Knochenfund sorgt für Aufsehen: Ältester menschlicher Vorfahr könnte aus Europa stammen

Ein über sieben Millionen Jahre alter Fund aus Bulgarien zeigt frühe Zweibein-Merkmale und wirft neue Fragen zum Ursprung des Menschen auf.

Oberschenkelknochen

Der Oberschenkel von Graecopithecus aus Bulgarien (a) zeigt im Vergleich zu „Lucy“ (Australopithecus afarensis, b) und einem Schimpansen (c) einen längeren, stärker aufgerichteten Oberschenkelhals (rot markiert) – ein Merkmal, das die Debatte um den Ursprung des Menschen neu belebt. © N. Spassov, D. Youlatos, M. Böhme, R. Bogdanova, L. Hristova, D. Begun

Wo begann der Ursprung des Menschen? Jahrzehntelang schien die Antwort klar: in Afrika. Dort fanden Forschende die ältesten bekannten Vorfahren des Menschen. Doch nun rückt ein Fund aus Südosteuropa in den Mittelpunkt der Debatte. Ein über sieben Millionen Jahre alter Oberschenkelknochen aus Bulgarien liefert Hinweise darauf, dass sich frühe Formen des aufrechten Gangs möglicherweise schon im östlichen Mittelmeerraum entwickelten.

Der Knochen stammt aus der Fundstelle Azmaka in Südbulgarien. Er wurde 2019 bei Grabungen entdeckt und ist fast vollständig erhalten. Die Forschenden ordnen ihn einer frühen Menschenaffenform namens Graecopithecus zu. Mithilfe magnetischer Datierungen bestimmten sie sein Alter auf rund 7,20 Millionen Jahre. Damit liegt der Fund zeitlich auf dem Niveau von Sahelanthropus aus dem Tschad, der auf rund 7 Millionen Jahre datiert wird, und rund eine Million Jahre vor Orrorin aus Kenia, der etwa 6 Millionen Jahre alt ist.

Was der Knochen über den Ursprung des Menschen verrät

Entscheidend ist nicht nur das Alter, sondern die Anatomie. Der untersuchte Oberschenkelknochen – ein sogenannter Femur – zeigt mehrere Merkmale, die mit aufrechtem Gehen zusammenhängen. Die internationale Studie, an der auch die Eberhard Karls Universität Tübingen beteiligt war, beschreibt eine „Übergangsform der Bipedie“, also eine frühe Zwischenstufe des aufrechten Gangs.

Besonders auffällig ist der Winkel zwischen Schenkelhals und Schaft. Er liegt bei rund 122 Grad. Zum Vergleich:

  • Beim modernen Menschen beträgt dieser Winkel meist 120 bis 140 Grad
  • Schimpansen erreichen im Schnitt etwa 130 Grad
  • Orang-Utans liegen oft bei 140 Grad oder darüber

Der Wert aus Bulgarien liegt näher am menschlichen Bereich als an stark kletterangepassten Menschenaffen. Das deutet auf eine andere Belastung des Hüftgelenks hin – eher durch Gehen als durch Hangeln im Geäst.

Hinzu kommt ein verlängertes Stück des Schenkelhalses. Dieses Detail erhöht den Hebelarm bestimmter Muskeln, die das Becken beim Gehen stabilisieren. Laut Studie besitzen nur frühe Homininen und der bulgarische Fund diese deutlich ausgeprägte Struktur.

Innere Struktur spricht für regelmäßige Belastung

Nicht nur die äußere Form überzeugt. Auch das Innere des Knochens liefert Hinweise. Computertomografische Untersuchungen zeigen eine asymmetrische Verteilung der Knochensubstanz im Schenkelhals: Die Unterseite ist deutlich dicker als die Oberseite. Dieses Muster entsteht, wenn ein Knochen regelmäßig vertikal belastet wird – etwa beim Gehen auf zwei Beinen.

Baumbewohnende Menschenaffen zeigen dagegen meist eine gleichmäßigere Verteilung. Zudem fehlt dem Fund eine typische Knochenleiste, die bei heutigen Menschenaffen mit starkem Klettern verbunden ist. Der Schaft verläuft nahezu gerade und nicht deutlich gekrümmt, wie es bei stark baumlebenden Arten häufig der Fall ist.

Die wichtigsten Merkmale im Überblick:

  • Alter: rund 7,2 Millionen Jahre
  • Länge des Knochens: etwa 21 bis 22 Zentimeter
  • Geschätztes Körpergewicht: durchschnittlich 23 bis 24 Kilogramm
  • Umgebung: offene Busch- und Waldsavanne

Savannenlandschaft statt dichter Urwald

Die Sedimentschichten in Azmaka sind bis zu 26 Meter mächtig. Über 2.000 Fossilien von verschiedenen Tierarten fanden sich dort. Alles spricht für eine Landschaft mit offenen Flächen, saisonaler Trockenheit und savannenähnlicher Vegetation.

Die Studie formuliert vorsichtig, aber deutlich: Der aufrechte Gang habe sich „wahrscheinlich in einer nicht bewaldeten Umgebung“ entwickelt. Offenes Gelände begünstigt Übersicht, energieeffiziente Fortbewegung und freie Hände. Das sind Vorteile, die in einer Savannenlandschaft zählen.

Interessant ist auch der Vergleich mit anderen frühen Kandidaten. Der rund 6 Millionen Jahre alte Orrorin aus Afrika gilt als möglicher früher Zweibeiner. Der bulgarische Fund ist jedoch mindestens eine Million Jahre älter. In statistischen Analysen landet er zwischen heutigen Menschenaffen und frühen Homininen. In einer bekannten Diskriminanzanalyse gruppiert er sich näher bei zweibeinigen Formen als bei knöchelgehenden Affen.

Fossil liefert neue Hinweise zum Ursprung des Menschen

Die Forschenden sprechen nicht von einem endgültigen Beweis. Der Knochen zeigt keine voll entwickelte, dauerhafte Zweibeinigkeit. Einige typische Merkmale späterer Menschen fehlen noch. Dennoch ergibt sich ein klares Bild: Der Fund vereint Eigenschaften von terrestrischen Vierbeinern und frühen Zweibeinern.

Wörtlich heißt es in der Arbeit, der Fund repräsentiere „eine Kandidatenform für das ursprüngliche Bewegungsverhalten, aus dem sich später die Bipedie entwickelte“. Zudem halten es die Autoren für möglich, dass Nachfahren dieser Population „von Eurasien nach Afrika eingewandert“ sein könnten.

Sollte sich diese Hypothese bestätigen, würde sich das bekannte Bild verschieben. Der Ursprung des Menschen wäre dann nicht ausschließlich afrikanisch geprägt, sondern hätte eine wichtige Phase in Südosteuropa. Der 7,2 Millionen Jahre alte Knochen aus Bulgarien liefert dafür erstmals konkrete anatomische Anhaltspunkte und eröffnet eine neue Perspektive auf eines der größten Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Kurz zusammengefasst:

  • Der 7,2 Millionen Jahre alte Oberschenkelknochen aus Bulgarien ist mindestens so alt wie frühe afrikanische Funde wie Sahelanthropus (ca. 7 Mio. Jahre) und älter als Orrorin (ca. 6 Mio. Jahre); er zeigt Merkmale eines frühen aufrechten Gangs und erweitert damit die Diskussion über den Ursprung des Menschen.
  • Die Begleitfunde von über 2000 Tierfossilien belegen eine offene Savannenlandschaft, in der zeitweises aufrechtes Gehen Vorteile bot – die Studie formuliert dazu: „Wir schlagen vor, dass sich der frühe zweibeinige Gang in einer offenen Landschaft entwickelte.“
  • Der Fund belegt keinen vollständig zweibeinigen Vorfahren, sondern eine Übergangsform mit gemischter Fortbewegung; damit wird deutlich, dass sich die menschliche Evolution nicht geradlinig, sondern regional vielfältig und schrittweise entwickelte.

Übrigens: Ein 500.000 Jahre alter Knochenfund aus Südengland zeigt, dass frühe Menschen ihre Werkzeuge viel gezielter planten und pflegten als lange gedacht. Ein Stück Elefantenknochen diente ihnen als präzises Werkzeug zum Nachschärfen von Handäxten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © N. Spassov, D. Youlatos, M. Böhme, R. Bogdanova, L. Hristova, D. Begun

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