Zwischen Shampoo und Smalltalk: Friseure werden zu Klimaschutz-Influencern
Eine britische Studie zeigt: Fast drei Viertel der Kunden überdenken nach Salon-Gesprächen ihre Haarpflege – vor allem mit Blick auf den Energieverbrauch beim Haarewaschen.
Im vertrauten Gespräch während des Friseurtermins sprechen viele Salons inzwischen auch über Energieverbrauch und nachhaltige Routinen im Alltag. © Pexels
Wer über Klimaschutz spricht, landet meist bei Energie, Verkehr oder Industrie. Eine neue wissenschaftliche Untersuchung richtet den Blick jedoch auf einen Ort, den viele Menschen regelmäßig besuchen: den Friseursalon. Dort geht es längst nicht nur um Haare. Viele Gespräche drehen sich auch um Alltag, Konsum und Gewohnheiten – also um Entscheidungen, die Energie und Ressourcen im täglichen Leben beeinflussen.
Ein internationales Forschungsteam hat untersucht, welche Rolle Friseure in solchen Gesprächen spielen. Beteiligt waren Wissenschaftler des Centre for Climate Change and Social Transformations (CAST) an der University of Bath sowie der Universitäten Cardiff, Oxford und Southampton. Die Ergebnisse machen deutlich: Friseursalons können Orte sein, an denen sich Ideen für klimafreundliches Verhalten im Alltag verbreiten.
Warum beim Friseur plötzlich über Klimaschutz geredet wird
Ein Friseurbesuch folgt anderen Regeln als viele Dienstleistungen. Termine dauern oft 30 Minuten oder länger. Viele Kunden kommen regelmäßig wieder und bleiben ihrem Salon über Jahre treu. In manchen Betrieben treffen sich sogar mehrere Generationen derselben Familie.
Diese Kontinuität schafft Nähe. Friseure berichten, dass Kunden auch persönliche Themen ansprechen, die nichts mit Haarpflege zu tun haben. Eine Saloninhaberin beschreibt es so: „Kunden vertrauen ihrem Friseur. Sonst würden sie nicht immer wiederkommen.“
Aus diesem Vertrauen entstehen Gespräche über den Alltag. Es geht um Einkäufe, Ernährung, Energie oder Mobilität. Dort berühren die Gespräche Fragen, die für den Klimaschutz relevant sind – ohne erhobenen Zeigefinger, sondern eingebettet in normale Unterhaltungen.
Gespräche über Nachhaltigkeit sind längst Teil des Salonalltags
Für die Untersuchung führten die Wissenschaftler ausführliche Interviews mit 30 Saloninhabern und -leitern. Sie beschrieben, wie häufig Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen im Gespräch mit Kunden auftauchen.
Oft beginnt es bei der Haarpflege selbst. Kunden fragen nach Produkten, nach Inhaltsstoffen oder nach dem Wasserverbrauch. Daraus entwickeln sich Gespräche über größere Zusammenhänge. Genannt wurden unter anderem:
- Energieverbrauch im Haushalt
- Plastik und Verpackungen
- Ernährung und Lebensmittel
- Mobilität und Verkehr
Auch aktuelle Nachrichten oder extreme Wetterlagen gaben immer wieder Gesprächsanlässe.
Viele Friseure berichten, dass sie im Laufe der Zeit ein gutes Gespür dafür entwickeln, welche Themen bei welchen Kunden ankommen. Eine Friseurin bringt es auf den Punkt: „Es ist unser Job, Kunden zu lesen.“
Kleine Hinweise im Salon verändern Gewohnheiten messbar
Neben den Interviews testeten die Forscher auch eine konkrete Maßnahme. In 25 nachhaltigen Salons wurden kurze Hinweise zu umweltfreundlicher Haarpflege auf Spiegeln angebracht. Diese Hinweise sollten Gespräche anstoßen.
Der Effekt war deutlich. Viele Kunden griffen die Themen auf. In einer Befragung gaben 73 Prozent der Kunden an, ihre Haarpflege danach ändern zu wollen.
Besonders häufig nannten sie:
- selteneres Haarewaschen
- niedrigere Wassertemperaturen
- nachhaltigere Pflegeprodukte
Solche Veränderungen wirken unspektakulär. Im Alltag vieler Menschen sparen sie jedoch Energie und Wasser. Ein zentrales Missverständnis wurde dabei häufig korrigiert. Viele Kunden gehen davon aus, dass vor allem Verpackungen die Umweltbilanz eines Shampoos bestimmen.
„Der CO₂-Fußabdruck eines Shampoos entsteht größtenteils durch das heiße Wasser beim Haarewaschen“, sagt Professorin Denise Baden von der University of Southampton.
Friseure wirken als Alltags-Influencer
Die Forscher beschreiben Friseure als „Alltags-Influencer“. Anders als Prominente erreichen sie Menschen nicht über soziale Medien, sondern im direkten Gespräch.
Diese Gespräche finden in vertrauter Umgebung statt. Kunden fühlen sich sicher genug, um über eigene Gewohnheiten zu sprechen. Ein Salonbesitzer formuliert es so: „Als Branche könnten wir Menschen viel stärker beeinflussen.“
Auch sichtbare Veränderungen im Salon spielen eine Rolle. Kunden nehmen Details wahr und sprechen sie an, etwa:
- Recyclingstationen
- Nachfüllsysteme für Produkte
- energiesparende Duschköpfe
- nachhaltige Materialien im Salon
Solche Beobachtungen führen häufig zu Nachfragen – und zu Gesprächen.
Eine große Branche mit unterschätztem Einfluss
Die wirtschaftliche Bedeutung der Branche ist erheblich. In Großbritannien gibt es mehr als 61.000 Friseur- und Beautybetriebe, die zusammen rund 5,9 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr erwirtschaften. Auch hierzulande wird die Zahl der Salons nach aktuellen Branchenangaben auf rund 85.000 bis 90.000 Betriebe geschätzt. Sie erwirtschaften zusammen etwa 7,49 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr.
Diese Zahlen zeigen, wie viele Menschen regelmäßig einen Salon besuchen. Entsprechend groß ist die Zahl der Gespräche, die dort täglich stattfinden. Viele Saloninhaber sehen darin eine Verantwortung. Einer sagt offen: „Man sollte diese Plattform für etwas Sinnvolles nutzen und nicht nur über Belangloses reden.“
Vertrauen bleibt der entscheidende Faktor
Am Ende entscheidet die Beziehung zwischen Friseur und Kunde. Termine wiederholen sich. Gespräche setzen sich fort. Vertrauen wächst. Ein Friseur beschreibt diese Situation so: „Eine Stunde mit einer Person zu sprechen – das gibt es in kaum einer anderen Branche.“
In diesem Umfeld reichen oft kleine Hinweise. Ein Gespräch über heißes Wasser. Eine Empfehlung für ein anderes Produkt. Oder ein Austausch über Alltagsgewohnheiten. So entstehen im Friseursalon Entscheidungen, die nichts mit Frisuren zu tun haben – aber mit dem Klima.
Kurz zusammengefasst:
- Friseursalons sind unerwartete Orte für Klimagespräche: Kunden verbringen dort oft bis zu eine Stunde im Gespräch – ein Vertrauensraum, in dem Themen wie Energieverbrauch, Ernährung oder Konsum ganz selbstverständlich zur Sprache kommen.
- Eine Studie zeigt: In 30 untersuchten Salons und einem Praxistest mit 25 Betrieben erklärten 73 Prozent der Kunden, dass sie nach solchen Gesprächen ihre Haarpflege ändern wollen.
- Der größte Teil der CO₂-Bilanz eines Shampoos entsteht nicht durch die Verpackung, sondern durch heißes Wasser beim Haarewaschen.
Übrigens: Während Friseure Klimaschutz in den Alltag bringen, verwandeln Forscher Klinikmüll in CO₂-Filter – aus Einweghandschuhen entsteht ein Material für Industrieabgase. Wie aus Abfall ein möglicher Klimabaustein wird, steht in unserem Artikel.
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