Mechanismus entschlüsselt: Darum fühlen sich Menthol und Kälte ähnlich an
Kalte Luft, Eiswasser und Menthol fühlen sich erstaunlich ähnlich an. Neue Daten zeigen nun genauer, wie dieser Reiz in den Nervenzellen entsteht – und warum das für die Schmerztherapie relevant ist.
Schon ein kalter Luftzug reicht, damit Nervenzellen ein Kältesignal ans Gehirn senden. Eine neue Studie beschreibt nun genauer, wie dieser Prozess im Körper abläuft. © Pexels
Kälte spürt der Körper oft in Sekundenbruchteilen. Wer in Eiswasser greift, an einem Wintertag nach draußen tritt oder das kühle Kribbeln von Menthol im Mund bemerkt, aktiviert dabei einen bestimmten Sensor in den Nervenzellen: den Rezeptor TRPM8. Er öffnet sich wie ein winziges Tor in der Zellmembran und sendet dem Gehirn das Signal, dass ein Kältereiz vorliegt.
Seit Jahren versuchen Forscher zu verstehen, wie sich dieser Rezeptor beim Öffnen verändert. Das ist nun einem der University of California San Francisco gelungen. Die neuen Daten zeigen auf atomarer Ebene, wie TRPM8 auf sinkende Temperaturen reagiert. Das ist nicht nur ein biologischer Durchbruch. Auch für die Schmerzforschung ist das wichtig, denn bei manchen Menschen reichen schon leichte Kältereize für starke Schmerzen aus.
Kältewahrnehmung läuft über einen stabilisierten Kanal
TRPM8 wird aktiv, wenn die Temperatur an den Nervenendigungen unter rund 26 Grad Celsius sinkt. Dann öffnet sich der Kanal in der Zellmembran und leitet ein Kältesignal weiter. Dieser Moment war lange schwer zu erfassen. Frühere Verfahren zeigten meist nur starre Einzelbilder. Der eigentliche Übergang blieb unscharf.
Diesmal gelang mehr, weil zwei Methoden zusammenarbeiteten. Die Kryo-Elektronenmikroskopie lieferte präzise Momentaufnahmen. Eine zweite Methode, die Wasserstoff-Deuterium-Austausch-Massenspektrometrie, machte sichtbar, welche Bereiche des Proteins sich bewegen und energetisch verändern. So ließ sich nicht nur sehen, wie TRPM8 aussieht, es wurde auch klarer, wie sich der Kanal öffnet. Xiaoxuan Lin fasst den Vorteil der Methoden so zusammen: „Ein Foto von einem Pferd verrät nicht, wie schnell es läuft. Die Elektronenmikroskopie allein kann uns nicht sagen, wie sich das Molekül bewegt und was diese Bewegungen antreibt.“
Kälte stabilisiert zuerst einen bestimmten Abschnitt an der Außenseite des Kanals. Danach verschiebt sich eine Helix im Protein. Anschließend kann sich ein Fettmolekül in diese Struktur einfügen. Dieses Lipid hält den Kanal offen. So bleibt das Kältesignal bestehen.
Erst die Membran machte die feinen Umbauten sichtbar
Der Rezeptor erwies sich als heikel. Isoliert zerfiel er leicht. Das hatte frühere Analysen ausgebremst. Das Team löste das Problem, indem es TRPM8 nicht aus seiner natürlichen Umgebung riss, sondern direkt in Zellmembranen untersuchte.
Studienautor Kevin Choi erklärt: „Wir merkten, dass das Protein besonders empfindlich darauf reagiert, wie man es behandelt. In der natürlichen Membran konnten wir endlich sehen, was tatsächlich geschieht.“ Das Protein wurde nicht nur schärfer abgebildet. Es konnte sich auch natürlicher verhalten. Das bedeutet:
- Kälte schaltet TRPM8 nicht mit einem einzigen Klick an.
- Der Reiz löst mehrere kleine Umbauten im Protein aus.
- Erst danach bleibt der Kanal offen und sendet das Signal weiter.

Menthol hält den Kälterezeptor länger in Bereitschaft
Menthol spricht denselben Kälterezeptor an. Darum fühlt sich Zahnpasta kühl an, obwohl die Temperatur im Mund kaum sinkt. In der Untersuchung verschob Menthol die Verteilung verschiedener Strukturzustände des Kanals deutlich.
Auch energetisch war der Effekt klar. In einem wichtigen Abschnitt des Proteins verlangsamte Menthol bestimmte Austauschvorgänge um das Zehnfache. Das spricht dafür, dass der Kanal in einem offeneren und stabileren Zustand gehalten wird.
Kältewahrnehmung fällt bei Vögeln deutlich schwächer aus
Besonders aufschlussreich war der Vergleich zwischen menschlichem und vogeltypischem TRPM8. Beide Varianten ähneln sich stark. Ihre Sequenz stimmt zu 92 Prozent überein. Trotzdem reagieren Vögel deutlich schwächer auf Kälte.
Der Unterschied hängt offenbar an einer kleinen Stelle in der äußeren Porenregion. Bei Vögeln sitzt dort die Aminosäure Tyrosin, bei Säugetieren Valin. Schon dieser einzelne Austausch veränderte die Kälteempfindlichkeit deutlich. Dazu kam noch eine weitere Beobachtung: Das Team fand neben der bekannten Bauform einen zusätzlichen Zustand des Kanals. Er hilft zu erklären, warum das Protein mal leichter und mal schwerer in seine offene Form gelangt.
Warum das für die Schmerzforschung wichtig ist
Für die Medizin ist das mehr als Grundlagenforschung. Schon milde Kälte kann bei manchen Menschen starke Schmerzen auslösen. Dieses Phänomen heißt Kälteallodynie. Stoffe, die TRPM8 blockieren, werden bereits in klinischen Studien geprüft. Je genauer bekannt ist, wie sich der Kanal öffnet und stabilisiert, desto gezielter könnten solche Wirkstoffe entwickelt werden.
„Alle wollen immer wissen, wie Temperatursinn funktioniert, aber diese Frage ist technisch sehr schwer zu beantworten“, sagt David Julius. Sein Kollege Yifan Cheng erklärt, worauf es dabei ankommt: „Um wirklich zu verstehen, wie ein Protein funktioniert, muss man auch verstehen, wie es sich bewegt.“
Kurz zusammengefasst:
- Die Kältewahrnehmung entsteht über den Rezeptor TRPM8, der sich bei Temperaturen unter etwa 26 Grad in Nervenzellen öffnet und ein Signal ans Gehirn weitergibt.
- Eiswasser, Winterluft und Menthol fühlen sich ähnlich an, weil sie denselben molekularen Sensor ansprechen, auch wenn Menthol keine echte Kälte erzeugt.
- Die neuen Daten beschreiben genauer, wie sich TRPM8 bei Kälte verändert, und liefern damit eine wichtige Grundlage für spätere Schmerztherapien.
Übrigens: Menthol sorgt nicht nur für ein Kältegefühl auf der Zunge, sondern zeigte in einer Mausstudie auch überraschende Effekte im Gehirn. Der Duftstoff bremste Entzündungen, stabilisierte die Denkleistung und eröffnet damit einen neuen Blick auf mögliche Alzheimer-Therapien. Mehr dazu in unserem Artikel.
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