Korallenriffe vor dem Kollaps – warum der Artenschutz versagt
Forscher warnen: Korallen werden teils zerstört, bevor sie offiziell benannt und als schützenswert eingestuft werden können – mit schwerwiegenden Folgen.
Acropora-Korallen sind zentrale Riffbildner und bieten vielen Meeresarten Lebensraum – zugleich reagieren sie besonders empfindlich auf Umweltveränderungen. ©2026 Colin Anthony CC-BY-ND
Korallen sichern weltweit Küsten, Fischerei und Tourismus. Millionen Menschen profitieren direkt oder indirekt von stabilen Riffen. Doch Korallenriffe sind gefährdet – und das nicht nur durch Klimawandel oder Verschmutzung. Eine neue Analyse zeigt ein strukturelles Problem: Der gesetzliche Schutz kommt oft zu spät.
Die Studie erschien im Fachjournal Science. Beteiligt waren Colin J. Anthony und weitere Forscher der University of Tokyo, der University of Guam, der University of Technology Sydney sowie der Cornell University. Ihr Befund ist klar: In manchen Regionen verschwinden Korallen schneller, als Wissenschaft und Behörden reagieren können.
Korallenriffe sind gefährdet, weil Schutzgesetze zu eng gefasst sind
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das US-Territorium Guam im Pazifik. Guam besitzt die artenreichsten Korallenriffe aller US-Gebiete. Besonders prägend sind verzweigte Steinkorallen der Gattung Acropora. Diese Korallen bilden komplexe Strukturen und schaffen Lebensraum für zahlreiche Fische und Wirbellose.
Acropora-Korallen gingen in den vergangenen Jahren um mehr als 50 Prozent zurück. Zurück bleiben flache, weniger stabile Riffe. Damit verlieren viele Arten ihren Schutzraum. Auch der natürliche Küstenschutz nimmt ab.

Arten verschwinden, bevor sie offiziell gelistet sind
Ein zentrales Problem liegt im „Endangered Species Act“ der USA. Das Gesetz schützt konkret benannte Arten. Nur wer auf der offiziellen Liste steht, erhält umfassende Auflagen gegen Eingriffe. Arten, die noch nicht eindeutig beschrieben sind, fallen nicht automatisch darunter. „Die Regierung der Vereinigten Staaten scheint Schutzvorschriften so abzuschwächen, dass Unternehmen und das Militär Regulierung umgehen können“, sagt Anthony. Er weist außerdem auf ein strukturelles Dilemma hin: „Selbst ohne politische Lockerungen ist guter Meeresschutz extrem schwierig, weil es eine große Zahl unbeschriebener Arten gibt.“
Viele Korallenarten existieren wissenschaftlich betrachtet bereits, sind jedoch formal noch nicht anerkannt. Bis eine Art genetisch untersucht, beschrieben und offiziell bewertet ist, vergeht viel Zeit. In dieser Phase kann sie bereits stark geschädigt werden.
Biologie erschwert schnellen Artenschutz zusätzlich
Korallen stellen Forscher vor besondere Herausforderungen. Ihr Aussehen verändert sich je nach Umweltbedingungen. Licht, Strömung oder Nährstoffangebot beeinflussen ihre Form deutlich. „Korallen sind äußerst anpassungsfähig, ihr Aussehen kann sich je nach Umgebung stark verändern“, erklärt Anthony.
Hinzu kommt ein weiteres Hindernis. „Wir können die meisten Korallen nicht zuverlässig zur Fortpflanzung bringen“, so der Forscher weiter. Klassische Kriterien zur Artabgrenzung funktionieren daher nur eingeschränkt. Für eine verlässliche Bestimmung sind genetische Proben aus weiten Teilen des Pazifiks nötig.
Dieser Prozess dauert häufig Jahre. Währenddessen schreiten Belastungen voran. Küsten werden ausgebaut. Häfen entstehen. Beim Ausbaggern gelangen Sedimente ins Wasser. Feine Partikel lagern sich auf Korallen ab und blockieren das Licht, das sie für ihr Wachstum benötigen.
Militärische und wirtschaftliche Interessen erhöhen den Druck
Guam besitzt strategische Bedeutung im Pazifik. Militärische Anlagen und Infrastrukturprojekte greifen dort in empfindliche Küstenbereiche ein. Auch städtische Bauvorhaben können Riffe direkt zerstören oder indirekt belasten.
Korallenriffe erfüllen mehrere zentrale Funktionen:
- Sie brechen Wellen und mindern Sturmschäden.
- Sie sichern Fischbestände und damit Einkommen.
- Sie bilden die Grundlage für Tourismus.
Gehen diese Strukturen verloren, steigen langfristig die Kosten für Küstenschutz und Wiederaufbau. Gleichzeitig sinkt die biologische Vielfalt deutlich.
Die Forscher schlagen deshalb eine Anpassung des Schutzsystems vor. Statt nur einzelne Arten zu listen, sollten ganze Gattungen berücksichtigt werden. So ließe sich Schutz früher aktivieren, bevor Bestände unwiederbringlich einbrechen.
Kurz zusammengefasst:
- Korallenriffe sind ökologisch und wirtschaftlich unverzichtbar, doch in Regionen wie Guam sind wichtige Arten wie verzweigte Acropora-Korallen in wenigen Jahren um über 50 Prozent zurückgegangen.
- Der Artenschutz greift oft zu spät, weil Gesetze wie der „Endangered Species Act“ nur offiziell gelistete Arten schützen – viele Korallen verschwinden jedoch, bevor sie wissenschaftlich eindeutig beschrieben sind.
- Forscher fordern deshalb breitere Schutzregeln, etwa für ganze Korallengattungen, damit empfindliche Riffe schneller und wirksamer geschützt werden können.
Übrigens: Während Korallenriffe gefährdet sind und der Artenschutz oft zu spät greift, zeigt eine MIT-Studie, dass uralte Flusstäler Riffe bis heute mit frischem Wasser versorgen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © 2026 Colin Anthony CC-BY-ND
