Warum Deutschlands Stromsystem 2025 besser ist als sein Ruf – und dennoch wackelt

2025 liefern Sonne und Wind erstmals mehr Strom als fossile Energien. Emissionen sinken, doch Wind-Ausbau und Speicher bleiben Schwachpunkte.

Windkraftanlage in Winterlandschaft bei Raa-Besenbek, Schleswig-Holstein

2025 dominieren Wind und Solar den Strommix in Deutschland. Erneuerbare Energien erreichen einen Anteil von 55,9 Prozent. © Pexels

2025 ist für die Stromversorgung in Deutschland ein besonderes Jahr. Zum ersten Mal liefern Sonne und Wind über das Jahr hinweg mehr Energie als Kohle, Gas und andere fossile Energieträger zusammen. Der Wandel zeigt sich im Alltag: Solaranlagen decken an vielen Tagen fast den gesamten Mittagsbedarf, Kohlekraftwerke laufen immer seltener durch.

Nach Auswertungen des Fraunhofer-Institut für Solar Energiesysteme (ISE) sinken zugleich die Emissionen der Stromerzeugung deutlich, während erneuerbare Energien das Netz tragen. Für Deutschland ist das ein klarer Fortschritt. Gleichzeitig verändert sich die Logik der Versorgung – mit neuen Abhängigkeiten von Wind, Wetter und Ausgleichsmechanismen im Stromsystem.

Erneuerbare prägen den Strommix deutlich

Insgesamt stammen rund 57 Prozent der gesamten deutschen Nettostromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. In der öffentlichen Stromversorgung, also dem Strom, der tatsächlich aus der Steckdose kommt, liegt ihr Anteil bei 55,9 Prozent. Diese Werte sind das neue Normal.

Windenergie bleibt mit rund 132 Terawattstunden (TWh) der wichtigste Einzelposten, auch wenn die Produktion etwa 3,2 Prozent unter dem Vorjahr liegt. Davon entfallen 106 TWh auf Anlagen an Land und 26,1 TWh auf Offshore-Windparks. Solarenergie liefert etwa 87 TWh und überholt damit erstmals die Braunkohle in der öffentlichen Nettostromerzeugung.

Solar wächst rasant – auch jenseits der Statistik

Auffällig ist der starke Zuwachs bei Photovoltaik. Gegenüber dem Vorjahr steigt die Erzeugung um rund 15 TWh, ein Plus von etwa 21 Prozent. Davon werden 71 TWh ins öffentliche Netz eingespeist. Weitere 16,9 TWh verbrauchen Haushalte und Betriebe direkt selbst. Dieser Eigenverbrauch entspricht 3,5 Prozent der gesamten deutschen Stromerzeugung.

Ein Teil dieser Mengen taucht in der Statistik nur unvollständig auf. Vor allem kleinere Anlagen wie Balkonsolargeräte bleiben oft ungenau erfasst. Das bedeutet: Die reale Bedeutung der Solarenergie liegt vermutlich höher, als es die offiziellen Zahlen zeigen.

2025 prägen Windkraft und Photovoltaik die Stromerzeugung in Deutschland erstmals gemeinsam an der Spitze. © Fraunhofer ISE/energy-charts.info
2025 prägen Windkraft und Photovoltaik die Stromerzeugung in Deutschland erstmals gemeinsam an der Spitze. © Fraunhofer ISE/energy-charts.info

Kohle fällt zurück, Emissionen sinken stark

Während erneuerbare Energien wachsen, verliert die Kohle weiter an Bedeutung. Braun- und Steinkohle erzeugen zusammen rund 107 TWh, so wenig wie seit den 1950er-Jahren nicht mehr. Die Bruttostromerzeugung aus Steinkohle erreicht ein Niveau, das zuletzt Anfang der 1960er-Jahre üblich war.

Dieser Rückgang wirkt sich direkt auf das Klima aus. Die CO₂-Emissionen der deutschen Stromerzeugung liegen 2025 bei etwa 160 Millionen Tonnen. 1990 waren es noch 366 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Rückgang um rund 58 Prozent. Gegenüber 2024 stagnieren die Emissionen allerdings, was zeigt: Die einfachen Einsparungen sind weitgehend erreicht.

Erdgas gewinnt an Gewicht – aus mehreren Gründen

Parallel dazu steigt der Anteil von Erdgas am Strommix auf rund 10,9 Prozent. In absoluten Zahlen produzieren Gaskraftwerke 52,4 TWh für die öffentliche Stromversorgung und weitere 26,1 TWh für den industriellen Eigenverbrauch. Hinzu kommen 4,1 TWh aus Kohlegas.

Drei Faktoren erklären diesen Zuwachs. Erstens macht der sogenannte Fuel Switch Gas wirtschaftlich attraktiv. Sinkende Gaspreise und höhere CO₂-Kosten verdrängen Braunkohle. Zweitens springen Gaskraftwerke ein, wenn Wind und Wasserkraft schwächeln. Drittens bleibt der Ausbau der Windenergie hinter den politischen Vorgaben zurück.

Wind-Ausbau verfehlt die Ziele deutlich

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht für Ende 2025 eine installierte Windleistung an Land von 76,5 Gigawatt (GW) vor. Tatsächlich erreicht Deutschland nur 68,1 GW. Das Ziel wird um 8,4 GW verfehlt. Offshore-Wind bleibt ebenfalls hinter den Erwartungen zurück.

Diese Lücke wirkt sich stark auf die Strommenge aus. Fehlende Leistung bei Wind an Land wirkt sich etwa doppelt auf die Erzeugung aus, bei Offshore-Wind sogar rund 3,5-fach. Solarenergie kann diese Defizite nicht vollständig ausgleichen, weil sie zeitlich anders verfügbar ist.

Stromimporte folgen dem Markt, nicht der Not

Deutschland bleibt 2025 Nettoimporteur von Strom. Der Importüberschuss liegt bei rund 21,3 TWh, das entspricht 4,8 Prozent des Stromverbrauchs. Gegenüber dem Vorjahr sinkt dieser Wert um mehr als 6 TWh.

Die Importe konzentrieren sich auf die Sommermonate. Der Grund liegt im Preis. In dieser Zeit sinkt der Verbrauch stärker als die Erzeugung. Länder wie Frankreich, Dänemark oder Norwegen bieten günstigen Strom an. Fachleute vom Fraunhofer ISE ordnen das klar ein: „Der Ausbau senkt das Importsaldo, solange der weitere Ausbau ins Stromnetz integriert werden kann.“ Importstrom ersetzt teure heimische Produktion, nicht fehlende Kapazitäten.

Börsenpreise steigen, Haushalte spüren es später

An der Strombörse steigt der durchschnittliche Day-Ahead-Preis 2025 auf 86,55 Euro pro Megawattstunde, ein Plus von 10,9 Prozent gegenüber 2024. Intraday-Preise liegen mit 89,38 Euro noch höher. Ursache sind höhere CO₂-Kosten und der stärkere Einsatz von Gas.

Für Haushalte wirkt dieser Anstieg verzögert. Viele Endkundenpreise sinken zunächst, weil sie noch die niedrigen Börsenpreise aus dem Vorjahr widerspiegeln. Politische Faktoren wie der Wegfall der EEG-Umlage verstärken diesen Effekt. Langfristig gilt: Je höher der Anteil von Wind und Solar, desto niedriger fallen die Börsenpreise aus.

Speicher bleiben der Engpass im System

Der wachsende Anteil erneuerbarer Energien verschiebt das Problem. Strom fehlt selten über das Jahr gesehen, sondern zu bestimmten Zeiten. Hier kommt es jetzt auf die Speicher an. Ende 2025 beträgt die installierte Batteriekapazität rund 24 Gigawattstunden (GWh). Davon entfallen 19,6 GWh auf Heimspeicher, 3,7 GWh auf Großbatterien.

Modelle des Fraunhofer ISE zeigen jedoch einen Bedarf von 100 bis 170 GWh bis 2030. Die Lücke ist erheblich. Ohne zusätzliche Speicher bleibt das System anfällig für Wetterextreme und Lastspitzen.

Das Stromsystem in Deutschland liefert 2025 mehr sauberen Strom als je zuvor. Es senkt Emissionen, dämpft Preise und reduziert Kohle auf ein historisches Minimum. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Ausgleichsmechanismen. Wind-Ausbau, Speicher und Netze entscheiden darüber, ob aus dem heutigen Fortschritt dauerhafte Stabilität wird.

Kurz zusammengefasst:

  • 2025 liefert das Stromsystem Deutschland erstmals mehr Strom aus Sonne und Wind als aus fossilen Energieträgern, der Anteil erneuerbarer Energien liegt bei rund 57 Prozent, die CO₂-Emissionen der Stromerzeugung sind seit 1990 um etwa 58 Prozent gesunken.
  • Der Rückgang der Kohle und der wachsende Einsatz von Solarstrom senken langfristig Kosten und Emissionen, kurzfristig gleichen Erdgas und Stromimporte Schwankungen aus, meist aus Preisgründen und nicht wegen fehlender Kapazitäten.
  • Das System bleibt anfällig, weil der Windkraftausbau hinter den Zielen zurückliegt und Speicher mit rund 24 GWh deutlich unter dem bis 2030 benötigten Bedarf von 100 bis 170 GWh liegen.

Übrigens: Während Wind- und Solarstrom in Europa stark wachsen, zahlen Verbraucher hier oft doppelt so viel für Strom wie in den USA – wegen Importabhängigkeit, maroder Netze und hoher Abgaben. Warum das so ist und was die EU dagegen plant – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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