Neun neue Spinnenarten in Laos entdeckt – eine trägt ihre Jungen mit den Fangzähnen
In Laos’ Kalksteinhöhlen entdeckten Forscher neun neue Spinnenarten, darunter eine augenlose Art und Tiere mit ungewöhnlicher Brutpflege.
Der Vangvieng-Höhlenzwerg (Speocera vangvieng) gehört zu den neu entdeckten Spinnenarten und erreicht nur etwa einen Millimeter Körperlänge. © Nicky Bay
Noch immer entdecken Forscher Tierarten, die zuvor niemand beschrieben hat. Diesmal führt die Spur nicht in den Dschungel oder ins Meer, sondern in die Kalksteinhöhlen von Laos. Dort haben Wissenschaftler neue Spinnenarten dokumentiert, die sich über lange Zeit an völlige Dunkelheit angepasst haben. Einige sind nur etwa einen Millimeter groß, andere tragen ihren Nachwuchs mit den Fangzähnen. Eine Art lebt sogar komplett ohne Augen.
Solche Funde sind mehr als eine zoologische Randnotiz. Höhlen zählen zu den empfindlichsten Ökosystemen weltweit. Viele der dort lebenden Arten kommen nur in einem einzigen Höhlensystem vor. Doch der Ausbau von Tourismus und Kalksteinabbau setzt diese Lebensräume zunehmend unter Druck.
Winzige Höhlenspinnen entwickeln erstaunliche Strategien
Die Untersuchung entstand in Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der National University of Laos. Insgesamt beschreiben die Forscher neun bisher unbekannte Arten aus drei Gattungen und zwei Familien. Besonders bemerkenswert: Die Spinnenfamilie Ochyroceratidae wurde erstmals überhaupt in Laos nachgewiesen.
Mehrere der entdeckten Arten gehören zur Gattung Speocera. Diese Tiere erreichen oft nur etwa einen Millimeter Körperlänge. Trotz ihrer Winzigkeit zeigen sie ein außergewöhnliches Brutverhalten. „Ein Weibchen haben wir in seinem Deckennetz entdeckt, das es in die kleinen Hohlräume eines Stalagmiten gebaut hatte. Dort hielt es nur ein einzelnes Ei vorsichtig mit seinen Mundwerkzeugen fest“, erzählt Arachnologe Peter Jäger.
Ein anderes Weibchen trug sogar zwei frisch geschlüpfte Jungspinnen mit den Giftklauen. „Erstaunlich dabei: Die Jungtiere waren kurz nach ihrem Schlupf bereits fast halb so groß wie ihre Mutter“, sagt Jäger.
Strategie gegen Beutemangel
In Höhlen herrscht Nahrungsmangel. Beutetiere sind rar. Viele der entdeckten Spinnenarten scheinen darauf mit einer besonderen Strategie zu reagieren:
- Sie legen nur sehr wenige Eier.
- Die Jungtiere entwickeln sich größer als üblich.
- Die Mütter investieren intensiv in die Brutpflege.
Auch Arten der Gattung Sinoderces verfolgen offenbar dieses Prinzip. Die geringe Eizahl erhöht die Überlebenschancen der Nachkommen. Diese Anpassung gilt als typisch für isolierte Höhlenlebensräume.
Eine Art lebt vollständig ohne Augen
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Art Sinoderces phoukham. Sie besitzt keinerlei Augen und gilt als erste bekannte augenlose Vertreterin innerhalb der Familie Psilodercidae. Diese Familie umfasst mehr als 220 beschriebene Arten. Laut Jäger sei die Art deshalb bemerkenswert, weil innerhalb dieser großen Verwandtschaft bislang keine einzige ohne Sehorgane dokumentiert worden sei.
In absoluter Dunkelheit verlieren Augen ihre Funktion. Viele Höhlentiere entwickeln stattdessen empfindlichere Tast- oder Vibrationssinne. Der Verlust der Sehorgane spart Energie. Für Tiere in nährstoffarmen Umgebungen kann das entscheidend sein.
Isolation fördert Artenvielfalt auf engem Raum
Die Kalksteinregion um Vang Vieng in Laos gilt als biologischer Sonderfall. Zahlreiche Arten leben dort nur in einzelnen Höhlen. Selbst Höhlen, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, beherbergen unterschiedliche Arten. Arten mit einer so engen Verbreitung nennt man Endemiten.
Einige der dort entdeckten Spinnen bauen besonders fragile Netze. Schon leichte Luftbewegungen können sie zerstören. Deshalb halten sich diese Spinnen ausschließlich in windgeschützten Bereichen unter Steinen oder tief im Inneren der Höhlen auf.
Neben den augenlosen Tieren entdeckten die Forscher auch Spinnen mit auffällig schillernden Beinen. Für die Gattung Sinoderces schlugen sie den umgangssprachlichen Namen „Blaubein“ vor. Arten der Gattung Althepus werden „Buntbein“ genannt.

Klimaveränderungen könnten die Entwicklung ausgelöst haben
Die Entstehung dieser Höhlenspezialisten reicht weit zurück. Vor etwa 50 Millionen Jahren veränderte die Hebung des Himalayas das Klima in Südostasien. Längere Trockenzeiten setzten vielen Arten zu. Tiere, die feuchte Bedingungen bevorzugten, zogen sich vermutlich in Höhlen zurück. Dort entwickelten sich typische Anpassungen:
- Verlust von Augen
- Reduzierte Pigmentierung
- Spezielle Fortpflanzungsstrategien
Solche evolutionären Prozesse verlaufen langsam, aber konsequent. Über lange Zeiträume entstehen hoch spezialisierte Arten, die perfekt an ihr Umfeld angepasst sind.
Bedrohter Lebensraum mit unbekanntem Potenzial
Die Forscher gehen davon aus, dass in den laotischen Karsthöhlen noch zahlreiche weitere Arten leben. Viele Gebiete wurden bislang kaum untersucht. Doch der Druck auf diese fragilen Ökosysteme wächst durch Tourismus und Rohstoffabbau. Spinnenforscher Jäger warnt deshalb:
Tourismus und der Abbau von Kalkstein bedrohen die artenreiche Fauna, daher ist eine zeitnahe Dokumentation umso wichtiger.
Kurz zusammengefasst:
- In den Kalksteinhöhlen von Laos wurden neun neue Spinnenarten entdeckt, darunter winzige Arten mit nur etwa einem Millimeter Körperlänge, Spinnen mit intensiver Brutpflege und eine erstmals dokumentierte augenlose Art innerhalb einer Familie mit über 220 bekannten Arten.
- Die Tiere haben sich an extreme Höhlenbedingungen angepasst: Sie legen nur wenige Eier, ziehen größere Jungtiere heran, verlieren Augen oder Pigmente und kommen oft nur in einer einzigen Höhle vor – ein Beispiel für starken Endemismus durch Isolation.
- Die Funde unterstreichen die hohe Biodiversität der laotischen Karstlandschaften und zeigen zugleich ihre Verletzlichkeit, da Tourismus und Kalksteinabbau Lebensräume bedrohen, in denen vermutlich noch viele unentdeckte Arten leben.
Übrigens: Während in Laos neue Spinnenarten mit erstaunlicher Brutpflege entdeckt wurden, liefert eine andere Art nun die Lösung für ein Materialproblem, an dem Ingenieure seit Jahren arbeiten. Warum Spinnenseide erst nachgibt und dann extrem stabil wird – und was das für Schutzkleidung, Medizin und Flugzeuge bedeutet, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Nicky Bay
