Warum saubere Luft aus China die Erde stärker aufheizt als gedacht
China reduziert gezielt Luftverschmutzung – mit überraschender Folge: Die Erderwärmung nimmt messbar zu. Daten zeigen den globalen Effekt.

Rauchende Schlote wie diese prägten lange das Klima – doch der Rückgang der Luftverschmutzung in China lässt die Erderwärmung schneller voranschreiten. © Wikimedia
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet bessere Luftqualität die Erderwärmung beschleunigt? Genau das ist jetzt passiert – und zwar im größten Industrieland der Welt. Seit über zehn Jahren kämpft China gezielt gegen Luftverschmutzung – mit dem unerwarteten Effekt, dass die Erderwärmung dadurch messbar zunimmt. Der Ausstoß von Schwefeldioxid ist stark gesunken, die Luft ist sauberer. Doch genau das hat Folgen: Die schützende Wirkung der Schadstoffe fällt weg – und die globale Temperatur steigt schneller als zuvor.
Denn die bisherigen Verschmutzungen hatten einen unerwarteten Nebeneffekt: Sie kühlten die Erde. Und jetzt, da sie verschwunden sind, kommt die volle Kraft der Treibhausgase ungebremst zum Tragen.
China kämpft gegen die Luftverschmutzung – Erderwärmung als überraschende Folge
Seit 2010 hat China seine Schwefeldioxid-Emissionen um rund 75 Prozent gesenkt. Das entspricht 20 Millionen Tonnen weniger Schadstoffen pro Jahr. Möglich wurde das durch schärfere Abgasvorschriften, Filteranlagen in Kohlekraftwerken und neue Regeln für Fahrzeuge.
Was nach einem ökologischen Erfolg klingt, hat allerdings einen unerwarteten Haken. Denn Schwefeldioxid-Aerosole wirken wie ein Sonnenschirm: Sie reflektieren Sonnenstrahlung zurück ins All und bremsen so die Erderwärmung. Ohne sie heizt sich der Planet schneller auf.
„Chinas Beseitigung von Aerosolen ist daher wahrscheinlich ein wichtiger Faktor für die jüngste Beschleunigung der globalen Erwärmung“, schreiben Forscher auf der Preprint-Plattform Research Square. Preprints sind wissenschaftliche Arbeiten, die noch keine Begutachtung durch andere Forscher durchlaufen haben.
Nordpazifik wird spürbar wärmer – auch Europa betroffen
Besonders betroffen ist der Nordpazifik. Dort zeigen Satellitendaten und Modellrechnungen eine deutlich erhöhte Erwärmung – seit 2010 rund 0,07 Grad Celsius zusätzlich. Auch Teile Nordamerikas, der Arktis und Ostasiens erwärmen sich überdurchschnittlich schnell.
Aber auch in Europa könnten die Folgen ankommen. Zwar wird Mitteleuropa laut Modell nicht zum Hotspot, doch auch hier wirkt die globale Erwärmung – etwa über veränderte Luftströmungen, Extremwetter oder die Verschiebung von Klimazonen.
Klimadaten sprechen eine klare Sprache
Schon heute ist messbar, wie stark sich das Klima verändert hat. Im Zeitraum 2013 bis 2022 stieg die globale Durchschnittstemperatur um rund 0,25 Grad pro Jahrzehnt. In den 50 Jahren davor waren es nur 0,18 Grad. Die Forscher sehen in der Reduktion chinesischer Emissionen einen entscheidenden Anteil daran.
„Wir stellen eine sich schnell entwickelnde globale, jährliche mittlere Erwärmung von 0,07 ± 0,05 ºC fest“, heißt es in der Studie. Das reicht aus, um einen großen Teil der aktuellen Erwärmungsrate zu erklären – und könnte das Erreichen künftiger Klimaziele erschweren.
Warum bessere Luft nicht nur gute Folgen hat
Was paradox klingt, lässt sich physikalisch erklären: Weniger Aerosole bedeuten weniger Reflexion von Sonnenstrahlung – mehr Wärme gelangt auf die Erdoberfläche. Dazu kommen veränderte Wolkenbildung und vermehrter Energieeintrag in die Atmosphäre.
Auch der Regen verändert sich. In China etwa zeigen die Modelle vermehrte Sommerniederschläge – in anderen Regionen wie Europa könnten dagegen neue Trockenphasen entstehen. Die Umverteilung von Energie und Feuchtigkeit ist messbar und zeigt, wie stark lokale Umweltpolitik globale Folgen haben kann.
Was das für Klimaschutz und Politik bedeutet
Für Politik und Gesellschaft ergibt sich eine schwierige Lage: Einerseits schützt saubere Luft die Gesundheit von Millionen Menschen. Andererseits hat die Luftverschmutzung das Klima bislang ungewollt mitgekühlt.
Die Forschung zeigt: Umweltpolitik darf nicht nur lokal gedacht werden. Denn Maßnahmen in einem Land – selbst mit guten Absichten – können weltweit spürbare Nebeneffekte haben. Das heißt auch: Wer heute Klimaschutz plant, muss solche Wechselwirkungen mitdenken.
Kurz zusammengefasst:
- Die Reduktion der Luftverschmutzung in China hat zur Beschleunigung der Erderwärmung beigetragen – vor allem durch den Rückgang kühlender Schwefeldioxid-Emissionen.
- Diese Aerosole reflektierten zuvor Sonnenlicht und bremsten die Erwärmung; ihr Fehlen lässt nun die globale Temperatur schneller steigen.
- Besonders stark erwärmen sich der Nordpazifik und Ostasien – doch auch Europa spürt bereits die klimatischen Folgen.
Übrigens: Während China mit dem Rückgang der Luftverschmutzung ungewollt die Erderwärmung ankurbelt, warnt eine neue Studie vor ganz anderen Folgen: Feinstaub verändert die Gehirnentwicklung von Kindern – selbst bei Werten unterhalb der Grenzwerte. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Andreas Habich via Wikimedia unter CC BY-SA 3.0