Riechen Filme und Spiele bald nach Wald oder verbranntem Gummi?
Ein Start-up entwickelt eine Technik, die Gerüche bei Filmen und Spielen ermöglicht. Eine KI erkennt Szenen und setzt passende Düfte frei.
Die „Scentbar“ des Start-ups Zestum setzt Düfte frei, die zum aktuellen Geschehen auf dem Bildschirm passen. © Thilo Schmülgen / TH Köln
Bei Filmen, Serien und Videospielen werden bisher vor allem zwei Sinne angesprochen: Sehen und Hören. Hochauflösende Bilder, große Bildschirme und räumlicher Klang sorgen heute für ein intensives Erlebnis. Ein Sinn spielt dabei jedoch kaum eine Rolle – der Geruchssinn. Ein Start-up aus Köln möchte das ändern. Das Team arbeitet an einer Technik, mit der künftig auch Geruch bei Filmen und Spielen möglich werden könnte. Die Idee wirkt zunächst ungewöhnlich. Gleichzeitig passt sie zu einem Trend der Unterhaltungsbranche: Digitale Inhalte sollen sich immer realistischer anfühlen.
Das Projekt entstand im Umfeld der Technischen Hochschule Köln, die die Entwicklung begleitet. Zusammen mit dem jungen Unternehmen Zestum verfolgen die Entwickler ein klares Ziel: Düfte sollen in digitalen Medien eine ähnliche Rolle spielen wie Bild und Ton. Noch steckt das Vorhaben in den Kinderschuhen. Doch die Technik dahinter arbeitet bereits erstaunlich schnell.
Software erkennt Szenen und löst Düfte schnell aus
Wenn in einem Film eine Waldlandschaft erscheint oder in einem Spiel Reifen über Asphalt quietschen, könnte künftig der passende Geruch in der Luft liegen. „Wir wollen Duft genauso greifbar, erfahrbar und einsetzbar machen wie visuelle oder auditive Reize“, beschreibt Gründer Salomo Bertram die Idee.
Die technische Grundlage bildet eine Software mit künstlicher Intelligenz. Sie analysiert laufend das Bildsignal eines Computers. Dabei erkennt das System typische Szenen auf dem Bildschirm. „Unsere KI erkennt Objekte und Szenarien, die auf dem Bildschirm zu sehen sind – etwa einen Wald, eine Blumenwiese oder ein Feuer“, erklärt Bertram.
Geruch bei Filmen und Spielen soll zur Szene passen
Die Analyse erfolgt extrem schnell. Weniger als 500 Millisekunden reichen aus, um eine Szene zu identifizieren. Danach sendet die Software ein Signal an die Hardware.
Diese Hardware trägt den Namen Scentbar. Sie enthält mehrere Duftkapseln mit sogenannten Pellets. Diese Pellets bestehen aus Mischungen aus Parfüm, Ölen und weiteren Duftstoffen.

Die Box nutzt kleine Ventilatoren. Sie erzeugen einen Luftstrom, der über die Pellets streicht. Dadurch gelangen die Duftstoffe in den Raum. Der Geruch breitet sich ähnlich aus wie in einer natürlichen Umgebung.
Ein wichtiger Faktor ist der Atemrhythmus des Menschen. Menschen atmen im Durchschnitt alle drei bis vier Sekunden ein. Genau diese Zeitspanne berücksichtigen die Entwickler. Der Duft soll daher ungefähr im Moment der nächsten Einatmung im Raum ankommen. So entsteht der Eindruck, dass Geruch und Szene zusammengehören.
Drei Duftwelten sollen zum Start verfügbar sein
Zum Marktstart plant das Unternehmen mehrere thematische Duftserien. Sie orientieren sich an typischen Szenen aus Filmen oder Videospielen.
- Natur-Serie: Wald, Regen oder frisches Gras
- Rennsport-Serie: Benzin, verbranntes Gummi und Asphalt
- Action-Serie: Rauch, Betonstaub und Schießpulver
Diese Auswahl deckt viele bekannte Spielszenen und Filmsituationen ab. Später möchten die Entwickler weitere Duftwelten hinzufügen.
Technik arbeitet ohne Sprays oder Nebel
Viele Duftgeräte arbeiten mit Sprays oder Nebel. Die Scentbar nutzt ein anderes Prinzip. Sie setzt auf Luftströmung statt Zerstäubung. Der Duft verteilt sich dadurch sanft im Raum. „Die von uns gewählten Mischungen hängen in der Luft und setzen sich nicht in Kleidung oder Möbeln fest“, so Bertram.
Nach Angaben des Teams verschwinden die Gerüche relativ schnell wieder. Ein kurzes Lüften reicht meist aus.
Auch gesundheitliche Aspekte spielen eine Rolle. Die verwendeten Duftstoffe erfüllen die Vorgaben der International Fragrance Association. Laut Hersteller gelten sie deshalb als unbedenklich für Menschen und Haustiere.
System startet zunächst auf dem PC
Die erste Version richtet sich vor allem an Computer-Nutzer. Das System läuft unter Windows. Es arbeitet mit verschiedenen Anwendungen zusammen.
Dazu gehören unter anderem:
- Videospiele
- Streaming-Plattformen
- Videoportale wie YouTube
Die Software verarbeitet alle Daten direkt auf dem eigenen Computer. Bertram erklärt: „Die Software nutzt die Ressourcen des Computers und ist nicht cloudbasiert, wodurch das System für unsere Kund*innen günstig und einfach bleibt“, sagt Bertram dazu.
Kickstarter-Kampagne soll Produktion finanzieren
Der nächste Schritt betrifft die Markteinführung. Das Start-up plant eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter. Der Starttermin ist der 10. März.
Mit der Kampagne möchte das Team die Produktion der ersten Geräte finanzieren. Gleichzeitig sollen Nutzer die Entwicklung begleiten können.
Das Projekt erhält Unterstützung aus mehreren Förderprogrammen. Die Gründer nehmen am Programm EXIST – From Science to Business teil. Dieses Programm gehört zum Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und wird von der Europäischen Union unterstützt.
Auch das Gateway-Gründungszentrum der Technischen Hochschule Köln begleitet das Team. Dort erhalten junge Unternehmen Beratung, Kontakte und Infrastruktur.
Nächstes Level: Düfte digital kombinieren
Langfristig verfolgen die Entwickler eine größere Vision. Digitale Bilder entstehen aus vielen Farbtönen, die sich flexibel kombinieren lassen.
Ein ähnliches Prinzip soll künftig auch für Gerüche gelten. Verschiedene Duftkomponenten könnten digital gemischt werden. Dadurch ließen sich zahlreiche unterschiedliche Gerüche erzeugen.
Kurz zusammengefasst:
- Ein Start-up aus Köln entwickelt eine Technik, die Geruch bei Filmen und Spielen möglich machen soll: Eine KI erkennt Szenen auf dem Bildschirm und eine Duft-Box gibt passende Gerüche ab.
- Die Software arbeitet sehr schnell und erkennt Inhalte in weniger als 500 Millisekunden; weil Menschen etwa alle drei bis vier Sekunden einatmen, kann der Duft zeitlich zur Szene passen.
- Zum Start sind drei Duftwelten geplant (Natur, Rennsport, Action); langfristig wollen die Entwickler Düfte digital kombinieren, ähnlich wie Farben in einem Bildschirmbild.
Übrigens: Während neue Technik sogar Gerüche in Filme und Spiele integrieren will, zeigt eine Studie der Michigan State University noch einen anderen Effekt digitaler Welten: Virtuelle Sportspiele können Einsamkeit lindern und das Wohlbefinden steigern. Wie VR-Sport soziale Nähe erzeugt und warum besonders einsame Menschen davon profitieren, steht in unserem Artikel.
Bild: © Thilo Schmülgen / TH Köln
