2 Grad oder 4 Grad? – Neue Studie rechnet die Folgen für die Antarktis gnadenlos durch
Antarktis-Studie zeigt konkrete Folgen der Erwärmung – bei 4 Grad schrumpft das Meereis deutlich, bei 2 Grad zeichnet sich ein anderes Bild.
Rund tausend Jahre lagen diese Moose unter Eis. Durch die Erwärmung werden sie auf der Antarktis nun wieder sichtbar. © Peter Convey
Über der Antarktischen Halbinsel weht ein kalter Wind, doch die Region zählt zu den am schnellsten erwärmten Gebieten der Südhalbkugel. Schon wenige zusätzliche Grad entscheiden darüber, wie stark sich die Antarktis verändert. Neue Modellrechnungen zeigen, wie unterschiedlich sich 1,8 oder 4,4 Grad globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 auf Eis, Ozean und Tierwelt auswirken würden.
Die Untersuchung erschien im Fachjournal Frontiers in Environmental Science. Ein internationales Team analysierte, wie sich verschiedene Emissionspfade konkret auf die Antarktische Halbinsel auswirken. Die Region gilt als empfindlich gegenüber klimatischen Veränderungen und ist zugleich gut erforscht.
Drei Szenarien zeigen klare Temperaturgrenzen
Die Forscher berechneten drei mögliche Entwicklungen bis 2100:
- ein Niedrig-Emissions-Szenario mit rund 1,8 Grad Erwärmung gegenüber vorindustriellen Werten
- ein mittelhohes Szenario mit 3,6 Grad
- und ein Hoch-Emissions-Szenario mit 4,4 Grad.
„Die Antarktische Halbinsel ist ein besonderer Ort“, erklärt Studienleiterin Bethan Davies von der Newcastle University. „Ihre Zukunft hängt von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen.“ Unter niedrigen Emissionen lasse sich „der wichtigste und schädlichste Einfluss vermeiden“. Bei höheren Emissionen drohe dagegen der Verlust von Meereis, Schelfeis, Gletschern und ikonischen Arten wie Pinguinen.
Folgen der Antarktis-Erwärmung betreffen Eis und Meeresspiegel
Im besten Fall schrumpft das Winter-Meereis nur leicht – es bliebe fast so groß wie heute, so die Expertin. Die meisten Gletscher würden erkennbar bleiben. Die Schelfeise, die das Eis an Land stabilisieren, blieben erhalten. Der zusätzliche Beitrag der Halbinsel zum Meeresspiegelanstieg läge Davies zufolge bis 2100 bei nur wenigen Millimetern.
Im Hoch-Emissions-Szenario verändert sich das Bild deutlich. Die Meereisfläche könnte um bis zu 20 Prozent schrumpfen. Wärmeres Ozeanwasser greift Schelfeise von unten an. Je stärker die Temperaturen steigen, desto größer wird das Risiko, dass Schelfeise kollabieren. Das beschleunigt den Eisabfluss ins Meer und treibt den Meeresspiegel weiter an.
„Was mich am meisten beunruhigt, ist, wie dauerhaft diese Veränderungen sein könnten“, so Davies. Viele Prozesse ließen sich über menschliche Zeiträume hinweg nicht umkehren.
Südlicher Ozean erwärmt sich schneller
Die Modelle zeigen zudem, dass sich der Südliche Ozean unter hohen Emissionen schneller erwärmt. Das hat Folgen für marine Ökosysteme. Besonders betroffen wäre Krill, eine kleine Krebsart, die als Schlüsselorganismus gilt. Wale, Robben und Pinguine sind auf ihn angewiesen.
Geht das Meereis zurück, verliert der Krill wichtige Lebensräume. Die Auswirkungen ziehen sich durch die gesamte Nahrungskette. Warmblütige Räuber könnten Temperaturveränderungen eher tolerieren. Fehlt jedoch ihre Beute, geraten auch sie unter Druck.

Acht Umweltbereiche im Blick
Die Forscher betrachteten acht zentrale Bereiche der Halbinsel: Meeres- und Landlebensräume, Meereis, Landeis, Schelfeise, den Südlichen Ozean, die Atmosphäre sowie Extremereignisse wie Hitzewellen. Damit entstand ein Gesamtbild, das Eisphysik, Ökologie und Ozeanographie zusammenführt.
Bereits 2019 hatte das Team untersucht, wie sich ein 1,5-Grad-Szenario auswirken würde. Nun zeigen die neuen Berechnungen, was geschieht, wenn diese Schwelle deutlich überschritten wird. „Was das Überschreiten von 1,5 Grad für die Antarktische Halbinsel bedeutet, ist ein beunruhigender Ausblick“, sagt Mitautor Martin Siegert von der University of Exeter.
Entscheidungen dieses Jahrzehnts wirken über Jahrhunderte
Nach Einschätzung der Autoren steuert die Welt derzeit auf ein mittleres bis mittelhohes Emissionsszenario zu. Selbst im günstigeren Fall würden aktuelle Trends wie Eisverlust und Extremereignisse anhalten, allerdings abgeschwächt.
Im ungünstigsten Fall wären viele Veränderungen über Jahrhunderte bis Jahrtausende kaum rückgängig zu machen. „Wenn wir jetzt nichts ändern, werden unsere Urenkel mit den Folgen leben müssen“, warnt Davies.
Kurz zusammengefasst:
- Eine neue Studie zeigt anhand von drei Emissionsszenarien (1,8 °C, 3,6 °C, 4,4 °C), wie stark sich unterschiedliche Temperaturanstiege bis 2100 auf die Antarktische Halbinsel auswirken.
- Bei niedrigen Emissionen bleiben Gletscher, Schelfeise und Winter-Meereis weitgehend erhalten, der zusätzliche Meeresspiegelanstieg durch die Region beschränkt sich auf wenige Millimeter.
- Bei hohen Emissionen drohen deutlicher Meereisverlust (bis zu 20 Prozent), instabile Schelfeise und langfristige Veränderungen, die über Jahrhunderte kaum rückgängig zu machen wären.
Übrigens: Schon vor 9.000 Jahren löste warmes Tiefenwasser in der Antarktis eine Kettenreaktion aus, die gewaltige Eismassen verschwinden ließ – dieser Mechanismus setzt jetzt erneut ein. Warum Experten Parallelen ziehen und was das für den Meeresspiegel bedeutet, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Peter Convey
