Mücken sind wild auf Menschen – aber nicht aus Vorliebe
Im Atlantischen Regenwald stechen Mücken häufiger Menschen, weil Waldverlust andere Wirte verdrängt – mit Folgen für die Ausbreitung gefährlicher Viren.
Mücken bevorzugen Menschen – nicht aus Lust am Blut, sondern weil der Verlust von Lebensräumen andere Wirte verdrängt und der Mensch zur am leichtesten erreichbaren Blutquelle wird. © Pexels
Der Atlantische Regenwald entlang der brasilianischen Küste gehört zu den artenreichsten Regionen der Erde. Hunderte Vogel-, Amphibien-, Reptilien-, Säugetier- und Fischarten leben dort. Doch der Raum für diese Vielfalt schrumpft. Durch die Ausbreitung menschlicher Siedlungen, Landwirtschaft und Infrastruktur ist nur noch etwa ein Drittel der ursprünglichen Waldfläche erhalten. Mit dem Verlust der Lebensräume verändert sich auch, wen Mücken stechen – selbst in Schutzgebieten.
Wo früher viele Tiere als Blutwirte verfügbar waren, bleiben heute oft Menschen zurück. Sie wohnen, arbeiten oder bewegen sich an den Rändern der verbliebenen Waldflächen. In einer Studie, veröffentlicht in Frontiers in Ecology and Evolution, nahmen Mücken in solchen Gebieten überdurchschnittlich häufig menschliches Blut auf. Diese Verschiebung hat Folgen, denn in denselben Regionen zirkulieren zahlreiche Krankheitserreger.
Der Waldverlust verschiebt das Stechverhalten
Untersucht wurden zwei Schutzgebiete im Bundesstaat Rio de Janeiro: die Guapiaçu River Ecological Reserve (REGUA) und das Sítio Recanto Preservar. Forscher fingen dort insgesamt 1.714 Mücken aus 52 Arten. Nur ein kleiner Teil der weiblichen Tiere hatte kurz zuvor Blut aufgenommen. Doch wo sich die Blutmahlzeiten eindeutig bestimmen ließen, zeigte sich ein klares Muster.
Von 24 identifizierten Mahlzeiten stammten 18 vom Menschen. Weitere Proben ließen sich Vögeln, einer Amphibie, einem Hund und einer Maus zuordnen. In mehreren Fällen enthielt eine einzelne Mücke Blut von zwei verschiedenen Wirten. Das spricht für ein opportunistisches Verhalten. Die Insekten nehmen, was erreichbar ist.
Warum Mücken Menschen bevorzugen
Das Stechverhalten folgt keiner bewussten Entscheidung, sondern der Verfügbarkeit von Wirten. Wo Tierpopulationen schrumpfen oder sich aus bestimmten Gebieten zurückziehen, bleibt der Mensch als häufigste Blutquelle zurück. „Die von uns gefangenen Mückenarten zeigen eine klare Vorliebe dafür, sich von Menschen zu ernähren“, ordnet Studienautor Jeronimo Alencar vom Oswaldo-Cruz-Institut die Forschungsergebnisse ein.
Dahinter steckt kein neues Verhalten der Insekten, sondern eine veränderte Umwelt. Menschen halten sich dauerhaft oder regelmäßig an den Rändern verbliebener Waldreste auf. Für Mücken verkürzen sich dadurch die Wege zwischen Brutplätzen und Blutquelle deutlich. Nähe ersetzt Vielfalt.

Mehr Mückenstiche, höheres Krankheitsrisiko
Diese Verschiebung bleibt nicht ohne gesundheitliche Folgen. In den betroffenen Regionen zirkulieren Erreger wie Gelbfieber, Dengue, Zika oder Chikungunya. Je häufiger Mücken Menschen stechen, desto leichter können sich diese Viren verbreiten. Sérgio Machado von der Federal University of Rio de Janeiro warnt: „In einer Umgebung mit großer Wirbeltier-Vielfalt erhöht eine Bevorzugung des Menschen das Risiko der Übertragung von Krankheitserregern deutlich.“
Besonders heikel ist, dass dieser Effekt selbst in Schutzgebieten auftritt. Diese Flächen sind keine abgeschlossenen Räume. Sie liegen eingebettet in genutzte Landschaften, in denen Menschen präsent sind – als Anwohner, Landarbeiter oder Touristen. Dadurch entstehen dauerhafte Kontaktzonen zwischen Mensch, Mücke und Erreger.
Globale Risiken, lokale Ursachen
Krankheiten, die durch Mücken, Zecken oder andere stechende Insekten übertragen werden, fordern weltweit jedes Jahr mehr als 700.000 Todesopfer. Laut WHO wurden 2022 rund 249 Millionen Malariafälle registriert. Dengue erreichte 2019 etwa 4,2 Millionen bekannte Infektionen, bei einem potenziellen Risiko für rund drei Milliarden Menschen.
Die Entwicklungen im Raum Rio de Janeiro machen deutlich, wie solche globalen Risiken entstehen. Wo biologische Vielfalt schwindet, verändern sich lokale Kontakte zwischen Mensch und Insekt. Tiere verschwinden, Menschen bleiben präsent. Damit verschieben sich auch die Wege, auf denen Krankheitserreger zirkulieren.
Prävention beginnt im Ökosystem
Maßnahmen gegen Mücken konzentrieren sich häufig auf Insektizide oder die Beseitigung von Brutplätzen. Doch solche Ansätze greifen zu kurz, wenn die Ursachen im Lebensraum liegen. Der Erhalt vielfältiger Ökosysteme verteilt das Stichrisiko auf mehrere Wirte und senkt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen regelmäßig gestochen werden.
„Wenn bekannt ist, dass Mücken in einem Gebiet Menschen bevorzugen, ist das ein Warnsignal für das Übertragungsrisiko“, so Alencar. Besonders wichtig ist dieser Hinweis dort, wo verbliebene Waldflächen, Siedlungen und Tourismus direkt aufeinandertreffen.
Kurz zusammengefasst:
- Waldverlust verdrängt tierische Wirte, dadurch stechen Mücken in betroffenen Regionen häufiger Menschen, selbst in Schutzgebieten.
- Mehr Mensch-Mücke-Kontakt erhöht das Infektionsrisiko, weil Viren wie Dengue, Zika oder Gelbfieber leichter übertragen werden.
- Gesundheitsschutz beginnt im Ökosystem: Erhalt von Biodiversität verteilt das Stichrisiko auf viele Wirte und senkt die Gefahr für Menschen.
Übrigens: Während Mücken Menschen immer häufiger ins Visier nehmen, tüfteln Entwickler bereits an radikalen Gegenmaßnahmen – ein neuer Laser soll die Plagegeister lautlos erkennen und in Sekunden ausschalten, ganz ohne Chemie. Mehr dazu in unserem Artikel.
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