68.000 Partikel pro Tag – Mikroplastik gelangt mit jedem Atemzug in den Körper
Erwachsene atmen täglich rund 68.000 Mikroplastikpartikel ein – vor allem in Autos und Wohnungen ist die Belastung besonders hoch.

In Innenräumen von Autos wurden weitaus mehr Mikroplastikpartikel gemessen als in Wohnungen. © Pexels
Im Auto zur Arbeit, abends auf dem Sofa, nachts im Schlafzimmer – die meiste Zeit des Tages verbringen wir in geschlossenen Räumen. Dabei umgibt uns mehr als nur Raumluft: Zwischen Sauerstoff und CO2 mischt sich ein Stoff, den wir im Alltag kaum bemerken – aber täglich in großen Mengen aufnehmen. Eine aktuelle Studie der Forschungseinrichtung Géosciences Environnement Toulouse macht deutlich, wie stark unsere Atemluft mit Mikroplastik belastet ist. Die Zahlen überraschen selbst Fachleute.
Messwerte alarmieren: Zehntausende Partikel täglich
Die Forscher haben mit hochauflösender Raman-Spektroskopie die Belastung durch sogenannte PM10-Partikel gemessen – also Kunststofffragmente mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometern. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist etwa 50 Mikrometer dick.
Ihr Ergebnis: Erwachsene nehmen über die Raumluft im Schnitt 68.000 Mikroplastikpartikel pro Tag auf. Bei Kindern liegt der Wert bei rund 47.000. Frühere Studien hatten lediglich einige Hundert Partikel täglich geschätzt – weil sie kleinere Teilchen nicht erfassen konnten.
Autos als Mikroplastik-Hotspot
Besonders hoch war die Belastung in Autoinnenräumen. Dort maßen die Forscher 2.238 Partikel pro Kubikmeter Luft. In Wohnungen lag der Median bei 528 Partikeln, mit einzelnen Ausreißern von über 34.000 Partikeln pro Kubikmeter.
Der Grund: In Fahrzeugen befinden sich viele Kunststoffflächen – Sitze, Armaturen, Teppiche. Die kompakte Bauweise begünstigt zudem eine schnelle Anreicherung von Partikeln, vor allem bei schlechter Belüftung.
So reagiert der Körper auf eingeatmetes Mikroplastik
Die winzigen Teilchen gelangen beim Einatmen tief in die Lunge. Dort können sie Zellen reizen, Entzündungen hervorrufen oder in die Blutbahn übergehen. Das Risiko: Sie verteilen sich im Organismus und könnten langfristig auch innere Organe belasten.
Größere Partikel gelangen meist nicht so tief, werden aber durch Schleimtröpfchen in den Rachen transportiert – und geschluckt. So landet Mikroplastik aus der Luft zusätzlich im Magen-Darm-Trakt. Die Aufnahme über die Atemluft übersteigt damit die Belastung durch Lebensmittel.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick:
- 68.000 Partikel pro Tag bei Erwachsenen (1–10 Mikrometer)
- 3.200 zusätzliche Partikel aus größeren Teilchen (10–300 Mikrometer)
- 94 Prozent der gefundenen Partikel waren kleiner als 10 Mikrometer
- 97 Prozent waren Bruchstücke, nur ein kleiner Anteil Fasern
- Häufigste Kunststoffe: Polyethylen (PE) in Wohnungen, Polyamid (PA) in Autos
Plastikpartikel transportieren Schadstoffe
Die Partikel selbst sind nicht das einzige Problem: Viele Kunststoffe enthalten Weichmacher, Flammschutzmittel oder industrielle Rückstände, die sich beim Einatmen lösen und in den Körper gelangen können. Einige wirken hormonell, andere gelten als entzündungsfördernd oder stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Die Forscher warnen:
Die Kombination aus physikalischer und chemischer Belastung macht Mikroplastik besonders bedenklich für die öffentliche Gesundheit.
Mikroplastik in der Atemluft reduzieren – mit einfachen Maßnahmen
Die Kunststoffpartikel lassen sich nicht komplett vermeiden. Doch es gibt Möglichkeiten, die Belastung zu senken:
- Regelmäßig lüften – besonders bei neuen Möbeln oder Teppichen
- Auf Naturmaterialien setzen, z. B. Baumwolle oder Holz
- Wäschetrockner nur nutzen, wenn sie nach draußen entlüften
- Schneidebretter, Küchenhelfer oder Möbel möglichst aus Glas, Metall oder Holz verwenden
Die Forscher fordern, Mikroplastik künftig stärker in epidemiologischen und arbeitsmedizinischen Studien zu berücksichtigen. Besonders bei Lungen- und Darmerkrankungen oder Störungen des Immunsystems könnte dieser bislang kaum beachtete Faktor eine Rolle spielen.
Kurz zusammengefasst:
- Erwachsene atmen täglich rund 68.000 Mikroplastik-Partikel über die Atemluft ein – besonders Wohnungen und Autos enthalten hohe Konzentrationen winziger Kunststofffragmente.
- Die meisten Partikel sind kleiner als 10 Mikrometer und können dadurch tief in die Lunge eindringen, sich im Körper verteilen oder über den Rachen in den Magen-Darm-Trakt gelangen.
- Viele dieser Partikel tragen Schadstoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel in sich, die im Körper hormonell wirken oder Entzündungen fördern können – eine doppelte Belastung für die Gesundheit.
Übrigens: Einwegmasken setzen unter Sonnenlicht Mikroplastik frei – dabei entstehen Reaktionen, die selbst Trinkwasser messbar verändern. Mehr dazu in unserem Artikel.
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