Stadtgrün als Pollenfalle: Warum neue Parks Allergien verschärfen können
Mehr Stadtgrün kühlt die Städte – doch eine Studie aus Augsburg zeigt: Mehr Parks können für Allergiker problematisch werden.
Die Gemeine Hasel zählt zu den wichtigsten Frühblühern unter den Allergiepflanzen und wächst häufig in innerstädtischen Parks und Gärten – wie hier im Augsburger Reese-Park. © Universität Augsburg
Städte pflanzen mehr Bäume, bauen Parks aus und schaffen neue Grünflächen. Das soll Hitze mindern, die Luft verbessern und das Leben angenehmer machen. Gleichzeitig leiden immer mehr Menschen unter Heuschnupfen. Mehr Grün bedeutet deshalb nicht automatisch eine höhere Lebensqualität.
Eine Untersuchung aus Augsburg zeigt, wie stark sich die Pollenbelastung selbst innerhalb eines einzelnen Parks unterscheiden kann. Entscheidend ist nicht nur die Baumart, sondern auch die Größe der Bäume und ihr Abstand zueinander. An der Studie war der Lehrstuhl für Umweltmedizin der Universität Augsburg beteiligt.
Belastung schwankt stark – selbst auf wenigen Metern
Untersucht wurde der 19 Hektar große Westfriedhof in Augsburg. Dort stehen 1.427 Bäume aus 67 Arten – rund jeder dritte gilt als allergen.
Für den gesamten Park errechneten die Forscher einen Belastungswert von 0,36. Ab 0,3 gilt ein Standort bereits als stark belastet. Der Park liegt also insgesamt im oberen Bereich. Doch dieser Durchschnitt trügt.
Um genauer hinzusehen, berechneten die Forscher die Belastung für 25 mal 25 Meter große Abschnitte einzeln. Dabei zeigte sich ein klares Gefälle: In manchen Bereichen liegt der Wert fast bei null. Nur wenige Schritte weiter steigt er auf 0,7 bis 1,0 – also mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt.
Für Allergiker kann das den Unterschied zwischen „noch erträglich“ und deutlichen Beschwerden bedeuten.
Baumgröße wichtiger als Baumart
Birken gelten als klassische Auslöser von Heuschnupfen. Die Analyse zeigt jedoch, dass sie nicht allein entscheidend sind. Wichtig ist vor allem die Größe der Baumkrone. Große, ausladende Bäume erhöhen die Belastung deutlich stärker als kleinere. Rund 70 Prozent der Unterschiede im Risiko ließen sich in der Studie durch die Kronengröße erklären. Die eigentliche Allergenstärke einer Art spielte zwar ebenfalls eine Rolle, war aber deutlich weniger ausschlaggebend.
Das heißt: Ein großer Baum mit mittlerer Allergenwirkung kann mehr Pollenbelastung verursachen als ein kleiner, stark allergener Baum.
Bestimmte Arten fielen dennoch besonders auf. Dazu gehören Birke, Hasel und Hainbuche. Vor allem Hainbuchen trugen in manchen Bereichen stärker zur Belastung bei als erwartet – weil sie häufig große Kronen bilden und dicht nebeneinander stehen.
Frühling bringt extreme Spitzen
Die höchsten Werte traten im Frühjahr auf. Hasel beginnt oft schon im Februar zu blühen, Birken folgen im April. In dieser Zeit schießen die Werte nach oben.
Über das Jahr hinweg schwankt die Belastung stark. Im Winter liegt sie fast bei null. In Spitzenzeiten steigt der Wert auf 0,447 – deutlich höher als der Jahresdurchschnitt von 0,36. Das zeigt: Die Belastung ist kein konstanter Zustand. Sie verändert sich mit den Blühphasen.
Arten mit kurzer, intensiver Blüte sorgen für starke Ausschläge. Arten mit längerer Blühdauer halten die Belastung über Wochen auf einem mittleren Niveau.
Warmes Wetter verschärft die Lage
Neben der Baumverteilung spielt das Wetter eine klare Rolle. Warme, trockene Tage treiben die Werte nach oben. Regen senkt sie, weil er Pollen aus der Luft wäscht. Im Jahr 2023 lag die Durchschnittstemperatur während der Pollensaison bei rund 19,5 Grad Celsius. An etwa jedem dritten Tag fiel Regen.
In besonders warmen und trockenen Phasen stieg die Belastung um bis zu 24 Prozent über den üblichen Wert. Hitze verstärkt also das Problem. Der Einfluss von CO₂ war im Untersuchungszeitraum gering. Langfristig kann ein steigender CO₂-Gehalt die Pollenproduktion jedoch zusätzlich erhöhen.
Warum ein Durchschnittswert nicht reicht
Lange wurde die Belastung von Parks mit einem einzigen Jahreswert beschrieben. Die Untersuchung zeigt, wie wenig das über die tatsächliche Situation aussagt. Die Werte ändern sich täglich. Sie hängen von Blühphase, Baumgröße, Wetter und Standort ab. Wer nur den Durchschnitt kennt, übersieht die Zeiten mit besonders hoher Belastung – diese sind für Allergiker jedoch entscheidend.
Auch ein weiteres Detail ist wichtig: Selbst Bereiche mit vielen Birken können vergleichsweise niedrige Werte haben, wenn die Bäume kleiner oder locker verteilt sind. Umgekehrt können andere Arten bei dichter Pflanzung unerwartet hohe Spitzen verursachen.
Der untersuchte Park ähnelt in seiner Baumverteilung stark der gesamten Stadt Augsburg. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht nur auf einen einzelnen Park beschränken. Für die Planung heißt das: Nicht nur die Art zählt, sondern auch Größe, Abstand und Mischung der Bäume. Eine vielfältige Pflanzung mit unterschiedlichen Arten kann helfen, extreme Belastungsschwerpunkte zu vermeiden.
App hilft im Alltag
Aus der Forschung entstand die App „PollDi“. Sie kombiniert Pollenprognosen, Luftqualitätsdaten und ein digitales Symptomtagebuch. Nutzer können eintragen, wann Beschwerden auftreten, und diese mit Umweltwerten vergleichen.
„Unsere Arbeit zeigt wie Umweltmedizin, Stadtforschung und digitale Gesundheitsanwendungen auf jeder Ebene zusammenwirken können, von internationalen Leitlinien über lokale Risikoanalysen bis hin zur individuellen Unterstützung per App“, sagt Professorin Dr. Claudia Traidl-Hoffmann von der Universität Augsburg. „Der Schlüssel ist die Vorhersage: PollDi macht Umweltfaktoren und Symptome früh sichtbar und unterstützt Allergiepatientinnen und -patienten im Alltag“, so die Umweltmedizinerin weiter. Die Anwendung wurde in Augsburg getestet und steht inzwischen frei zur Verfügung.
Kurz zusammengefasst:
- Stadtgrün schützt vor Hitze, kann aber Allergien verstärken, weil bestimmte Baumarten und große Kronen lokal sehr hohe Pollenbelastungen erzeugen.
- Die Belastung ist innerhalb eines Parks ungleich verteilt – schon wenige hundert Meter können über geringe oder starke Beschwerden entscheiden, besonders im Frühjahr bei Birke und Hasel.
- Gute Stadtplanung braucht Artenvielfalt und Gesundheitswissen, damit neue Parks das Klima verbessern, ohne für Allergiker zu Pollen-Hotspots zu werden.
Übrigens: Während Städte noch darum ringen, wie stark unser Immunsystem auf Pollen reagiert, nutzen Forscher genau diese Überreaktion nun als Waffe gegen Krebs – sie programmieren Heuschnupfen-Zellen so um, dass sie Tumore gezielt angreifen. Wie Mastzellen zu biologischen Transportern für Krebsmedikamente werden und warum das neue Hoffnung weckt, lesen Sie in unserem Artikel.
Bild: © Universität Augsburg
