Atomenergie ersetzt Kohle: So spart China CO₂ dort, wo Wind und Sonne scheitern
China ersetzt Kohle in der Industrie durch Atomenergie: Ein neues Kernkraftwerk liefert Prozesswärme und senkt CO₂-Emissionen.
In Lianyungang wächst neben dem bestehenden Kernkraftwerk Tianwan (im Bild, im Jahr 2024) ein zweites Atomprojekt heran. Während Tianwan mit bald acht Reaktoren zum größten Kernkraftstandort der Welt werden soll, entsteht mit Xuwei erstmals eine Anlage, die Atomenergie gezielt für industrielle Prozesswärme nutzt – direkt neben dem petrochemischen Industriezentrum. © Wikimedia
Energiepolitik entscheidet sich nicht allein an Strompreisen oder an der Zahl neuer Windräder. Sie entscheidet sich dort, wo Fabriken dauerhaft Hitze benötigen. Chemiewerke, Raffinerien und große Industrieparks erzeugen ihren Dampf bis heute überwiegend mit Kohle. In Ostchina entsteht nun eine Industrieanlage, die einen anderen Weg wählt. Kohle verliert damit in einem besonders emissionsintensiven Industriebereich an Bedeutung.
Kernkraftwerke galten lange als Lieferanten von Strom. Technisch liefern sie jedoch vor allem kontinuierliche Wärme auf hohem Temperaturniveau. Diese Eigenschaft nutzt China bei einem neuen Projekt in der Küstenstadt Lianyungang, wie aus Berichten der Global Times hervorgeht. Dort entsteht eine Anlage, die Atomenergie gezielt für industrielle Prozesswärme einsetzt. Zwei unterschiedliche Reaktortypen arbeiten zusammen und versorgen die petrochemische Industrie mit Dampf und Strom.
Warum China Atomenergie nutzt, um Kohle in Fabriken zu ersetzen
Der Reaktorpark entsteht im Industriegebiet Xuwei. Dort konzentriert sich ein großer Teil der petrochemischen Produktion. Der Energiebedarf dieser Anlagen bleibt über das Jahr hinweg nahezu konstant. Dampf fällt dabei als zentrale Ressource an. Bislang stammt er fast vollständig aus kohlebefeuerten Kesseln. Künftig übernimmt diese Aufgabe ein Kernkraftwerk.
Ein Druckwasserreaktor liefert Strom und Grundwärme. Ein Hochtemperatur-Gasreaktor erhöht das Temperaturniveau. Am Ende entsteht gesättigter Dampf, der direkt in die Produktionsprozesse eingespeist wird. Für die Betriebe zählt Verlässlichkeit. Stromschwankungen spielen kaum eine Rolle. Wind- und Solaranlagen können diese Anforderungen nicht erfüllen. Kernenergie kann es.
Zwei Reaktortypen arbeiten technisch zusammen
In der ersten Ausbaustufe entstehen drei Reaktoren. Zwei davon gehören zur Hualong-One-Baureihe, einem chinesischen Druckwasserreaktor der dritten Generation. Ergänzt werden sie durch einen Hochtemperatur-Gasreaktor der vierten Generation. Beide Systeme unterscheiden sich deutlich in Aufbau und Funktionsweise. Dennoch sind sie auf einen gemeinsamen Betrieb ausgelegt.
Der erzeugte Strom fließt ins öffentliche Netz. Der größere Teil der Energie verlässt die Anlage jedoch als Dampf. Er geht direkt an industrielle Abnehmer. Der Zweck des Kraftwerks verschiebt sich damit: Die Stromproduktion rückt in den Hintergrund und die Wärmeversorgung gewinnt an Gewicht.
Digitale Planung steuert den Anlagenbetrieb
Die Kopplung zweier Reaktortypen erfordert präzise Steuerung. Temperaturen, Regelkreise und Lastprofile müssen aufeinander abgestimmt bleiben. Projektverantwortliche arbeiten dafür mit digitalen Simulationen. Sie bilden Betriebszustände und Übergänge ab, noch bevor die Anlage ans Netz geht.
Auch beim Bau kommen neue Verfahren zum Einsatz. Automatisierte Schweißtechnik mit Lasersystemen beschleunigt die Arbeiten und erhöht die Genauigkeit. Das Baukonzept ist auf Wiederholung ausgelegt. Weitere Standorte sind von Beginn an mitgedacht.
Zahlen verdeutlichen die Dimension des Vorhabens
Die geplanten Leistungsdaten machen den industriellen Maßstab deutlich:
- 32,5 Millionen Tonnen industrieller Dampf pro Jahr für Chemie- und Raffineriebetriebe
- mehr als 11,5 Milliarden Kilowattstunden Strom bei Volllast
- Einsparung von rund 7,26 Millionen Tonnen Kohle jährlich
- Reduktion von etwa 19,6 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr
Die Berechnungen basieren auf Projektunterlagen und offiziellen energiepolitischen Analysen. Sie betreffen einen Sektor, der weltweit zu den größten Emittenten zählt und dessen Umstellung als technisch anspruchsvoll gilt.
Studie ordnet das Projekt in Chinas Energiepolitik ein
Flankiert wird das Projekt von einer staatlichen Analyse zur chinesischen Energie- und Klimastrategie. In dem Weißbuch zur CO₂-Neutralität beschreibt die Regierung Kernenergie als saubere Energiequelle für Strom, Wärme und industrielle Anwendungen. Der Ausbau gilt als Bestandteil einer langfristigen Versorgungspolitik.
Die Analyse markiert eine klare Verschiebung. Kernkraft soll stärker für Fernwärme, industrielle Dampferzeugung, Meerwasserentsalzung und Wasserstoff eingesetzt werden. Die Anlage in Lianyungang dient als erstes großtechnisches Beispiel dieses Kurses.
Kurz zusammengefasst:
- China nutzt Atomenergie erstmals gezielt für industrielle Prozesswärme: In Lianyungang liefert ein Kernkraftwerk Dampf für Chemie- und Raffineriebetriebe und verdrängt Kohle in einem besonders emissionsintensiven Sektor.
- Technisch arbeitet das Projekt mit zwei Reaktortypen: Druckwasser- und Hochtemperatur-Gasreaktor erzeugen gemeinsam Strom und vor allem verlässliche Hitze, die Wind- und Solaranlagen nicht liefern können.
- Die Klimawirkung ist konkret beziffert: Geplant sind jährlich 32,5 Millionen Tonnen Industriedampf, mehr als 11,5 Milliarden Kilowattstunden Strom sowie Einsparungen von rund 7,26 Millionen Tonnen Kohle und 19,6 Millionen Tonnen CO₂.
Übrigens: Während China Kohle in der Industrie durch Atomenergie ersetzt, arbeiten Forscher im Land zugleich an Verfahren, die die Kohleverarbeitung selbst nahezu CO₂-frei machen. Wie ein chemischer Zusatz den Ausstoß drastisch senkt und die Ausbeute erhöht, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © WPTO via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
