Brasilien testet neue Therapie: Kann Regeneration nach Rückenmarksverletzung erstmals gelingen?

In Brasilien startet eine erste Studie, die prüft, ob ein körpereigenes Protein frisch verletztes Rückenmark wieder für Nervenwachstum öffnet.

Eine Ärztin begutachtet Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule

Zum ersten Mal wird untersucht, ob ein Protein frühe Rückenmarksschäden so verändert, dass der Körper wieder auf Heilung reagieren kann. © Pexels

Eine Rückenmarksverletzung gehört zu den schwersten Diagnosen der modernen Medizin. Oft bleiben Lähmungen dauerhaft, Bewegungen kehren nicht zurück, selbst Jahre intensiver Therapie ändern daran wenig. Der Grund liegt im Nervensystem selbst: Das menschliche Rückenmark gilt seit Jahrzehnten als kaum reparierbar. Einmal zerstörte Verbindungen zwischen Nervenzellen wachsen in der Regel nicht nach. An diesem medizinischen Grundverständnis könnte sich nun etwas ändern.

In Brasilien beginnt erstmals eine kontrollierte klinische Studie, die einen neuen Ansatz testet. Dabei geht es um eine gezielt hergestellte Form eines körpereigenen Proteins, das direkt in frisch verletztes Rückenmark eingebracht wird. Ziel ist es, das Gewebe so zu verändern, dass Nervenfasern wieder wachsen können. Erste Beobachtungen aus kleinen Voranwendungen lassen vermuten, dass selbst bei vollständigen Lähmungen Bewegungen zurückkehren können – etwas, das bislang als extrem unwahrscheinlich galt.

Wie Brasilien die Regeneration des Rückenmarks testet

Die Genehmigung für diese Studie stammt von der brasilianischen Gesundheitsbehörde Anvisa. Erlaubt wurde eine sogenannte Phase-1-Studie. Sie markiert den formalen Einstieg in die klinische Prüfung eines neuen Medikaments. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Wirksamkeit, sondern die Sicherheit.

Getestet wird die Substanz Polilaminina. Sie basiert auf einer Proteinverbindung aus menschlicher Plazenta und ist eine speziell organisierte Form des Proteins Laminin. Laminin spielt im menschlichen Körper eine zentrale Rolle, wenn Nervenzellen wachsen und sich vernetzen – vor allem während der frühen Entwicklung. Nach einer Rückenmarksverletzung fehlt dieses unterstützende Umfeld jedoch fast vollständig.

Ein Protein mit langer Forschungsgeschichte

Die Entwicklung der Polilaminina ist kein Zufallsprodukt. Sie geht auf mehr als 25 Jahre Forschung an der Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ) zurück. Dort arbeiteten Forscher daran, die natürliche Struktur von Laminin im Labor so nachzubilden, dass sie ihre biologischen Eigenschaften behält.

Entscheidend ist die räumliche Anordnung des Proteins. Im Körper bildet Laminin eine Art biologisches Gerüst, an dem sich Nervenzellen orientieren. Nach einem Trauma zerfällt diese Struktur. Polilaminina soll genau diesen Zustand wiederherstellen – zumindest lokal im verletzten Bereich.

Erste Anwendungen lieferten überraschende Beobachtungen

Schon vor der jetzigen Genehmigung kam die Substanz vereinzelt bei Menschen zum Einsatz. Nach Berichten von CNN Brasil erhielten rund zehn Patienten Polilaminina außerhalb regulärer Studien. Einige von ihnen hatten zuvor keinerlei Bewegungsfähigkeit unterhalb der Verletzung.

In mehreren Fällen traten danach messbare Verbesserungen auf. Diese reichten von kleinen Muskelbewegungen bis hin zu besserer Rumpfstabilität und einzelnen Schritten mit Unterstützung. Die Fallzahl blieb jedoch klein, systematische Vergleiche fehlten. Deshalb ließen sich daraus keine verlässlichen Schlüsse ziehen.

Was in der ersten Studie konkret geprüft wird

Die jetzt gestartete Phase-1-Studie umfasst fünf freiwillige Patienten im Alter zwischen 18 und 72 Jahren. Voraussetzung ist eine vollständige Rückenmarksverletzung im Brustwirbelbereich. Entscheidend ist zudem der Zeitpunkt: Die Verletzung darf höchstens 72 Stunden zurückliegen.

Die Substanz wird direkt in die verletzte Region der Wirbelsäule eingebracht. Laut den Angaben dient diese erste Phase ausschließlich der Sicherheitsprüfung. Ziel ist es, mögliche Nebenwirkungen, Entzündungen oder andere Risiken zu erfassen. Aussagen zur Wirksamkeit sind ausdrücklich nicht vorgesehen.

Konkret prüft die Studie:

  • ob die Substanz gut vertragen wird
  • ob es zu lokalen oder systemischen Nebenwirkungen kommt
  • ob der Eingriff zusätzliche Risiken birgt

Warum dieser Schritt dennoch Hoffnung weckt

Auch wenn Phase-1-Studien keine Therapie versprechen, gilt ihre Genehmigung als entscheidende Hürde. Erst wenn ein Wirkstoff als sicher gilt, dürfen größere Studien folgen. In Phase 2 und 3 würde dann untersucht, ob sich Beweglichkeit, Sensibilität oder Alltagstauglichkeit tatsächlich verbessern.

Viele Fachleute sehen in dem Studienstart einen wichtigen Fortschritt für die Forschung zu Querschnittlähmung. Sollte sich der Ansatz bewähren, könnte er künftig mit weiteren Therapien kombiniert werden, etwa mit chirurgischen Verfahren oder Rehabilitationsprogrammen, heißt es im CNN-Bericht.

Der lange Weg bis zur möglichen Zulassung

Bis zu einer breiten Anwendung ist es noch ein weiter Weg. Erst nach erfolgreichen Phase-2- und Phase-3-Studien könnte ein Antrag auf Zulassung gestellt werden. Darüber entscheidet erneut Anvisa. Jahre der Prüfung sind realistisch.

Dennoch markiert die Studie einen Wendepunkt. Zum ersten Mal wird unter kontrollierten Bedingungen getestet, ob sich das Umfeld einer frischen Rückenmarksverletzung so verändern lässt, dass Regeneration möglich wird. Für viele Betroffene weltweit steht damit mehr als nur Stabilisierung im Raum – nämlich die Aussicht auf begrenzte Rückkehr verlorener Funktionen.

Was eine Rückenmarksverletzung für Alltag und Pflege bedeutet

Eine Rückenmarksverletzung verändert das Leben sofort und für lange Zeit. Weltweit trifft eine Querschnittlähmung jedes Jahr Hunderttausende Menschen – und sie bringt oft einen hohen Bedarf an Pflege, Therapien und Unterstützung mit sich. Familien geraten an organisatorische und finanziellen Grenzen, während Gesundheitssysteme hohe Folgekosten tragen.

Schon ein kleiner Funktionsgewinn kann für Betroffene viel bedeuten: ein stabilerer Rumpf, ein wenig mehr Beweglichkeit in Armen oder Beinen, mehr Selbstständigkeit im Alltag. Genau deshalb richtet sich so viel Aufmerksamkeit auf Verfahren, die das verletzte Gewebe möglichst früh stabilisieren und verlorene Funktionen zumindest teilweise zurückholen könnten.

Ob sich dieser Ansatz bewährt, bleibt offen. Doch erstmals prüft eine Gesundheitsbehörde in einer kontrollierten Studie, ob Regeneration nach einer Rückenmarksverletzung mehr sein kann als ein theoretischer Gedanke.

Kurz zusammengefasst:

  • In Brasilien läuft erstmals eine genehmigte Phase-1-Studie, die prüft, ob ein speziell hergestelltes, körpereigenes Protein frische Rückenmarksverletzungen so verändert, dass Nervenfasern wieder wachsen können.
  • Im Mittelpunkt steht die Sicherheit, nicht die Wirksamkeit: Fünf Patienten mit sehr frischer Querschnittlähmung erhalten die Substanz direkt in die verletzte Region, um Risiken und Nebenwirkungen zu erfassen.
  • Frühere Einzelfälle machten Hoffnung, doch erst diese Studie klärt, ob der Ansatz tragfähig ist und den Weg für größere Prüfungen ebnet, die Regeneration nach Rückenmarksverletzungen realistisch werden lassen könnten.

Übrigens: Während neue Studien Hoffnung für die Regeneration nach einer Rückenmarksverletzung wecken, entwickelt ein Team in Hannover ein Faservlies, das gelähmte Muskeln schon früh wieder in Bewegung bringen soll. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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