Nach Jahren endlich wieder Lebensqualität – Ärzte stoppen Autoimmunerkrankung mit Therapie aus Krebsmedizin
Eine Zelltherapie, die ursprünglich aus der Krebsmedizin stammt, hat nun den Krankheitsverlauf eines Patienten mit einer seltenen Autoimmunerkrankung gebremst.
Die seltene Autoimmunstörung sorgt dafür, dass das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift: Entzündungen, Schmerzen und Organschäden sind die Folgen. (Symbolbild) © Vecteezy
Nach 10 Jahren mit Bauchschmerzen, Entzündungen und stetigen Einschränkungen kehrt für einen Patienten erstmals wieder Lebensqualität zurück. Eine neuartige Zelltherapie brachte eine seltene Autoimmunerkrankung zum Stillstand, gegen die gängige Behandlungen zuletzt kaum noch Wirkung zeigten.
Die Behandlung erfolgte am Universitätsklinikum Magdeburg. Dort entschied sich ein interdisziplinäres Team für einen ungewöhnlichen Schritt. Statt die bestehende Therapie weiter auszudehnen, wählten die Ärzte einen Ansatz, der bislang vor allem aus der Krebsmedizin bekannt ist.
Wenn bewährte Therapien an ihre Grenzen stoßen
Der Patient litt an einer IgG4-assoziierten Erkrankung. Diese seltene Autoimmunstörung kann mehrere Organe gleichzeitig betreffen. Das Immunsystem greift dabei körpereigenes Gewebe an. Entzündungen entstehen, Gewebe verhärtet sich, Narben bilden sich. Die Funktion betroffener Organe lässt mit der Zeit nach. In diesem Fall waren unter anderem Gallengänge, Lunge, Bauchspeicheldrüse und große Gefäße im Bauchraum betroffen.
Über viele Jahre versuchten Ärzte, den Krankheitsverlauf mit etablierten Therapien zu bremsen. Die Entzündungen ließen sich zeitweise eindämmen, verschwanden aber nicht vollständig. Die Erkrankung schritt weiter voran. Für den Patienten bedeutete das einen Alltag mit Schmerzen, eingeschränkter Belastbarkeit und wachsender Abhängigkeit von medizinischer Betreuung.
Warum eine Zelltherapie bei Autoimmunerkrankungen anders ansetzt
Als klar wurde, dass die bisherigen Behandlungen keinen dauerhaften Stillstand mehr erreichen, suchte das Team nach Alternativen. Gemeinsam mit dem Patienten fiel die Entscheidung für eine CAR-T-Zelltherapie. Dieses Verfahren kommt bislang vor allem bei bestimmten Krebserkrankungen zum Einsatz. Bei Autoimmunerkrankungen gilt es noch als experimentell.
Für die Therapie entnehmen Ärzte dem Patienten eigene Abwehrzellen. Diese Zellen werden im Labor gezielt verändert. Danach können sie krankheitsverursachende Immunzellen erkennen und ausschalten. Anschließend gelangen sie zurück in den Körper. Fachleute sprechen von einem „lebendigen Medikament“, weil die Therapie im Körper aktiv arbeitet und nicht wie ein klassisches Arzneimittel verabreicht wird.
Messbarer Erfolg statt subjektiver Eindrücke
Ein Jahr nach der Behandlung zeigt sich ein stabiles Ergebnis. Es finden sich keine aktiven Entzündungszeichen mehr. Eine dauerhafte Unterdrückung des Immunsystems ist nicht nötig. Die Belastbarkeit des Patienten hat deutlich zugenommen. Längere Reisen, die lange unmöglich waren, gehören wieder zum Alltag.
Der Therapieerfolg ließ sich auch objektiv belegen. Moderne bildgebende Verfahren machten den Rückgang der Entzündungsaktivität sichtbar. „Der Therapieerfolg ließ sich nicht nur klinisch sondern auch bildgebend eindeutig nachvollziehen“, sagt Prof. Dr. Michael C. Kreißl.
Warum der Fall international Aufmerksamkeit erhält
„Ein solcher Verlauf ist in dieser schwer behandelbaren Situation außergewöhnlich“, sagt die behandelnde Ärztin Prof. Verena Keitel-Anselmino. Mit konventionellen Therapien hätte sich diese Stabilität nach ihrer Einschätzung nicht erreichen lassen.
International existieren bislang nur sehr wenige vergleichbare Berichte. Neben dem Fall aus Magdeburg gibt es lediglich einen weiteren dokumentierten Einsatz dieser Therapieform bei einer IgG4-assoziierten Erkrankung aus China. Größere klinische Studien fehlen bislang.
Was noch offen bleibt
Unklar ist derzeit, ob, wie und bei welchen Patienten diese Therapie künftig sinnvoll eingesetzt werden kann. Auch mögliche Risiken, Langzeitfolgen und die Dauer der Wirkung müssen weiter untersucht werden. Der veröffentlichte Fall liefert wichtige Hinweise, ersetzt aber keine systematische Prüfung in Studien.
Hinzu kommt der organisatorische Aufwand. CAR-T-Zelltherapien sind technisch anspruchsvoll und kostenintensiv. Sie erfordern spezialisierte Zentren und erfahrene Teams. Bisher kommen sie vor allem bei bestimmten Krebserkrankungen zum Einsatz. Ob sie sich im Alltag der Autoimmunmedizin etablieren, bleibt offen.
Zusammenarbeit als entscheidender Faktor
Für Prof. Dimitrios Mougiakakos, der ebenfalls mitwirkte, steht ein Punkt im Vordergrund. „Dieser Fall zeigt, was möglich ist, wenn verschiedene Fachrichtungen eng zusammenarbeiten“, sagt er. In Magdeburg bündelten Experten aus Hämatologie, Gastroenterologie, Nuklearmedizin, Radiologie, Pathologie und Pneumologie ihre Erfahrung.
Der Patient profitiert heute von diesem Ansatz. Für andere Betroffene liefert der Fall wertvolle Anhaltspunkte – und eine realistische Einordnung dessen, was moderne Medizin leisten kann und wo sie noch Antworten finden muss.
Kurz zusammengefasst:
- Ein Patient mit einer seltenen IgG4-assoziierten Autoimmunerkrankung wurde nach mehr als zehn Jahren Leiden durch eine ursprünglich für Krebs entwickelte Zelltherapie erstmals dauerhaft beschwerdefrei, nachdem herkömmliche Behandlungen versagt hatten.
- Die Behandlung am Uniklinikum Magdeburg nutzte gezielt veränderte körpereigene Immunzellen, deren Erfolg nicht nur spürbar, sondern auch durch moderne Bildgebung objektiv nachweisbar war.
- Der Fall zeigt großes medizinisches Potenzial, macht aber zugleich deutlich, dass noch unklar ist, ob, wie und bei welchen Patienten diese Therapie künftig eingesetzt werden kann, da belastbare Studien und Langzeitdaten fehlen.
Übrigens: So wie bei der neuen Zelltherapie gegen Autoimmunerkrankungen greift die Forschung auch beim Krebs immer öfter auf fehlgeleitete Immunreaktionen zurück – diesmal ausgerechnet auf Zellen, die sonst Heuschnupfen auslösen. Wie Mastzellen zu gezielten Krebsjägern umprogrammiert werden und warum das große Hoffnung weckt, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Vecteezy
