„Heute hat doch jeder ADHS“ – Studie widerspricht Überdiagnose-Behauptung
Fachleute sehen keine Belege für eine flächendeckende Überdiagnose von ADHS, sondern verweisen auf lange Wartezeiten und Versorgungslücken.
Laut Experten wird ADHS nicht zu häufig diagnostiziert, sondern viele Betroffene warten viel zu lange auf eine fundierte Diagnostik, Unterstützung und Behandlung. © Pexels
Kaum ein psychisches Krankheitsbild wird derzeit so hitzig diskutiert wie ADHS – immer wieder steht der Vorwurf einer Überdiagnose im Raum. In sozialen Netzwerken entsteht schnell der Eindruck, heute bekomme „fast jeder“ diese Diagnose. Die Realität sieht hingegen ganz anders aus: Betroffene sprechen von monatelangen oder sogar jahrelangen Wartezeiten auf einen Termin. Eine aktuelle Veröffentlichung im British Journal of Psychiatry stellt diese Debatte auf eine sachliche Grundlage und kommt zu einem klaren Ergebnis.
Ein internationales Expertenteam, an dem auch Fachleute der University of Cambridge beteiligt waren, hat vorhandene Bevölkerungsdaten und britische Versorgungszahlen ausgewertet. Die zentrale Aussage lautet: Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass ADHS flächendeckend überdiagnostiziert wird. Das eigentliche Problem liegt an anderer Stelle – Diagnosen werden oft gar nicht oder erst sehr spät gestellt.
ADHS-Statistik widerlegt Vorwurf der Überdiagnose
Wird ADHS nach standardisierten Kriterien beurteilt, zeigen internationale Daten eine stabile Häufigkeit von rund 5 Prozent bei Kindern und Jugendlichen. Bei Erwachsenen gehen Fachleute von etwa 3 Prozent aus. Diese Werte ergeben sich aus strukturierten Interviews und klaren Diagnoseleitlinien.
In England erfüllten 2017 rund 3,1 Prozent der Zwei- bis 19-Jährigen die DSM-5-Kriterien. Die im Gesundheitssystem erfassten Diagnosen lagen jedoch darunter. 2018 waren 2,5 Prozent der Jungen und 0,7 Prozent der Mädchen offiziell registriert. Bei Erwachsenen betrugen die Werte 0,7 Prozent bei Männern und 0,2 Prozent bei Frauen.
Obwohl die registrierten Diagnosen seit dem Jahr 2000 deutlich gestiegen sind, bleiben sie unter den erwarteten Bevölkerungswerten. Bei Jungen haben sie sich verdoppelt, bei Mädchen vervierfacht. Bei erwachsenen Männern nahmen sie um das 20-Fache zu, bei Frauen um das 15-Fache. Trotzdem erreichen viele Betroffene das Versorgungssystem nicht.
In der Studie heißt es: „Es gibt keine veröffentlichten Belege dafür, dass ADHS im Vereinigten Königreich überdiagnostiziert wird.“ Vielmehr stellen Unterdiagnose und Unterbehandlung die größeren Herausforderungen dar.
Lange Wartezeiten verschärfen den Versorgungsengpass
Besonders deutlich wird das Problem bei den Wartezeiten. Eine Befragung mit 7.340 Teilnehmenden ergab:
- 27 Prozent der diagnostizierten Kinder warteten ein bis zwei Jahre auf einen Termin
- 14 Prozent warteten sogar zwei bis drei Jahre
Auch Erwachsene, die in ihrer Kindheit keine Diagnose erhielten, suchen heute vermehrt Hilfe. Die bestehenden Angebote geraten dadurch stark unter Druck.
„Überdiagnose ist kein Problem, aber Fehldiagnosen können auftreten, weil Menschen aufgrund langer Wartezeiten in den privaten Sektor gedrängt werden; und leider bleiben viele Diagnosen aus“, erklärt Professorin Tamsin Ford von der University of Cambridge.
Unbehandelte ADHS erhöht das Risiko deutlich
Die Frage nach einer möglichen Überdiagnose lenkt leicht vom eigentlichen Kern ab. Entscheidend ist nicht nur, wie häufig ADHS festgestellt wird, sondern was passiert, wenn eine Störung unerkannt oder unbehandelt bleibt. Hier sehen die Autoren der Studie ein ernstes Problem.
Bleibt ADHS ohne Therapie, steigen die Risiken im weiteren Lebensverlauf spürbar. Genannt werden unter anderem:
- Schulversagen
- Suizidales Verhalten
- Substanzmissbrauch
- Verkehrsunfälle
- Verletzungen
- Eine erhöhte Sterblichkeit
Diese Folgen betreffen nicht nur einzelne Lebensbereiche, sondern können Ausbildung, Beruf und soziale Beziehungen dauerhaft beeinflussen. Professor Samuele Cortese warnt: „Die Kosten unbehandelter ADHS werden oft übersehen.“ Dass wirksame Therapien nicht konsequent zur Verfügung gestellt werden, bezeichnet er als „ein erhebliches ethisches Problem“.
Dabei stehen wirksame Behandlungen längst bereit. Medikamente zeigen deutliche Effekte auf Kernsymptome wie Unaufmerksamkeit und Impulsivität und gelten in der Regel als gut verträglich. Ergänzend helfen strukturierte Elterntrainings oder verhaltenstherapeutische Programme bei begleitenden Schwierigkeiten. Dennoch erhält weltweit nur etwa jedes fünfte schulpflichtige Kind mit ADHS eine medikamentöse Therapie. Hier liegt nach Ansicht der Fachleute die eigentliche Versorgungslücke.
Fehldiagnosen sind möglich – aber keine Regel
Die Experten räumen ein, dass Fehldiagnosen vorkommen können. ADHS besitzt keine eindeutigen biologischen Marker. Eine sorgfältige Diagnostik erfordert eine ausführliche Entwicklungsanamnese, Einschätzungen durch Eltern oder Lehrkräfte und eine klare Abgrenzung zu anderen Störungen.
Gut geschulte Fachkräfte stellen jedoch sehr zuverlässige Diagnosen. In Feldstudien gehörte ADHS zu den stabilsten psychiatrischen Diagnosen. „Wenn standardisierte Kriterien angewendet werden, ist die Diagnose sehr verlässlich“, so die Autoren. Symptome verteilen sich auf einem Kontinuum, ähnlich wie Blutdruck oder Körpergewicht. Entscheidend ist, ob sie zu deutlichen Beeinträchtigungen im Alltag führen. Ein abgestuftes Versorgungsmodell, das den Schweregrad berücksichtigt, wäre den Experten zufolge sinnvoll.
Bestimmte Kinder bleiben besonders häufig unerkannt
Ein weiterer Punkt erhält in der öffentlichen Debatte wenig Aufmerksamkeit: Manche Gruppen werden besonders häufig übersehen. Kinder mit chronischen körperlichen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für ADHS. Studien zeigen etwa, dass Kinder mit Epilepsie bis zu sechsmal häufiger betroffen sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Dennoch erhalten sie oft keine angemessene Behandlung.
Das Cambridge Children’s Hospital verfolgt deshalb das Ziel, körperliche und psychische Versorgung enger zu verzahnen. Eine frühe Diagnose verbessert nachweislich Verhalten, schulische Leistungen und soziale Entwicklung.
Abschließend warnen die Autoren vor vereinfachenden Schlagworten. Die Vorstellung, ADHS werde massenhaft und leichtfertig diagnostiziert, könne die öffentliche Debatte verzerren. Sie fordern mehr Mittel für die Versorgung, bessere Schulung von Fachpersonal und eine sachliche, evidenzbasierte Diskussion.
Kurz zusammengefasst:
- Die verbreitete Sorge vor einer Überdiagnose von ADHS findet in den aktuellen Bevölkerungsdaten keinen Rückhalt; die offiziell erfassten Diagnoseraten liegen unter den erwarteten Häufigkeiten von rund 5 Prozent bei Kindern und gut 3 Prozent bei Erwachsenen.
- Das eigentliche Problem ist die Unterversorgung: Viele Betroffene warten ein bis drei Jahre auf eine Diagnostik, und weltweit erhält nur etwa jedes fünfte Kind mit ADHS eine medikamentöse Behandlung.
- Unbehandelte ADHS erhöht das Risiko für Schulabbrüche, Sucht, Unfälle und suizidales Verhalten, weshalb Fachleute eine bessere Versorgung und schnelleren Zugang zu Therapie fordern.
Übrigens: Während bei ADHS die Debatte um eine angebliche Überdiagnose läuft, zeigt eine riesige Gen-Analyse mit über sechs Millionen Datensätzen, dass viele psychische Erkrankungen biologisch eng miteinander verwoben sind. Warum Depression, Angst oder ADHS oft gemeinsam auftreten und was das für Diagnosen und Therapien bedeutet, mehr dazu in unserem Artikel.
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