Tesa baut größtes Werk um – was Wasserstoff jetzt mit Klebeband zu tun hat
Tesa stellt sein größtes Werk auf Wasserstoff um. Das Ziel: weniger Erdgas, stabile Energieversorgung und klimaneutrale Produktion bis 2030.
Visualisierung: Die Gasdruckregel- und Messanlage schafft den Anschluss von Tesa an das Hamburger Wasserstoffnetz HH-WIN. © Hamburger Energienetze
In einem Elektroauto stecken mehr als 130 Klebelösungen, in einem Smartphone über 70. Klebeband hält Displays, Kabel, Sensoren und Verkleidungen zusammen. Ohne diese Verbindungen würden viele Geräte gar nicht funktionieren. Doch hinter dem kleinen Alltagsprodukt steckt ein enormer Energiebedarf.
Im Hamburger Werk von Tesa wird nun deutlich, wie groß dieser Druck auf die Industrie inzwischen ist. Der Klebstoffhersteller will weg vom Erdgas und baut seine Energieversorgung neu auf – mit Wasserstoff, elektrisch erzeugter Wärme, Speichern und digitaler Steuerung. Damit geht es nicht um ein abstraktes Klimaprojekt, sondern um eine sehr konkrete Frage: Wie kann eine deutsche Fabrik klimaneutraler werden, ohne dass Versorgung, Kosten und Qualität aus dem Takt geraten?
Produktion braucht enorme Hitze – Wasserstoff ersetzt Erdgas
Im Werk Hamburg-Harburg entstehen täglich große Mengen Klebeband. Dabei laufen Beschichtungs- und Trocknungsprozesse, die viel Wärme benötigen. Bisher kam diese Energie überwiegend aus Erdgas.
Nach Angaben von Tesa soll sich das nun ändern. Das Unternehmen stellt seine Energieversorgung Schritt für Schritt um. Ziel ist eine Produktion, die ohne fossile Energieträger auskommt. Wasserstoff kommt überall dort zum Einsatz, wo hohe Temperaturen nötig sind. Diese Prozesse lassen sich nur schwer elektrifizieren.
Ab 2027 soll das Werk über das Hamburger Wasserstoffnetz HH-WIN versorgt werden. Die Stadt unterstützt den Anschluss mit 950.000 Euro, heißt es in einer Aussendung von Tesa. Damit beginnt eine neue Phase für die Energieversorgung der Anlage.
Vier Bausteine treiben den Umbau konkret voran
Das Konzept geht über einen einfachen Brennstoffwechsel hinaus. Mehrere Technologien greifen ineinander:
- Grüner Wasserstoff für energieintensive Prozesse
- Elektrisch erzeugter Dampf für niedrigere Temperaturen
- Wärmespeicher, die Energie zwischenspeichern
- Digitale Steuerung zur laufenden Optimierung
Diese Kombination sorgt dafür, dass Energie flexibler genutzt werden kann. Der Betrieb passt sich stärker an Preise und Verfügbarkeit an.
KI steuert Energieeinsatz in Echtzeit
Eine wichtige Rolle übernimmt die digitale Steuerung. Systeme analysieren den Energiebedarf der Produktion und passen die Nutzung an. Tesa-CTO Ingrid Sebald erklärt: „Wir brauchen Energiesicherheit. Das bedeutet weniger Abhängigkeit von Gasimporten und mehr Schutz vor künftig steigenden CO₂-Preisen.“ Damit geht es nicht nur um Klimaschutz. Es geht auch um stabile Kosten und Planungssicherheit.
Der Umbau im Werk hängt eng mit dem Ausbau der Infrastruktur zusammen. In Hamburg entsteht derzeit ein eigenes Wasserstoffnetz für die Industrie. Das Netz HH-WIN soll 2027 starten. Zu Beginn umfasst es rund 40 Kilometer Leitung. Bereits etwa 18 Kilometer sind gebaut. In den kommenden Jahren wächst das System auf rund 60 Kilometer.
Netz verbindet Industrie mit neuen Energiequellen
Über das Netz können Unternehmen Wasserstoff aus verschiedenen Quellen beziehen. Dazu zählen Importterminals ebenso wie lokale Produktion. Ein wichtiger Standort liegt in Moorburg. Dort entsteht ein großer Elektrolyseur. Seit Dezember 2025 wird die Anlage gebaut. Sie soll künftig Wasserstoff direkt vor Ort erzeugen.
Der Umbau in Hamburg ist Teil einer größeren Strategie. Bis 2030 will das Unternehmen seine Produktion klimaneutral gestalten, zumindest bei direkten Emissionen und Energieverbrauch. Dafür plant Tesa Investitionen von rund 300 Millionen Euro. Schon heute stammen etwa 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Die Emissionen aus Energie und Produktion sind bereits deutlich gesunken.
Die finanzielle Hilfe kommt aus einem Hamburger Förderprogramm. Es unterstützt Unternehmen beim Anschluss an das Wasserstoffnetz und bei der technischen Umrüstung. Gefördert wird vor allem die sogenannte „letzte Meile“. Gemeint ist der Übergang vom Netz zur Produktion. Hier entstehen oft die größten technischen Herausforderungen.
Kosten für CO₂ und Energie zwingen Industrie zum Umdenken
Hinter dem Umbau stehen auch wirtschaftliche Gründe. Energiepreise schwanken stark. Zudem steigen die Kosten für CO₂-Emissionen. Unternehmen suchen daher nach Lösungen, die langfristig stabil sind. Wasserstoff gilt dabei als eine mögliche Option, wenn er ausreichend verfügbar ist.
Der Zeitplan ist festgelegt. Ab 2027 soll das Werk erstmals über das Wasserstoffnetz versorgt werden. Bis dahin entstehen neue Anlagen, Leitungen und Steuerungssysteme. Schritt für Schritt verändert sich die Produktion – und damit auch die Energie hinter einem Produkt, das im Alltag oft kaum beachtet wird.
Kurz zusammengefasst:
- Tesa baut sein größtes Werk in Hamburg so um, dass Erdgas dort schrittweise durch Wasserstoff, elektrische Wärme, Speicher und digitale Steuerung ersetzt wird.
- Der Umbau ist nötig, weil die Herstellung von Klebeband viel Energie braucht und ab 2027 über das Hamburger Wasserstoffnetz HH-WIN versorgt werden soll, das zunächst 40 Kilometer lang ist.
- Für Tesa geht es dabei nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um Versorgungssicherheit, geringere Abhängigkeit von Gas und eine Produktion, die bis 2030 klimaneutral werden soll.
Übrigens: Wasserstoff verändert nicht nur Fabriken wie das Tesa-Werk, sondern rückt auch in der Schifffahrt näher an den Alltag der Industrie – in Augsburg lief erstmals ein großer Schiffsmotor komplett ohne Diesel, nur mit Wasserstoff. Der Test brachte sogar mehr Leistung bei gleicher Größe – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Hamburger Energienetze
