Superzellen als Dauergast in den Alpen – Forscher warnen vor dramatischer Zunahme

Forscher rechnen bis zum Ende des Jahrhunderts mit einer Zunahme von Superzellen um bis zu 52 Prozent in der Alpenregion.

Superzellen-Gewitter nehmen durch den Klimawandel in Europa deutlich zu, besonders im Alpenraum drohen bis zu 52 Prozent mehr Extremstürme.

Ein Superzellen-Gewitter über dem Lago Maggiore: In den Alpen begünstigen starke Aufwinde und feuchte Luftmassen solche Extremstürme. © MeteoSwiss, Luca Panziera

Ein plötzlicher Temperatursturz, aufziehende dunkle Wolken, dann Hagel so groß wie Golfbälle: In Europa könnten solche Extremwetterlagen bald deutlich häufiger auftreten. Eine neue Studie der Universität Bern und der ETH Zürich zeigt, dass der Klimawandel die Zahl der Superzellen-Gewitter bis zum Ende des Jahrhunderts drastisch erhöhen könnte. Besonders im Alpenraum und in Zentral- sowie Osteuropa droht eine massive Zunahme dieser gefährlichen Unwetter. Für Menschen, Städte und Landwirtschaft hat das weitreichende Folgen.

Alpenregion als künftiger Hotspot

Superzellen-Gewitter sind eine besonders gefährliche Form von Gewittern. Sie entstehen, wenn warme, feuchte Luft schnell aufsteigt und sich dabei ein rotierender Aufwind bildet. Diese Rotation macht die Stürme extrem stabil und langlebig. Superzellen können riesige Hagelkörner, Sintflutregen, Sturmböen und in manchen Fällen sogar Tornados hervorbringen.

Die Forscher nutzten hochauflösende Klimamodelle, um die Entstehung und Häufigkeit von Superzellen in Europa zu simulieren. Das Ergebnis: Der Alpenraum entwickelt sich zum Gewitter-Hotspot. Vor allem auf der Alpennordseite könnte die Zahl der Superzellen um bis zu 52 Prozent steigen. Südlich der Alpen wird mit einem Plus von 36 Prozent gerechnet.

Die Alpen gehören bereits jetzt zu den aktivsten Regionen Europas, wenn es um Gewitter geht. Berge und Täler fördern das Entstehen von Aufwinden und stauen feuchte Luftmassen, die ideale Bedingungen für besonders starke Gewitter schaffen.

Mehr Gefahren für Menschen und Infrastruktur

Wenn sich am Himmel eine Superzelle zusammenbraut, droht weit mehr als ein gewöhnliches Sommergewitter. Rotierende Aufwinde verwandeln die Wolken in zerstörerische Maschinen – mit faustgroßen Hagelkörnern, Regenmassen wie aus Eimern und Böen mit Orkanstärke. Für Menschen bedeutet ein solches Extremwetter Gefahr für Leib und Leben – für Städte und Infrastruktur oft Schäden in Millionenhöhe.

Besonders betroffen sind:

  • Süddeutschland und das Alpenvorland
  • Österreichische und Schweizer Alpenregionen
  • Zentral- und Osteuropa mit deutlichen Anstiegen bis zu 56 Prozent
  • Baltikum mit der stärksten relativen Zunahme von 116 Prozent

Klimawandel verschiebt Risiko-Schwerpunkte der Superzellen-Gewitter

Die Modellrechnungen zeigen, dass sich der geografische Schwerpunkt der extremen Gewitter in Europa deutlich verschiebt. Während die Zahl der Superzellen in den Alpen, in Mitteleuropa und im Baltikum zunimmt, sind Südfrankreich und die Iberische Halbinsel künftig weniger betroffen.

Die Ursache liegt in den veränderten klimatischen Bedingungen:

  • In Mitteleuropa sorgt mehr Bodenfeuchtigkeit zusammen mit höheren Temperaturen für stärkere Instabilität in der Atmosphäre.
  • Im Mittelmeerraum hingegen steigen die Temperaturen schneller, während die Luftfeuchtigkeit dort eher sinkt – das bremst die Bildung heftiger Gewitter.
  • Der Klimawandel verändert zudem die Windscherung, die eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Superzellen spielt.

Wirtschaftliche Schäden könnten massiv steigen

Ein kleiner Teil der Superzellen verursacht schon jetzt den Großteil der wetterbedingten Schäden in Europa. Durch die prognostizierte Zunahme könnte sich dieses Problem massiv verschärfen. Große Hagelkörner und sintflutartige Regenfälle bedrohen besonders die Landwirtschaft und die Versorgungsinfrastruktur.

Für die Landwirtschaft bedeuten mehr Superzellen:

  • Höhere Ernteausfälle durch Hagelschlag und Überschwemmungen
  • Steigende Kosten für Versicherungsschutz
  • Verlust ganzer Ernten in besonders gefährdeten Regionen

Versicherer müssen ihre Risikomodelle anpassen, um die finanziellen Folgen abzufedern. Bereits heute verzeichnen sie deutlich steigende Schadenssummen nach extremen Gewittern.

Städte und Katastrophenschutz unter Druck

Neben der Landwirtschaft müssen sich auch Kommunen und Katastrophenschutzbehörden auf die veränderten Bedingungen einstellen. Frühwarnsysteme, Bauvorschriften und Notfallpläne benötigen ein umfassendes Update, um die Folgen von Extremwetterereignissen besser abzufangen. In der Studie heißt es dazu, bezogen auf eine angenommene Erderwärmung um drei Grad:

Die Klimasimulation zeigt einen durchschnittlichen Anstieg der Häufigkeit von Superzellen um 11 Prozent.

Diese Prognose zwingt Entscheidungsträger dazu, gezieltere Schutzmaßnahmen umzusetzen. In Städten können z. B. neue Drainagesysteme, hagelsichere Dachkonstruktionen und angepasste Bauweisen helfen, die Schäden zu begrenzen.

Superzellen werden stärker und nasser

Nicht nur die Zahl der Stürme nimmt zu, auch deren Intensität verändert sich. Die Studie zeigt, dass Superzellen in Zukunft größere Flächen abdecken und mehr Niederschlag produzieren könnten. „Die Ausdehnung der Stürme und die maximale Niederschlagsrate nehmen in Zukunft zu“, warnen die Forscher. Außerdem wächst die maximale Hagelgröße spürbar.

Für die Bevölkerung bedeutet das:

  • Mehr Gefahr durch großkörnigen Hagel
  • Stärkere Überschwemmungen in kurzen Zeiträumen
  • Längere Ausfallzeiten für Bahn, Strom und Straßenverkehr

Kurz zusammengefasst:

  • Superzellen-Gewitter entstehen durch rotierende Aufwinde und können durch den Klimawandel häufiger und intensiver auftreten, mit großem Hagel, Starkregen und Sturmböen.
  • Eine Studie der Universität Bern und der ETH Zürich zeigt, dass ihre Häufigkeit in Europa bei einer Erwärmung um drei Grad um durchschnittlich 11 Prozent steigt – im Alpenraum sogar um bis zu 52 Prozent.
  • Die Zunahme dieser Extremwetterereignisse erhöht die Risiken für Menschen, Landwirtschaft, Infrastruktur und Versicherungen erheblich und macht neue Schutzmaßnahmen dringend notwendig.

Übrigens: Neue Daten zeigen, dass Flüsse seit Milliarden Jahren enorme Mengen CO2 speichern – viel länger als bisher angenommen. Das verändert grundlegende Klimamodelle – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © MeteoSwiss, Luca Panziera

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