Erdrutsche sind oft menschengemacht – das macht sie so tödlich
Eingriffe wie Abholzung erhöhen das Risiko für Erdrutsche deutlich – besonders in ärmeren Regionen mit stark veränderten Gebirgen.
Der Erdrutsch von Hisarçandır im Taurusgebirge nahe Antalya zeigt, wie instabile Hänge nach starken Regenfällen nachgeben und ganze Landschaften ins Rutschen bringen. © Tolga Görüm
Erdrutsche wirken oft wie unkontrollierbare Naturgewalt. Doch viele dieser Katastrophen beginnen lange vorher. Menschen verändern Hänge, roden Wälder und bauen Straßen. Das macht Böden instabil. Besonders gefährlich wird es dort, wo sichere Flächen fehlen und Menschen auf riskante Gebiete ausweichen müssen.
Eine internationale Analyse im Fachjournal Science Advances mit Beteiligung der Universität Wien zeigt: In reichen Ländern sind nur rund sieben Prozent der Gebirgsflächen verändert. In Ländern mit niedrigem Einkommen liegt der Anteil bei etwa 50 Prozent. Dort häufen sich tödliche Erdrutsche.
Warum Erdrutsche oft keine reine Naturgewalt sind
Erdrutsche gehören weltweit zu den gefährlichsten Naturereignissen. Jedes Jahr sterben im Schnitt mehr als 4500 Menschen. Die Schäden liegen bei rund 18 Milliarden Euro. 2024 sticht besonders heraus. 766 tödliche Ereignisse forderten 4933 Menschenleben.
Doch Regen und steile Hänge erklären das Risiko nur teilweise. Viel stärker wirkt der Mensch. „Landnutzungsänderungen haben einen deutlich größeren Einfluss auf tödliche Erdrutsche und die Zahl der Opfer als Faktoren wie Topografie oder Niederschlag“, erklärt Ugur Öztürk von der Uni Wien.
Typische Eingriffe destabilisieren Hänge dauerhaft:
- Abholzung entfernt Wurzeln, die den Boden festhalten
- Straßenbau schneidet Hänge an und schwächt ihre Stabilität
- Landwirtschaft verändert den Wasserhaushalt im Boden
- Siedlungen entstehen in gefährlichen Hanglagen
Diese Veränderungen können dazu führen, dass ein Hang über Jahre instabil bleibt.
Starker Bevölkerungsdruck verschärft das Risiko
In vielen Regionen wächst die Bevölkerung schnell, Flächen fehlen. Menschen nutzen daher immer häufiger steile Gebiete. Laut den Daten stehen rund 60 Prozent der Gebirgsräume weltweit bereits unter starkem menschlichem Einfluss.
Die Entwicklung wird sich weiter verstärken. Seit 1975 hat sich die Zahl der Menschen in gefährdeten Gebieten verdoppelt. Bis 2060 könnte sie um rund 90 Prozent steigen. Die Zahl der Todesopfer könnte sogar um etwa 140 Prozent zunehmen. Seckin Fidan von der Universität Ankara erklärt die Lage so:
Wirtschaftlich benachteiligte Länder stehen unter starkem Bevölkerungsdruck. Dadurch werden empfindliche Berggebiete schnell für Landwirtschaft, Siedlungen und Infrastruktur genutzt.
Erdrutsche treffen Länder sehr unterschiedlich
Vergleiche zwischen Ländern zeigen klare Unterschiede. Regionen mit ähnlichem Klima und Gelände entwickeln sich völlig verschieden. „In Ländern wie Haiti, Sri Lanka und El Salvador geht diese Veränderung der Landnutzung mit einem Anstieg tödlicher Erdrutsche und der Zahl der Todesopfer einher. In wohlhabenden Ländern wie der Schweiz, Japan und Italien schwächt sich dieser Zusammenhang ab“, sagt Öztürk.
Auch einzelne Länder verdeutlichen das Muster. Nepal gilt als erdrutschgefährdet, hat aber vergleichsweise weniger Opfer. Die Landschaft wurde dort weniger stark verändert. In Ruanda sieht es anders aus. Dort greifen Menschen stärker in die Natur ein. Die Folge sind mehr Tote pro Ereignis.
Weniger Eingriffe können Leben retten
Die Ergebnisse zeigen, wo sich Risiken senken lassen. Naturgefahren lassen sich nicht verhindern. Doch ihr Ausmaß hängt stark vom Umgang mit der Landschaft ab. Wichtige Ansatzpunkte sind:
- Bauprojekte in Hanglagen sorgfältig planen
- Wälder erhalten und schützen
- Landwirtschaft anpassen
- Siedlungen gezielt steuern
Frühwarnsysteme helfen im Ernstfall. Sie greifen jedoch oft erst spät. Entscheidend bleibt die langfristige Nutzung der Landschaft. Regionen mit stabilen Gebirgsflächen verzeichnen deutlich weniger tödliche Erdrutsche – selbst bei vergleichbaren natürlichen Bedingungen.
Kurz zusammengefasst:
- Erdrutsche entstehen oft durch menschliche Eingriffe wie Abholzung, Straßenbau oder Landwirtschaft und nicht nur durch Naturkräfte wie Regen oder steile Hänge.
- In ärmeren Ländern ist das Risiko deutlich höher, weil dort bis zu 50 Prozent der Gebirgsflächen verändert sind, während es in reichen Staaten nur etwa 7 Prozent sind.
- Weniger Eingriffe in sensible Bergregionen können Leben retten, da stabile Landschaften nachweislich zu weniger tödlichen Erdrutschen führen.
Übrigens: Starkregen wird auch nach dem Abklingen gefährlich. Wochen später steigen Todesfälle, weil Krankheiten und überlastete Infrastruktur nachwirken. Eine Studie zeigt, wie groß diese unsichtbare Gefahr wirklich ist. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Tolga Görüm
