Stromverbrauch zu hoch: Erneuerbare Energien kommen nicht hinterher
Trotz Rekordausbau erneuerbarer Energien steigen die CO₂-Emissionen weiter, weil der Stromverbrauch weltweit schneller wächst.
Windräder liefern immer mehr sauberen Strom – doch der wachsende Stromverbrauch sorgt dafür, dass selbst der Rekordausbau erneuerbarer Energien fossile Kraftwerke vielerorts nicht vom Netz drängt. © Unsplash
Der Ausbau von Wind- und Solarenergie erreicht neue Höchststände. Weltweit entstehen Solarfelder, Windparks liefern Strom in bisher ungekanntem Umfang. Dennoch steigt der CO₂-Ausstoß aus der Stromerzeugung weiter. Denn während immer mehr sauberer Strom produziert wird, wächst der Stromhunger noch schneller. Neuer Ökostrom fließt damit vor allem in zusätzlichen Bedarf, reicht jedoch nicht, um diesen zu decken. Deshalb muss noch mehr Strom erzeugt werden und zwar durch fossile Kraftwerke, die vielerorts weiterhin am Netz bleiben.
Digitale Dienste, künstliche Intelligenz, Klimaanlagen und Elektrofahrzeuge sind Haupttreiber der Nachfrage. Eine Analyse von Diana Ürge-Vorsatz von der Central European University in Wien und Felix Creutzig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beschreibt diesen Zusammenhang und zeigt, warum fossile Energie trotz Rekordausbau erneuerbarer Quellen im System bleibt.
Stromverbrauch wächst schneller als erneuerbare Energien
Wind- und Solarenergie liefern heute weltweit rund 3.550 Terawattstunden Strom pro Jahr. Allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 wuchs die Solarstromproduktion um 31 Prozent. Dieser Zuwachs übertraf viele Erwartungen. Gleichzeitig wuchs der globale Stromverbrauch seit 2015 jährlich jedoch um fast 6.930 Terawattstunden.
Der zusätzliche Ökostrom fließt somit in gestiegenen Bedarf, statt alte fossile Kapazitäten zu ersetzen. In der Folge legten die CO₂-Emissionen aus der Stromerzeugung im gleichen Zeitraum um rund 1,8 Gigatonnen zu.
Rechenzentren und Kühlung verursachen größeren Strombedarf
Besonders stark fällt der Anstieg bei Rechenzentren aus. Sie versorgen Cloud-Dienste, Streaming, digitale Verwaltung und immer mehr KI-Anwendungen. Im Jahr 2024 verbrauchten diese Zentren weltweit rund 415 Terawattstunden Strom. Das entsprach etwa 1,5 Prozent des globalen Verbrauchs. Nach Prognosen der Internationalen Energieagentur könnte sich dieser Wert bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden erhöhen.
Hinzu kommt der wachsende Bedarf für Kühlung. Steigende Temperaturen führen dazu, dass Gebäude häufiger klimatisiert werden. Der Stromverbrauch für Raumkühlung wächst seit Jahren schneller als fast jeder andere Bereich. Allein die stärkere Hitze im Jahr 2024 erhöhte den globalen Strombedarf um rund 208 Terawattstunden gegenüber dem Vorjahr.
Elektromobilität und Größe statt Effizienz
Auch die Elektromobilität verändert die Strombilanz. Elektrofahrzeuge benötigten 2024 weltweit rund 180 Terawattstunden Strom. Dieser Wert steigt weiter. Gleichzeitig werden Fahrzeuge größer und schwerer. Der Anteil von SUVs an den weltweiten Autoverkäufen wuchs zuletzt auf 48 Prozent. Effizienzgewinne durch neue Antriebe gehen dadurch teilweise verloren.
Zusätzlich wächst der Energiebedarf durch einen anhaltenden Trend zu energieintensivem Konsum. Größere Wohnflächen, mehr Geräte und mehr digitale Dienste summieren sich zu einem erheblichen Mehrverbrauch. Jeder einzelne Faktor wirkt überschaubar. Zusammen erklären sie jedoch, warum der Klimanutzen des Rekordausbaus begrenzt bleibt.
Europa zeigt, dass es anders geht
Ein Blick nach Europa zeigt einen anderen Weg. In der Europäischen Union erreichte der Stromverbrauch bereits 2008 seinen Höchststand. Seitdem sank er um rund zehn Prozent, was etwa 270 Terawattstunden entspricht. Gleichzeitig wuchs die Wirtschaftsleistung real um 24 Prozent. Weniger Stromverbrauch ging hier also nicht mit wirtschaftlichem Stillstand einher.
Im gleichen Zeitraum baute die EU Wind- und Solarenergie massiv aus. Rund 680 Terawattstunden zusätzliche Jahresproduktion kamen hinzu. Damit ersetzte Europa etwa 800 Terawattstunden Strom aus fossilen Quellen. Die Emissionen des Energiesektors sanken um rund 600 Megatonnen und liegen heute bei weniger als der Hälfte des Niveaus von 2008.
Nachfrage entscheidet über den Klimanutzen
Diese Entwicklung unterstreicht eine zentrale Erkenntnis der Analyse: Der Ausbau erneuerbarer Energien bleibt notwendig, reicht aber allein nicht aus. Ohne eine Begrenzung des Verbrauchs deckt neuer sauberer Strom vor allem zusätzlichen Bedarf. Kohle, Öl und Gas bleiben länger im System.
Die Autoren beziffern das Potenzial auf der Nachfrageseite deutlich. Durch gezielte Maßnahmen ließen sich bis 2030 zwischen 1.000 und 2.000 Terawattstunden Strom einsparen. Das würde den Bedarf an fossil erzeugtem Strom um bis zu zehn Prozent senken. Entscheidend sind Effizienz, flexible Nutzung und strukturelle Veränderungen.
Große Hebel auf der Nachfrageseite
- Effizientere Gebäude und Geräte
- Zeitlich flexibler Stromverbrauch
- Geringerer Energiebedarf im Verkehr
- Weniger energieintensiver Konsum
Weniger Verbrauchsspitzen entlasten Netze und Klima
Ein wichtiger Ansatz liegt in der zeitlichen Steuerung des Stromverbrauchs. Elektroautos, Wärmepumpen und Batteriespeicher können Strom dann nutzen, wenn Wind und Sonne viel liefern. Schon kleine Verschiebungen senken Kosten und entlasten Netze. Modelle zeigen, dass das zeitweise Reduzieren von Verbrauchsspitzen messbare Effekte hat.
Auch Stadtplanung und Verkehr beeinflussen den Energiebedarf. Kürzere Wege, mehr öffentlicher Verkehr und sichere Radinfrastruktur senken den Strom- und Energieverbrauch dauerhaft. Städte wie Paris oder London verzeichnen bereits einen deutlichen Rückgang des Autoverkehrs, begleitet von mehr Radverkehr.
Kurz zusammengefasst:
- Wind- und Solarenergie wachsen weltweit stark, doch der Stromverbrauch steigt noch schneller, sodass neuer Ökostrom vor allem zusätzlichen Bedarf deckt und fossile Kraftwerke kaum verdrängt werden.
- Haupttreiber des steigenden Strombedarfs sind KI-Rechenzentren, Klimaanlagen, Elektromobilität und energieintensiver Konsum, was seit 2015 zu höheren CO₂-Emissionen aus der Stromerzeugung geführt hat.
- Europa zeigt eine Alternative: Sinkender Stromverbrauch bei wachsender Wirtschaft ermöglicht, dass erneuerbare Energien fossilen Strom tatsächlich ersetzen und die Emissionen deutlich zurückgehen.
Übrigens: Während weltweit der Stromhunger schneller wächst als neue Wind- und Solaranlagen liefern können, experimentiert China mit einer ungewöhnlichen Lösung und hebt seine Windkraft einfach in die Luft. Schwebende Anlagen nutzen starke Höhenwinde, liefern bereits Strom ins Netz und sollen ohne zusätzliche Flächen auskommen – mehr dazu in unserem Artikel.
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