Bäume im Amazonas könnten bald an „Schlaganfall“ sterben – ausgelöst durch eine gefährliche Hitze-Dürre-Kombination
Messdaten zeigen: Nicht Dürre allein, sondern Hitze plus Trockenheit unterbrechen die Wasserleitung der Bäume – ab etwa 2040 immer häufiger.
Immer häufiger extreme Hitze und Dürre setzen dem Amazonas zu: Ganze Baumgruppen sterben ab – und der Regenwald verliert seine Rolle als verlässlicher CO₂-Speicher. © Jeff Chambers/UC Berkeley
Der Amazonas gilt als einer der stabilsten Klimaregulatoren der Erde. Jahr für Jahr bindet der Regenwald enorme Mengen Kohlendioxid, kühlt die Luft durch Verdunstung und speist regionale Niederschläge. Doch diese Rolle gerät ins Wanken. Messdaten aus dem zentralen Amazonas zeigen, dass sich die Bedingungen schnell verändern – und zwar nicht schleichend, sondern an klaren Kipppunkten.
Dabei geht es nicht um Trockenheit allein. Entscheidend ist im Amazonas das Zusammenspiel aus Hitze und Dürre. Eine aktuelle Studie der University of California, Berkeley zeigt, dass selbst widerstandsfähige Wälder unter dieser Kombination stark unter Druck geraten. Genau solche Bedingungen treten im Amazonas inzwischen häufiger auf. Klimawandel und zunehmende Dürre sind dort keine abstrakte Debatte mehr, sondern eine messbare Realität mit globaler Wirkung.
Warum „heiße Dürren“ gefährlicher sind als Trockenheit
Über mehr als 30 Jahre hinweg haben Wissenschaftler Baumsterblichkeit, Bodenfeuchte und Klimadaten im Amazonasgebiet ausgewertet. Dabei zeigte sich ein klares Muster: Steigen die Temperaturen während einer Dürre ungewöhnlich stark an, wächst die Zahl abgestorbener Bäume deutlich. In besonders intensiven Jahren lag die Sterblichkeit um rund 55 Prozent höher als in klimatisch normalen Phasen.
Der Grund liegt im Inneren der Bäume. Sinkt der Wassergehalt im Boden unter einen klar messbaren Schwellenwert, bricht die Wasserversorgung abrupt ein. Der Saftfluss stockt, die Blätter verlieren ihre Kühlfunktion, die Hitze schlägt direkt durch. „Wenn diese heißen Dürren auftreten, entspricht das einem Klima jenseits dessen, was wir heute als tropischen Wald kennen“, sagt der Geograf Jeff Chambers, der die Untersuchung leitete.

Ein unscheinbarer Grenzwert mit großer Wirkung
Besonders aufschlussreich ist ein Detail aus den Messungen. Sobald weniger als etwa ein Drittel der Bodenporen mit Wasser gefüllt ist, reagieren Bäume fast aller Arten ähnlich. Die Wasserleitung reißt ab – unabhängig davon, ob eine Art eigentlich als trockenheitsresistent gilt oder nicht. Die Reaktion setzt schnell ein und lässt kaum Spielraum.
Für die Bäume gibt es dann nur schlechte Optionen. Sie schließen ihre Poren, um Wasser zu sparen, stellen damit aber auch die CO₂-Aufnahme ein. Oder es bilden sich Luftblasen im Leitungssystem, vergleichbar mit einem Schlaganfall. Beides führt bei anhaltender Hitze zum Absterben.
Schnelle Gewinner, schnelle Verlierer
Nicht alle Baumarten sind gleich betroffen. Besonders häufig sterben schnell wachsende Arten mit geringer Holzdichte. Sie dominieren viele jüngere oder wieder aufgeforstete Waldflächen. Langsam wachsende, schwere Hölzer halten länger durch, geraten aber ebenfalls unter Druck, wenn die Hitzeperioden zunehmen.
„Wir haben gesehen, dass schnell wachsende Bäume mit niedriger Holzdichte deutlich häufiger sterben“, sagt Chambers. Das hat Folgen für die Zusammensetzung des Waldes. Sekundärwälder, die lange als Hoffnungsträger für die CO₂-Bindung galten, reagieren empfindlicher als alte, weitgehend ungestörte Bestände.
Klimamodelle verschieben die Grenze des Normalen
Besonders brisant sind die Projektionen für die kommenden Jahrzehnte. Klimamodelle zeigen, dass Bedingungen, die heute nur bei seltenen Extremereignissen auftreten, ab etwa 2040 während ganz normaler Trockenzeiten häufig werden. Hitze und Wassermangel fallen dann regelmäßig zusammen. Bis zum Ende des Jahrhunderts rechnen die Modelle mit bis zu 150 Tagen pro Jahr, an denen solche heißen Dürrebedingungen auftreten.
Der Amazonas rutscht damit in einen Klimazustand, den es auf der Erde seit Millionen Jahren nicht mehr gab. Fachleute sprechen von einem neuen, deutlich heißeren Tropenklima. Für den Wald bedeutet das instabile Wachstumsbedingungen, steigende Baumverluste und eine CO₂-Bilanz, die sich spürbar verschiebt.
Die Folgen wirken weltweit
Der Regenwald funktioniert bislang wie ein Puffer gegen den Klimawandel. Doch stirbt viel Biomasse gleichzeitig ab, kehrt sich dieser Effekt um. Abgestorbenes Holz zersetzt sich und setzt Kohlendioxid frei. Nach schweren Dürrejahren ließ sich bereits ein messbarer Anstieg des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre beobachten.
Hinzu kommt ein Rückkopplungseffekt: Weniger Verdunstung bedeutet weniger Wolkenbildung. Niederschläge bleiben aus, neue Dürren beginnen früher. Der Wald verliert damit einen Teil seiner Fähigkeit, sich selbst zu stabilisieren.
Ein Blick über den Amazonas hinaus
Die Ergebnisse betreffen nicht nur Südamerika. Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich für Regenwälder in Westafrika und Südostasien ab. Überall dort, wo Hitze und Dürre häufiger zusammenfallen, geraten tropische Wälder unter Druck.
Wie schnell sich der neue Klimazustand durchsetzt, hängt stark von den globalen Emissionen ab. „Es liegt an uns, in welchem Ausmaß wir dieses neue Klima erzeugen“, so Chambers.
Was das für Waldstabilität bedeutet
Selbst wenn sich langfristig trockenheitsresistentere Arten durchsetzen, braucht dieser Umbau Zeit. Der Verlust großer Bäume erfolgt schneller als das Nachwachsen neuer, angepasster Arten. In dieser Phase bleibt der Wald anfälliger für weitere Schäden.
Damit wird der Amazonas zu einem Gradmesser für den Klimawandel. Nicht einzelne Extremjahre entscheiden über seine Zukunft, sondern die Frage, ob heiße Dürren eine Ausnahme bleiben – oder zur Regel werden.
Kurz zusammengefasst:
- Nicht Trockenheit allein ist entscheidend, sondern die Kombination aus Hitze und Wassermangel: Sinkt die Bodenfeuchte unter einen klaren Schwellenwert, reißt die Wasserleitung der Bäume ab – ähnlich einem Schlaganfall.
- Messdaten aus dem Amazonas zeigen, dass solche „heißen Dürren“ die Baumsterblichkeit stark erhöhen, besonders bei schnell wachsenden Arten, und die CO₂-Aufnahme des Regenwalds spürbar schwächen.
- Klimamodelle prognostizieren, dass diese Bedingungen ab etwa 2040 während ganz normaler Trockenzeiten häufig werden – der Amazonas gerät damit in einen Klimazustand, den es seit Millionen Jahren nicht gab, mit Folgen für Waldstabilität und die globale CO₂-Bilanz.
Übrigens: Während Hitze und Dürre den Amazonas zunehmend schwächen, versucht ein Tech-Gigant gegenzusteuern – mit neuen Wäldern in Brasilien. Google investiert Millionen in Aufforstung, um den wachsenden CO₂-Ausstoß seiner KI-Rechenzentren auszugleichen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Jeff Chambers/UC Berkeley

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