Nach dem Brand in Crans-Montana: Überlebende erhalten Haut aus eigenen Zellen

Nach schweren Verbrennungen werden Überlebende des Brands von Crans-Montana mit gezüchteter Haut aus eigenen Zellen versorgt.

Aus zwei Hautschichten wird neue, lebende Haut: Durch die Kombination von Ober- und Lederhaut bleibt der gezüchtete Hautersatz elastisch und kann sich dem Körper der Patienten anpassen.

Aus zwei Hautschichten wird neue, lebende Haut: Durch die Kombination von Ober- und Lederhaut bleibt der gezüchtete Hautersatz elastisch und kann sich dem Körper der Patienten anpassen. © Wyss Zurich

Noch vor wenigen Jahrzehnten führten großflächige Verbrennungen meist zum Tod. Wäre das Unglück von Crans-Montana vor 30 Jahren passiert, hätten deutlich weniger Betroffene überlebt, sagt Thomas Kremer, Chefarzt des Schwerbrandverletzten-Zentrums in Leipzig, gegenüber dem SRF. Während in den 1950er-Jahren jeder zweite Patient starb, wenn 20 bis 30 Prozent der Haut verbrannt waren, überlebt heute statistisch jeder zweite Mensch selbst bei Schäden von bis zu 95 Prozent – vor allem dank moderner Intensivmedizin.

Doch nach dem Überleben wird eine andere Frage wichtig: Bleibt die Haut beweglich, verursachen Narben Schmerzen, und können Kinder ohne weitere Eingriffe wachsen, weil klassische Transplantate sich nicht mit dem Körper dehnen? Für einige Überlebende von Crans-Montana wird deshalb Haut verwendet, die aus körpereigenen Zellen gezüchtet wird.

Warum herkömmliche Hauttransplantationen nicht reichen

Bei dem Unglück im Walliser Skiort starben 40 Menschen, 116 wurden verletzt. Zwischen 80 und 100 erlitten schwere Verbrennungen, bei vielen war mehr als 60 Prozent der Haut betroffen. Solche Verletzungen verlangen schnelle Stabilisierung, Infektionsschutz und chirurgische Eingriffe. Doch sie stellen Ärzte auch vor ein langfristiges Problem: Es fehlt oft ausreichend gesunde Haut für Transplantationen – und die verpflanzte Haut verhält sich nicht wie echte.

Spalthauttransplantationen gelten als Standardtherapie. Dabei entnehmen Chirurgen dünne Hautschichten aus unverletzten Körperregionen und decken damit offene Wunden ab. Das rettet Leben. Doch bei großflächigen Verbrennungen stößt das Verfahren an Grenzen.

Häufig entstehen starre Narben, die sich zusammenziehen und Bewegungen einschränken. Besonders bei Kindern wächst die transplantierte Haut nicht mit. Das führt zu Schmerzen, Funktionseinbußen und weiteren Operationen. Aus dem Grund suchen Ärzte seit Jahren nach Alternativen, die Haut nicht nur ersetzen, sondern möglichst originalgetreu nachbilden.

Haut aus eigenen Zellen gezüchtet – so funktioniert das Verfahren

Der Ansatz beruht auf einer kleinen Hautbiopsie, kaum größer als eine Briefmarke. Aus ihr entstehen im Labor zwei Zellarten: Zellen der Oberhaut und Zellen der darunterliegenden Hautschicht. Erst diese Kombination sorgt für Elastizität und Stabilität.

Das Ergebnis ist lebendes Hautgewebe, das sich dehnen kann und sich an das Wachstum des Körpers anpasst. Da ausschließlich körpereigene Zellen Verwendung finden, besteht kein Abstoßungsrisiko. Entwickelt wurde dieses Verfahren über rund 25 Jahre an der Universität Zürich.

2017 entstand daraus das Spin-off Cutiss, das den Hautersatz unter dem Namen denovoSkin für die klinische Anwendung weiterentwickelte. „Wir haben ein lebendes menschliches Hautgewebe entwickelt, das im Labor aus einer kleinen Hautbiopsie des Patienten gezüchtet wird“, sagt Daniela Marino, Mitgründerin und Geschäftsführerin von Cutiss. „Der entscheidende Punkt ist, dass es sich um ein personalisiertes, zweischichtiges Transplantat handelt.“

Nicht sofort – aber gezielt später einsetzbar

Die gezüchtete Haut ist keine Soforthilfe. Nach der Entnahme der Biopsie benötigt das Labor rund vier Wochen, um transplantierbare Hautstücke herzustellen. In dieser Zeit werden Patienten weiterhin mit bewährten Verfahren versorgt – Intensivmedizin, Entfernung zerstörter Haut und temporäre Wundabdeckungen.

Die neue Haut kommt später zum Einsatz. Etwa an Gelenken, bei schlecht heilenden Arealen oder zur Vermeidung schwerer Narben. Genau so wurde es auch nach dem Brand von Crans-Montana gehandhabt. In ausgewählten Fällen entnahmen Ärzte frühzeitig Hautproben und gaben sie zur Herstellung individueller Transplantate ins Labor.

Im Labor von Cutiss entsteht denovoSkin: Innerhalb von rund vier Wochen wachsen hier mehrere Hautstücke von jeweils etwa 50 Quadratzentimetern für den späteren klinischen Einsatz. © Cutiss
Im Labor von Cutiss entsteht denovoSkin: Innerhalb von rund vier Wochen wachsen hier mehrere Hautstücke von jeweils etwa 50 Quadratzentimetern für den späteren klinischen Einsatz. © Cutiss

Große Phase-3-Studie prüft denovoSkin europaweit

DenovoSkin befindet sich derzeit in einer Phase-3-Studie, die im Frühjahr 2025 gestartet ist. Beteiligt sind 20 spezialisierte Brandzentren in acht EU-Ländern und der Schweiz. Ziel ist es, Wirksamkeit und Sicherheit in größerem Maßstab zu bestätigen – Voraussetzung für eine spätere Zulassung.

Bereits zuvor kam die gezüchtete Haut in acht Einzelfällen im Rahmen sogenannter „Compassionate-Use“-Behandlungen zum Einsatz. Diese Anwendungen erfolgen unter klar definierten medizinischen Bedingungen. Die bisherigen Langzeitdaten zeigen eine stabile Wundheilung und eine bessere Narbenqualität im Vergleich zur Standardtherapie.

Um künftig mehr Patienten versorgen zu können, arbeitet Cutiss an automatisierten Produktionssystemen. Ziel ist eine gleichbleibende Qualität bei höherer Stückzahl.

Kurz zusammengefasst:

  • Nach dem Brand in Crans-Montana erhalten ausgewählte Überlebende Haut – gezüchtet aus eigenen Zellen – um schwere Verbrennungen langfristig besser zu behandeln.
  • Die gezüchtete Haut ist zweischichtig aufgebaut, bleibt elastisch, passt sich dem Körper an und kann im Vergleich zu klassischen Spalthauttransplantationen die Narbenbildung verringern.
  • Die Herstellung dauert mehrere Wochen, ergänzt die Akutmedizin gezielt zu einem späteren Zeitpunkt und befindet sich derzeit in einer großen klinischen Phase-3-Studie.

Übrigens: Während Brandopfer gezüchtete Haut aus eigenen Zellen erhalten, entsteht im Labor bereits eine zweite Haut-Revolution – Forscher testen neue Therapien an täuschend echten Kopien aus dem 3D-Drucker. Wie künstliche Haut Tierversuche ersetzt und Medikamente treffsicherer macht, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Wyss Zurich

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