnahme läuft täglich – nicht als Aktion, sondern fest im Ablauf verankert.

Warum alltägliche Orte bei Autismus zur Belastung werden

Für Menschen mit Autismus zählt der Supermarkt zu den belastendsten Alltagsorten. Die gleichzeitige Wirkung von Licht, Geräuschen, Gerüchen und Bewegung überfordert das Nervensystem. Viele Betroffene berichten von Kopfschmerzen, Übelkeit, innerer Unruhe oder dem Gefühl, plötzlich nicht mehr handlungsfähig zu sein. Einkaufen wird dann vermieden – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Selbstschutz.

Viele dieser Belastungen lassen sich benennen. Häufige Auslöser sensorischer Überempfindlichkeit sind:

  • Sehen: grelles oder fluoreszierendes Licht, visuell überladene Regale, flackernde Leuchtmittel
  • Hören: laute Stimmen, Musik, Pieptöne, Hintergrundgeräusche, unerwartete Signale
  • Riechen: Parfüms, Körpergerüche, Koch- und Lebensmittelgerüche
  • Tasten: Gedränge, unerwartete Berührungen, bestimmte Stoffe oder Oberflächen
  • Körperwahrnehmung: Hitze, schlechte Luft, fehlende Rückzugsmöglichkeiten

Gerade Einkaufszentren bündeln viele dieser Reize auf engem Raum. Enge Gänge, unterschiedliche Beleuchtung, wechselnde Geräuschquellen und Gerüche aus Bäckerei oder Feinkostabteilung wirken gleichzeitig. Wer darauf empfindlich reagiert, hat kaum Kontrolle – und oft keinen schnellen Ausweg.

Was Forschung über Reizüberflutung bei Autismus offenlegt

Dieses Muster beschreibt eine Studie mit dem Titel „In Our Own Words: The Complex Sensory Experiences of Autistic Adults“. Das Forschungsteam um Keren MacLennan, Sarah O’Brien und Teresa Tavassoli zeigt, dass bis zu 94 Prozent autistischer Erwachsener sensorische Besonderheiten erleben. Besonders häufig treten Überempfindlichkeiten gegenüber hellem Licht, lauten oder unvorhersehbaren Geräuschen sowie visueller Unruhe auf – genau jene Reize, die im Supermarkt zusammenkommen.

Die Studie macht zudem deutlich: Reizüberflutung wirkt körperlich. Viele Teilnehmer beschreiben Schmerzen durch Geräusche, Übelkeit durch Gerüche oder einen sogenannten „Shutdown“, bei dem Rückzug und Sprachlosigkeit einsetzen.

Warum die „Stille Stunde“ konkret entlastet

In Salzburg zeigt sich, wie stark sich eine veränderte Umgebung auswirkt. Marktmanagerin Nicole Lengauer berichtet aus dem Alltag der Filialen: „Wir Mitarbeiter genießen die Stille Stunde selbst sehr. Aber auch die älteren Menschen, wie die jüngeren Menschen auch finden das ganze super und sehr angenehm. So eine Stille Stunde ohne Lärm tut uns allen ab und an sehr gut.“

Das Angebot richtet sich nicht nur an Menschen mit Autismus. Auch Kundinnen und Kunden mit sensorischer Überempfindlichkeit, psychischen Belastungen oder Wahrnehmungsstörungen nutzen die ruhigere Stunde. Laut Melanie Lahl, Autismus-Expertin vom Verein Unsichtbar, profitieren davon in Stadt und Land Salzburg viele Tausend Menschen. Sie sagt: Das Angebot werde „nicht nur von Salzburgern im Autismus-Spektrum gerne genutzt“, sondern ermögliche ebenso anderen Betroffenen, „am täglichen Leben auch außer Haus gut teilzunehmen“.

Wie sensorische Verarbeitung bei Autismus anders funktioniert

Sensorische Verarbeitung beschreibt, wie das Gehirn Sinnesreize ordnet und bewertet. Bei autistischen Menschen verläuft dieser Prozess häufig anders. Reize werden weniger stark gefiltert, treffen dichter aufeinander und können das Nervensystem überlasten. Darauf verweist auch die britische National Autistic Society in ihrer Zusammenstellung zu sensorischer Verarbeitung. Über- und Unterempfindlichkeit wechseln sich dabei oft ab.

Entscheidend ist nicht die Stärke eines einzelnen Reizes, sondern die Menge gleichzeitiger Eindrücke und ihre Unvorhersehbarkeit. Einkaufsumgebungen gelten deshalb als besonders belastend: Licht, Geräusche, Gerüche und Bewegung wirken parallel – ohne Möglichkeit, sie zu steuern oder auszublenden.

Der REWE-Konzern hat das Modell deshalb auf weitere Standorte ausgeweitet. Österreichweit bieten inzwischen 45 Filialen eine „Stille Stunde“ an.

Kurz zusammengefasst:

  • Reizüberflutung entsteht im Gehirn, wenn zu viele Sinneseindrücke gleichzeitig wirken. Für Menschen mit Autismus machen grelles Licht, Lärm und Gerüche den Supermarkt oft unbenutzbar.
  • Die „Stille Stunde“ senkt genau diese Reize: In Salzburger Supermärkten werden Licht und Geräusche reduziert, was den Einkauf für Betroffene wieder möglich macht.
  • Der Effekt reicht über Autismus hinaus: Studien und Erfahrungen zeigen, dass auch ältere Menschen, Mitarbeiter und sensible Kunden von ruhigeren Einkaufsumgebungen profitieren.

Übrigens: Was in Salzburger Supermärkten Menschen mit Autismus entlastet, betrifft weit mehr – rund jeder fünfte Mensch reagiert besonders sensibel auf Lärm, Licht und Reizfülle. Warum Hochsensibilität oft missverstanden wird und wie Betroffene mit Überreizung umgehen, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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