Tattoos können Entzündungen auslösen – und sogar Impfschutz beeinflussen
Tattoo-Farben gelangen ins Lymphsystem, lösen Entzündungen aus und können laut Schweizer Studie die Reaktion auf Impfstoffe verändern.
Tattoo-Farben wandern tief ins Immunsystem: In den Lymphknoten lösen sie Entzündungen aus – und können beeinflussen, wie gut Impfstoffe wirken. © Pexels
Wer sich tätowieren lässt, verändert nicht nur seine Haut – sondern auch sein Immunsystem. Eine neue Studie zeigt, dass Farbpigmente aus Tattoo-Tinte in die Lymphknoten gelangen, dort Entzündungen auslösen und die Reaktion auf Impfstoffe beeinflussen können.
In Deutschland hat inzwischen etwa jeder Fünfte ein Tattoo. Doch die Farben, die unter die Haut gehen, bleiben nicht dort. Die Studie stammt vom Institut für Biomedizinische Forschung (IRB) der Università della Svizzera italiana (USI) in Bellinzona und wurde im Fachjournal PNAS veröffentlicht. Das Team um Prof. Santiago González wollte herausfinden, was nach dem Tätowieren im Körper geschieht – und welche Auswirkungen die Farbpartikel auf das Immunsystem haben.
Tattoo-Farben wandern durch den Körper
Die winzigen Pigmentpartikel aus der Tinte bleiben nicht in der Haut. In Tierversuchen mit Mäusen zeigte sich, dass sie schon kurz nach dem Stechen über das Lymphsystem in die nächstgelegenen Lymphknoten gelangen – die Filterstationen des Immunsystems. Dort nehmen sogenannte Makrophagen, also Fresszellen, die Pigmente auf.
Das Problem: Die Zellen können die Farbe nicht abbauen. „Wir konnten zeigen, dass Tattoo-Tinte das Immunsystem dauerhaft beeinflusst“, sagt González. Wenn die Makrophagen absterben, übernehmen neue Zellen ihre Rolle und nehmen erneut Pigmente auf. Es entsteht ein Kreislauf aus Zellsterben, Entzündung und weiterer Farbaufnahme.
Besonders rote und schwarze Tinten führten laut Studie zu den stärksten Reaktionen. In Tierversuchen hielten die Entzündungszeichen über zwei Monate an. Im Blut fanden die Forscher zudem erhöhte Mengen an Entzündungsstoffen wie Interleukin-6, IL-1β und TNF-α – Botenstoffe, die das Immunsystem in Dauerbereitschaft versetzen.
Tattoo-Farben bringen das Abwehrsystem aus dem Gleichgewicht
In den Lymphknoten entdeckten die Wissenschaftler eine auffällige Zunahme bestimmter Immunzellen. Das deutet darauf hin, dass das Abwehrsystem dauerhaft in Alarmbereitschaft bleibt. Solche chronischen Entzündungen können den Körper auf Dauer belasten. „Die Pigmente verbleiben im Körper lebenslang und können die Immunantwort verändern“, erklärt González.
Auch Versuche mit menschlichen Zellkulturen bestätigten diesen Befund. Rote und schwarze Pigmente führten schon nach kurzer Zeit zu sichtbaren Schäden. Die Zellmembranen brachen auf, viele Zellen überlebten nicht. Besonders die rote Tinte fiel negativ auf, da sie häufig organische Farbstoffe enthält, die ursprünglich für Lacke oder Kunststoffe entwickelt wurden. Zwar begrenzt die REACH-Verordnung der EU seit 2022 gefährliche Bestandteile, doch viele chemische Mischungen sind weiterhin kaum erforscht.
Tattoos beeinflussen Impfstoffe unterschiedlich
Erstmals prüften die Forscher auch, ob Tattoos die Wirkung von Impfstoffen verändern können. Sie testeten zwei Impfungen – eine mRNA-Impfung gegen Covid-19 und eine herkömmliche Grippeimpfung.
Die Ergebnisse fielen unterschiedlich aus:
- Nach der Corona-Impfung bildeten tätowierte Tiere deutlich weniger Antikörper.
- Besonders rote und grüne Pigmente schwächten die Reaktion.
- Makrophagen produzierten weniger Spike-Protein – entscheidend für den Aufbau von Immunität.
Bei der Grippeimpfung war der Effekt umgekehrt: Hier reagierte das Immunsystem stärker. Das liegt laut González daran, dass klassische Impfstoffe von lokaler Entzündung profitieren, während mRNA-Impfstoffe auf intakte, funktionierende Zellen angewiesen sind.
„Tattoos können die Immunantwort auf Impfstoffe je nach Art des Vakzins verändern“, so González. Erste Tests mit menschlichen Immunzellen im Labor ergaben ähnliche Tendenzen.
Dauerentzündung im Körper möglich
Auch Wochen nach dem Tätowieren blieb das Immunsystem messbar aktiviert. In den Lymphknoten zeigten sich noch vergrößerte Strukturen, und im Blut war der Entzündungsmarker IL-1α weiterhin erhöht – ein Signalstoff, der auch bei Autoimmunerkrankungen und Krebs eine Rolle spielt.
Je größer die tätowierte Fläche, desto mehr Pigment gelangt laut Studie in den Körper: Im Schnitt rund 2,5 Milligramm Tinte pro Quadratzentimeter Haut. Bei großflächigen Tattoos kann die Menge schnell auf mehrere Gramm ansteigen.
Kurz zusammengefasst:
- Tattoo-Farben gelangen über das Lymphsystem in die Lymphknoten, wo sie Entzündungen auslösen und Immunzellen dauerhaft aktivieren können.
- Besonders rote und schwarze Pigmente schädigen Zellen und halten das Abwehrsystem über Wochen in Alarmbereitschaft.
- Laut Schweizer Studie kann dies sogar Impfreaktionen verändern: mRNA-Impfstoffe wirken schwächer, klassische Grippeimpfstoffe dagegen stärker.
Übrigens: Eine mRNA-Impfung kann mehr als nur vor Corona schützen. Laut einer US-Studie überleben Krebspatienten deutlich länger, wenn sie rund um ihre Immuntherapie eine mRNA-Impfung erhalten – mehr dazu in unserem Artikel.
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