Fraunhofer-Forscher entwickeln langlebige Sitzmöbel, die sich zerlegen und reparieren lassen
Die nachhaltigen Möbel aus Stahl und Flachs lassen sich ohne Schrauben auseinanderbauen, reparieren und recyceln.
Mehrlagiges Flachsfasergewebe trägt, formt und polstert die Sitzfläche. © Fraunhofer WKI/Manuela Lingnau
Ein wackelnder Stuhl, ein eingerissener Bezug, eine gelöste Verbindung: Oft reicht ein einziger Defekt, damit Sitzmöbel ihren Wert verlieren. Spätestens beim nächsten Umzug zeigt sich das Grundproblem vieler heutiger Möbel – sie sind verklebt, vernäht oder verschraubt und lassen sich weder zerlegen noch sinnvoll reparieren. Was eigentlich Jahre halten könnte, endet deshalb häufig auf dem Sperrmüll.
Dass Sitzmöbel auch anders gedacht werden können, zeigt ein neues Konstruktionsprinzip aus der Forschung. Entwickelt von Forschenden des Fraunhofer-Instituts für Holzforschung, Wilhelm-Klauditz-Institut WKI, verzichtet es konsequent auf Klebstoffe und Schrauben. Stattdessen besteht das Möbel aus nur zwei Materialien: einer Unterkonstruktion aus Stahl und einem mehrlagigen Bezug aus Flachsfasern.
Beide lassen sich vollständig trennen, umbauen und reparieren. Selbst die Bezüge kommen ohne Nähen oder Zuschneiden aus – sie verlassen die Webmaschine als fertiges Gewebe. So entstehen langlebige Möbel, die Transport, Nutzung und Recycling von Anfang an mitdenken.
Modulares Sitzmöbel: So funktioniert das neue Steckprinzip
Das Möbel entstand im Forschungsprojekt LinumTube. Es ist für Innenräume gedacht, bleibt dauerhaft stabil, lässt sich umbauen und muss nicht frühzeitig ersetzt werden. Entsprechend konsequent ist der Aufbau gewählt. Eine Unterkonstruktion aus Stahlrohren trägt die Last, während darüber ein mehrlagiges Gewebe aus Flachsfasern liegt.
Beide Elemente greifen direkt ineinander – und zwar ohne Schrauben oder Klebstoffe. Projektleiterin Christina Haxter beschreibt den Ansatz so: „Unser Ziel war es, Sitzmöbel so einfach zu gestalten, dass sie sich schnell ab-, auf- und umbauen lassen.“

Flachsgewebe als Ersatz klassischer Polster
Das Textil spielt eine Schlüsselrolle: Das mehrlagige Flachsfasergewebe ersetzt klassische Polster, Schäume und Bezüge. Gleichzeitig übernimmt es mehrere Aufgaben: Es trägt das Gewicht, formt die Sitzfläche und sorgt für Komfort. Möglich wird das durch integrierte Kanalstrukturen, die die Stahlrohre aufnehmen und dem Möbel Halt geben.
Auch bei der Herstellung folgt das Projekt diesem Prinzip der Reduktion. Das Gewebe entsteht in einem Stück auf speziellen Webmaschinen. Nähen oder Zuschneiden entfallen vollständig. Dennoch bleibt Gestaltungsspielraum: Farben, Oberflächenstrukturen und Kanten lassen sich variieren. Zusätzlich erzeugen lamellenartige Strukturen einen gerafften Polstereffekt, der den Sitzkomfort erhöht, ohne weiteres Material einzusetzen.
Warum dieses Möbel anders altert als viele andere
Der entscheidende Unterschied zeigt sich allerdings nicht im Showroom, sondern im Alltag. Denn Stahl und Naturfaser lassen sich vollständig voneinander trennen. Verbundstoffe entstehen dabei nicht. Stattdessen können beide Materialien in bestehende Stoffkreisläufe zurückgeführt werden. „Durch Demontage lassen sich die Möbel in ihre Einzelkomponenten – Stahlrohre und Naturfasergewebe – zerlegen“, erklärt Haxter.
Trotz des funktionalen Ansatzes bleibt das Möbel klar im Wohnbereich verankert. Die Stahlrohre sind sowohl als Rund- als auch als Vierkantprofile erhältlich. Unterschiedliche Füße sorgen zusätzlich für Standfestigkeit. Auf Wunsch lassen sich zudem LED-Streifen in das Gewebe integrieren, die für indirektes Licht und eine wohnliche Atmosphäre sorgen.
Das Design entwickelte das Studio Jonathan Radetz. Dabei ist es bewusst offen gehalten, sodass sich unterschiedliche Gewebe mit verschiedenen Unterkonstruktionen kombinieren lassen. Erste Prototypen wurden bereits auf internationalen Möbelmessen präsentiert.
Kurz zusammengefasst:
- Das Möbelkonzept aus dem Fraunhofer-Projekt LinumTube zeigt, dass nachhaltige Möbel stabil, flexibel und alltagstauglich sein können, weil sie ohne Schrauben und Kleber auskommen und von Anfang an für das Zerlegen entwickelt wurden.
- Ein Stecksystem aus Stahlrohren und mehrlagigem Flachsgewebe ersetzt klassische Verbindungen, ermöglicht einfache Montage und Demontage und erlaubt es, Sitzmöbel nach Umzügen neu zusammenzusetzen oder umzubauen.
- Am Ende des Lebenszyklus lassen sich alle Teile sortenrein trennen und recyceln, wodurch Müll vermieden wird und nachhaltige Möbel nicht durch Verzicht, sondern durch kluge Konstruktion überzeugen.
Übrigens: Während Möbel langlebiger gedacht werden, gibt IKEA gebrauchten Stücken eine zweite Chance und kauft sie zurück, statt sie im Müll landen zu lassen. Wie das Programm funktioniert, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Fraunhofer WKI/Manuela Lingnau
