Schwebende Windräder in China: Das Land hebt seine Windkraft einfach in die Luft
Schwebende Windräder in China erzeugen Strom aus starken Höhenwinden: Ein Luftschiff lieferte in 2.000 Metern Höhe erstmals Energie ins Netz.
Klassische Windräder erzeugen Strom nahe dem Boden – schwebende Windkraftanlagen in China sollen künftig Höhenwinde nutzen, ohne zusätzliche Flächen zu beanspruchen. © Wikimedia
Ein grauweißes Luftschiff schwebt ruhig über einer Stadt in Südwestchina. Darunter Häuser, Straßen, ein Fluss. Oben dreht sich nichts sichtbar, kein Rotor ragt in den Himmel. Und doch fließt Strom. Mehrere hundert Kilowattstunden wandern in wenigen Stunden ins Netz. Windkraft, nicht am Boden, sondern hoch über der Stadt – dort, wo der Wind verlässlicher weht.
In mehreren hundert bis mehreren tausend Metern Höhe sind Böen gleichmäßiger und kräftiger als nahe der Erdoberfläche. Diesen Vorteil nutzt ein neues chinesisches System. Es bleibt über ein Kabel mit dem Boden verbunden und gewinnt Energie aus Höhenwinden. Schon kleine Zuwächse bei der Windgeschwindigkeit steigern den Ertrag stark. Die ersten Tests deuten an, dass schwebende Anlagen in eine Leistungsklasse vorstoßen könnten, die bislang klassischen Windrädern vorbehalten war.
Schwebende Windräder in China nutzen starke Höhenwinde gezielt
Das getestete System trägt den Namen S2000 Stratosphere Airborne Wind Energy System, kurz SAWES. Das Luftschiff misst rund 60 Meter in der Länge sowie etwa 40 Meter in Breite und Höhe. Es steigt mit Hilfe von Helium auf und bleibt während des Betriebs am Boden verankert. Beim jüngsten Test erreichte es eine Höhe von rund 2.000 Metern – nach etwa 30 Minuten Aufstieg.
In dieser Position erzeugte das System rund 385 Kilowattstunden Strom innerhalb weniger Stunden. Diese Energiemenge reicht, um mehrere Elektroautos zu laden oder einen durchschnittlichen Haushalt in China etwa einen Monat zu versorgen. Die angegebene maximale Leistung liegt bei bis zu drei Megawatt. Das entspräche einem mittelgroßen konventionellen Windrad an Land.
Im Inneren des Luftschiffs arbeitet eine ungewöhnliche Konstruktion. Zwischen Rumpf und äußerem Ring verläuft ein ringförmiger Kanal. Darin sitzen zwölf Turbinen, die den Wind gebündelt aufnehmen. Der technische Leiter des Entwicklerunternehmens, Weng Hanke, beschreibt das Prinzip laut Global Times so: „Es ist, als würde man den Wind von allen Seiten einwickeln und den Luftstrom in diesem Kanal bündeln, damit die Rotorblätter möglichst viel Energie aufnehmen.“
Zwölf Turbinen bündeln den Wind besonders effizient
Der Vorteil dieses Ansatzes liegt nicht nur im stärkeren Wind in großer Höhe. Das System benötigt kaum Fläche am Boden. Gerade in dicht besiedelten Regionen oder in Gebieten mit konkurrierender Landnutzung kann das entscheidend sein. Große Windparks stoßen dort oft auf Widerstand oder lassen sich schlicht nicht genehmigen.
Die Entwickler sehen deshalb zwei Einsatzfelder. Zum einen die Stromversorgung abgelegener Orte ohne stabiles Netz, etwa in Grenzregionen oder schwer zugänglichem Gelände. Zum anderen die Ergänzung bestehender Windparks. Bodennahe Anlagen und schwebende Systeme könnten gemeinsam ein dreidimensionales Energiesystem bilden, das wetterbedingte Schwankungen besser ausgleicht.
Wie die Global Times berichtet, läuft bereits eine Kleinserienproduktion des Systems. Zudem existieren Absichtserklärungen mit mehreren Küstenstädten sowie mit Regionen in größerer Höhe.
China testet nicht nur ein fliegendes Windrad – sondern baut bereits die Industrie dafür auf
Parallel entsteht eine eigene Produktionsbasis für zentrale Bauteile. In der ostchinesischen Stadt Zhoushan wird eine Anlage für Hochleistungsmaterialien der Luftschiffhülle aufgebaut. Geplant ist eine Jahreskapazität von rund 200.000 laufenden Metern bis 2026 – gemeint ist die Länge der produzierten Materialbahnen für die Luftschiffhülle, ähnlich wie bei Stoffrollen. Bis 2028 soll sie auf etwa 800.000 laufende Meter steigen.
Der staatlich geförderte Ausbau zeigt, wie ernst China das Konzept nimmt. Das Land experimentiert seit Jahren mit riskanten Großprojekten im Energiesektor. Schwebende Windkraft passt in diese Strategie, weil sie theoretisch hohe Erträge verspricht, ohne zusätzliche Flächen zu beanspruchen.
Gleichzeitig bleiben offene Fragen. Wie verhalten sich die Anlagen bei Stürmen? Wie beständig sind Kabel und Hüllen im Dauereinsatz? Und wie sehen Wartung und Kosten im Vergleich zu klassischen Windparks aus? Diese Punkte entscheiden darüber, ob aus dem Prototyp ein wirtschaftlich tragfähiges System wird.
Auch die South China Morning Post aus Hongkong weist darauf hin, dass schwebende Windkraftanlagen bislang nicht im dauerhaften Großbetrieb erprobt sind und zentrale Fragen zu Sicherheit, Wartung und Wirtschaftlichkeit offen bleiben.
Experten mahnen zur Geduld: Technik, Sicherheit und Kosten müssen sich erst bewähren
Der Energieökonom Lin Boqiang von der Xiamen-Universität ordnet das Projekt vorsichtig ein. Er spricht von einem möglichen Fortschritt für neue Energieformen, verweist jedoch auf ungeklärte Aspekte bei Stabilität, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. Diese Faktoren müssten sich erst im Langzeitbetrieb beweisen.
Fest steht: Schwebende Windräder verschieben die Grenzen klassischer Windkraft. Der Strom kommt nicht mehr nur von Masten und Rotoren am Boden, sondern aus Höhen, die bislang ungenutzt blieben. Ob sich diese Idee durchsetzt, hängt weniger von der spektakulären Optik ab als von nüchternen Fragen zu Technik, Kosten und Zuverlässigkeit.
Kurz zusammengefasst:
- Schwebende Windräder in China nutzen starke, gleichmäßige Höhenwinde: Ein heliumgefülltes Luftschiff erzeugte in rund 2.000 Metern Höhe erstmals Strom und speiste etwa 385 Kilowattstunden ins Netz ein.
- Das System S2000 arbeitet mit zwölf Turbinen in einem ringförmigen Luftkanal, benötigt kaum Fläche am Boden und erreicht mit bis zu drei Megawatt eine Leistung auf dem Niveau klassischer Windräder.
- China treibt die Industrialisierung bereits voran, doch Experten und Medien verweisen auf offene Fragen zu Sicherheit, Wartung und Wirtschaftlichkeit im Dauerbetrieb.
Übrigens: Während China Windkraft einfach in die Luft hebt, warnen Forscher aus dem Reich der Mitte beim Solarstrom aus dem All vor einem unterschätzten Risiko: Fehlgeleitete Energielaser könnten Satelliten treffen. Warum schon kleine Abweichungen große Folgen haben könnten, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © ENERGY.GOV via Wikimedia unter Public Domain
