In den Alpen verschwinden die Gletscher schneller als gedacht – neue Studie nennt erstmals konkrete Jahre

Neue Berechnungen zeigen, wann weltweit besonders viele Gletscher verschwinden – und warum der Alpenraum früh und stark betroffen ist.

Im Inneren des Morteratschgletschers hat sich eine große Eishöhle gebildet

Im Inneren des Morteratschgletschers hat sich eine große Eishöhle gebildet – ein sichtbares Zeichen dafür, wie rasch Gletscher zerfallen und ihre Zahl in den Alpen und weltweit abnimmt. © Lander Van Tricht / ETH Zürich, Professur für Glaziologie

Jedes Jahr könnten weltweit Tausende Gletscher vollständig verschwinden – schneller als bislang angenommen. Eine neue Studie aus der Schweiz beziffert erstmals, wann dieser Verlust seinen Höhepunkt erreicht und wie viele Eisfelder bis 2100 nicht mehr existieren werden. Der Gletscherschwund erweist sich dabei als Thema mit weitreichenden Folgen für Landschaften, Wirtschaft und ganze Regionen.

Für den Alpenraum zeichnen die Daten ein besonders frühes und deutliches Signal. In vielen Tälern stehen Veränderungen bevor, die Tourismus, Wasserverfügbarkeit und den Umgang mit Naturgefahren spürbar beeinflussen.

Nicht nur weniger Eis – sondern ganze Gletscher gehen verloren

Bisher betrachtete die Forschung vor allem, wie stark Gletscher schrumpfen. Die neue Studie richtet den Blick auf einen anderen Wendepunkt: den Zeitpunkt ihres vollständigen Verschwindens. Für viele Regionen entscheidet genau dieser Moment darüber, ob ein Gletscher noch Teil der Landschaft bleibt – oder ganz aus dem Alltag verschwindet.

Der Verlust einzelner Gletscher verändert Täler oft abrupt. Aussichtspunkte verlieren an Bedeutung, der Sommertourismus gerät unter Druck, Wasserflüsse müssen neu gemanagt werden. „Zum ersten Mal haben wir Jahreszahlen dafür angegeben, wann jeder einzelne Gletscher auf der Erde verschwinden dürfte“, sagt Studienautor Lander Van Tricht von der ETH Zürich. Dadurch erhält der Klimawandel eine konkrete zeitliche Dimension.

Alpen-Gletscher verschwinden besonders früh

Die Alpen nehmen in den Berechnungen eine Sonderrolle ein. Viele ihrer Gletscher sind klein, liegen vergleichsweise tief und reagieren besonders schnell auf steigende Temperaturen. Deshalb erreicht der Verlust einzelner Gletscher in Zentraleuropa früher seinen Höhepunkt als in den meisten anderen Weltregionen.

Nach den Modellrechnungen liegt dieser Zeitraum bereits zwischen 2033 und 2041. In diesen Jahren verschwinden in den Alpen mehr Gletscher pro Jahr als jemals zuvor – nicht durch langsames Schrumpfen, sondern durch ihr vollständiges Verschwinden. „In Regionen mit vielen kleinen Gletschern werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren voraussichtlich mehr als die Hälfte aller Gletscher verschwinden“, sagt Van Tricht.

Was die Szenarien konkret bedeuten

Wie stark der Verlust ausfällt, hängt vom Ausmaß der Erderwärmung ab. Die Forscher haben mehrere Szenarien berechnet – von einer Begrenzung auf 1,5 Grad bis zu einem Anstieg um vier Grad.

Für die Alpen ergeben sich deutliche Unterschiede:

  • +1,5 Grad: Bis 2100 bleiben rund 12 Prozent der heutigen Gletscher erhalten.
  • +2 Grad: Der Anteil sinkt auf etwa 8 Prozent.
  • +2,7 Grad (aktueller politischer Kurs): Nur noch rund 3 Prozent bestehen.
  • +4 Grad: In Mitteleuropa bleiben etwa 20 Gletscher übrig – ein Verlust von 99 Prozent.

Auch große Eisfelder bleiben davon nicht verschont. Der Rhonegletscher würde in höheren Szenarien stark schrumpfen oder ganz verschwinden. Der Aletschgletscher, heute der größte der Alpen, würde in mehrere kleine Teile zerfallen.

Selbst bekannte Gletscher wie der Rhonegletscher verlieren bei starker Erwärmung rasant an Eis. In den Alpen könnten bis 2100 je nach Klimaszenario nur noch rund 20 Gletscher bestehen. © ETH Zürich / Professur für Glaziologie
Selbst bekannte Gletscher wie der Rhonegletscher verlieren bei starker Erwärmung rasant an Eis. In den Alpen könnten bis 2100 je nach Klimaszenario nur noch rund 20 Gletscher bestehen. © ETH Zürich / Professur für Glaziologie

Weltweit droht ein Rekordverlust

Global betrachtet verschiebt sich der Höhepunkt des Gletscherverschwindens etwas nach hinten. Je nach Erwärmung liegt er zwischen 2041 und 2055. In diesen Jahren könnten weltweit bis zu 4.000 Gletscher pro Jahr verschwinden. Heute liegt die modellierte Zahl bei etwa 750 bis 800.

Im Extremfall gehen damit in einem einzigen Jahr so viele Gletscher verloren wie die Alpen insgesamt besitzen. „Bei stärkerer Erwärmung verschwinden im Höhepunkt doppelt so viele Gletscher“, erklärt Co-Autor Daniel Farinotti.

Dass der Höhepunkt bei stärkerer Erwärmung später liegt, wirkt zunächst widersprüchlich. Der Grund ist jedoch klar: Bei hohen Temperaturen verschwinden nicht nur kleine, sondern auch große Gletscher. Das dauert länger, führt aber zu deutlich höheren Verlustraten.

Große Unterschiede zwischen den Regionen

Nicht alle Weltregionen reagieren gleich. Entscheidend ist, wie groß die Gletscher sind und wie viele es gibt. In Gebieten mit vielen kleinen Eisfeldern erfolgt der Verlust früh und schnell. In Regionen mit großen Gletschern zieht er sich länger hin.

So unterschiedlich reagieren die Regionen:

  • In den Rocky Mountains könnten bei 1,5 Grad noch rund 25 Prozent der Gletscher überleben.
  • In den Anden und in Zentralasien wären es jeweils etwa 43 Prozent.
  • Bei vier Grad Erwärmung verschwinden in vielen dieser Regionen über 90 Prozent der Gletscher.

Keine Region bleibt dauerhaft verschont. Selbst Gebiete, in denen einzelne Gletscher zeitweise wuchsen, verlieren langfristig Eis.

„Peak Glacier Extinction“: Der Höhepunkt des Gletscherschwunds

Die Forscher sprechen vom „Peak Glacier Extinction“ – dem Jahr, in dem weltweit die meisten Gletscher verschwinden. Danach sinkt die Zahl der jährlichen Verluste. Das bedeutet jedoch keine Entwarnung, sondern spiegelt wider, dass viele Gletscher dann bereits verschwunden sind.

Bei einer Begrenzung auf 1,5 Grad liegt dieser Höhepunkt früher und fällt niedriger aus. Bei vier Grad tritt er später ein, dafür mit deutlich höheren Verlusten. Die Unterschiede zeigen, wie stark politische Entscheidungen das Ergebnis beeinflussen.

Kleine Alpengletscher verschwinden oft vollständig – wie der Pizol, von dem heute kein Eis mehr übrig ist. Die Aufnahme zeigt den Standort des ehemaligen Gletschers im Jahr 2006 und dieselbe Stelle 2025. © Matthias Huss / ETH Zürich, Professur für Glaziologie
Kleine Alpengletscher verschwinden oft vollständig – wie der Pizol, von dem heute kein Eis mehr übrig ist. Die Aufnahme zeigt den Standort des ehemaligen Gletschers im Jahr 2006 und dieselbe Stelle 2025. © Matthias Huss / ETH Zürich, Professur für Glaziologie

Gletscherschwund trifft Tourismus, Wasser und Sicherheit

Wenn ein Gletscher vollständig verschwindet, endet nicht nur ein physikalischer Prozess. Für viele Regionen bedeutet das einen spürbaren Einschnitt in Wirtschaft, Alltag und Landschaft. Besonders im Alpenraum hängen Tourismus, Wasserverfügbarkeit und der Schutz vor Naturgefahren eng mit dem Eis zusammen.

„Wenn ein Gletscher ganz verschwindet, kann das den Tourismus in einem Tal erheblich beeinträchtigen“, so Van Tricht. In mehreren Ländern reagieren Gemeinden bereits mit symbolischen Abschieden. Gedenktafeln und Archive halten die Namen verschwundener Gletscher fest.

Welche Veränderungen in den Alpen bereits absehbar sind:

  • geringere und unsicherere Wasserreserven im Sommer
  • höhere Risiken durch instabile Hänge und plötzliches Schmelzwasser
  • wirtschaftliche Verluste in tourismusabhängigen Regionen

Jedes Zehntelgrad entscheidet spürbar

Die Modellrechnungen zeigen, wie stark selbst kleine Unterschiede wirken. Bei einer Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad könnten bis 2100 weltweit rund 50 Prozent der heutigen Gletscher erhalten bleiben. Beim derzeitigen Kurs wären es nur noch etwa 20 Prozent. Steigt die Temperatur um vier Grad, überlebt weniger als ein Zehntel.

Der Zeitpunkt des Gletscherverschwindens ist damit offen. „Die Unterschiede zwischen 2.000 und 4.000 verlorenen Gletschern pro Jahr werden durch Entscheidungen bestimmt, die heute getroffen werden“, sagt Farinotti. Die neuen Jahreszahlen verschieben die Debatte – weg von abstrakten Szenarien hin zu Entwicklungen, die viele Regionen bereits in wenigen Jahrzehnten betreffen.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine neue Studie zeigt erstmals mit konkreten Jahreszahlen, dass weltweit zwischen 2041 und 2055 so viele Gletscher pro Jahr verschwinden wie nie zuvor – bis zu 4.000 jährlich, abhängig vom Ausmaß der Erderwärmung.
  • Der Alpenraum ist besonders früh betroffen, weil viele Gletscher klein und niedrig gelegen sind; schon zwischen 2033 und 2041 könnten dort mehr als die Hälfte aller Gletscher vollständig verschwinden.
  • Entscheidend ist das Ausmaß der Erwärmung: Bei 1,5 Grad könnten bis 2100 noch rund 50 Prozent der heutigen Gletscher weltweit überleben, bei vier Grad weniger als zehn Prozent.

Übrigens: Wenn Gletscher verschwinden, bricht auch ihr Wasserpuffer weg – mit Folgen für trockene Sommer in Europa. Warum Forscher davor warnen, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Lander Van Tricht / ETH Zürich, Professur für Glaziologie

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