Ultraschall-Wearable: Ärzte sehen das Herz jetzt rund um die Uhr
Ein Wearable mit Ultraschalltechnik beobachtet das Herz über Stunden hinweg. Ärzte sehen erstmals, was zwischen zwei Untersuchungen passiert.
Ultraschall-Wearable im Test: Das maßgeschneiderte Sensorpflaster mit winzigen Ultraschallwandlern haftet dank weicher Spezialmaterialien direkt auf der Haut. © SMART WITEC
Eine Ultraschall-Untersuchung wird normalerweise im Krankenhaus oder in einer Praxis durchgeführt. Doch das könnte sich bald ändern. Ein kleines Wearable mit integrierter Ultraschall-Technik soll künftig das Herz über viele Stunden beobachten. Damit wird sichtbar, was zwischen zwei Arztterminen passiert. Belastungen, Schwankungen und frühe Warnzeichen fallen dann schneller auf. Gleichzeitig könnte sich der Arbeitsalltag in Kliniken verändern, denn Ultraschall bindet heute viel spezialisiertes Personal, Termine sind knapp und Wartezeiten lang.
Blutdruck und Herzleistung schwanken im Tagesverlauf teils erheblich. Bewegung, Stress und Schlaf greifen ineinander und beeinflussen die Werte. Das Wearable erfasst diese Veränderungen über längere Zeiträume und liefert Daten aus dem Alltag statt aus der Klinik. Ein Teil der Überwachung ließe sich so aus den Krankenhäusern verlagern. Pflegekräfte und Ärzte hätten mehr Zeit für komplexe Behandlungen, Kliniken würden entlastet.
Getragen wird das Vorhaben von einem internationalen Forschungsverbund. Koordiniert wird die Arbeit von der Singapore-MIT Alliance for Research and Technology, beteiligt sind unter anderem das Massachusetts Institute of Technology (MIT), die Nanyang Technological University und die National University of Singapore. Die klinische Erprobung erfolgt am Tan Tock Seng Hospital.
Warum erst neue Materialien Ultraschall alltagstauglich machen
Der technische Kern liegt weniger im Ultraschall selbst als in seiner Verpackung. Klassische Geräte benötigen Gel, starre Sonden und ruhige Bedingungen. Für den Alltag taugt das nicht. Das neue System nutzt bioadhäsive Materialien, die sanft auf der Haut haften und sich den Bewegungen des Körpers anpassen. Sie reizen nicht, lösen sich nicht bei Schweiß und halten auch über viele Stunden.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Fertigung. In den Laboren kommen 3D-Drucker zum Einsatz, die Strukturen im Submikrometerbereich herstellen. Das erlaubt Bauteile mit extrem feinen Oberflächen, angepasst an Haut und Gewebe. So bleibt der Kontakt stabil, die Bildqualität konstant und die Messung verlässlich – selbst beim Gehen oder Schlafen.
Langzeitdaten zeigen Herzprobleme, die kurze Tests übersehen
Für Menschen mit Bluthochdruck oder Herzschwäche zählt oft nicht ein einzelner Wert, sondern der Verlauf. Steigt der Druck nachts an? Sinkt die Herzleistung unter Belastung? Treten Auffälligkeiten nur gelegentlich auf? Ein Ultraschall-Wearable kann solche Muster sichtbar machen. Ärzte erhalten damit eine zeitliche Tiefe, die bisher fehlte.
Die Datenmenge wäre für Menschen allein kaum zu überblicken. Deshalb werden die Bilder mit KI-gestützten Systemen ausgewertet. Algorithmen vergleichen Verläufe, erkennen Abweichungen und heben auffällige Stellen hervor. Es geht dabei nicht um automatische Diagnosen, sondern um klarere Hinweise. Ärzte erhalten so früher und gezielter die Informationen, die für Entscheidungen in der Behandlung wichtig sind.
Klinische Studien sollen Alltagstauglichkeit prüfen
Noch befindet sich das System in der Entwicklung. Erste Studien sollen prüfen, wie zuverlässig die Langzeitmessungen im Alltag funktionieren. Dabei geht es um Bildqualität, Tragekomfort und Stabilität über viele Stunden. Die klinischen Tests starten mit Herzpatienten, bei denen Veränderungen besonders relevant sind.
Parallel arbeitet das Team an weiteren Bausteinen: neuen Ultraschallwandlern, angepasster Mikroelektronik und Materialien, die sich noch besser an den Körper anschmiegen. Innerhalb von drei Jahren soll daraus eine vollständig integrierte Plattform entstehen, die im Alltag eingesetzt werden kann.
Zwischen Smartwatch und Klinik: Eine neue Gerätekategorie entsteht
Das Projekt ist mehrjährig angelegt und wird mit mehreren Millionen Euro gefördert. Neben der medizinischen Wirkung entstehen Effekte für Industrie und Arbeitsmarkt. Neue Fertigungstechniken, Sensorik und Datenanalyse schaffen Bedarf an spezialisierten Fachkräften. Auch Hersteller von Medizintechnik beobachten die Entwicklung genau.
Langfristig könnte tragbarer Ultraschall eine neue Geräteklasse begründen – zwischen Smartwatch und Kliniksystem. Anders als Fitnessarmbänder liefert er keine groben Näherungen, sondern bildgebende Daten aus dem Körperinneren – darin liegt sein Unterschied und sein Potenzial.
Kurz zusammengefasst:
- Ein Ultraschall-Wearable macht das Herz über viele Stunden hinweg sichtbar, nicht nur kurz im Krankenhaus. Ärzte erkennen erstmals, was zwischen zwei Untersuchungen passiert.
- Statt einzelner Messwerte entstehen Verlaufsdaten aus dem Alltag, etwa bei Bluthochdruck oder Herzschwäche. KI hilft, Auffälligkeiten früh zu markieren, ohne ärztliche Entscheidungen zu ersetzen.
- Die Technik entlastet Kliniken und verbessert die Versorgung, weil Überwachung teilweise nach Hause verlagert wird. Personal gewinnt Zeit, Patienten erhalten frühere und präzisere Hinweise.
Übrigens: Tragbare Medizintechnik gilt als sauberer Fortschritt – doch ihre Elektronik und kurze Nutzungsdauer machen sie zu einem wachsenden Klimafaktor. Wie Sensorpflaster, Chips und Metalle den CO₂-Ausstoß antreiben und welche Lösungen Forscher sehen, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © SMART WITEC
