Fühlen sich Menschen von KI besser verstanden als von echten Gesprächspartnern? – Neue Studie überrascht

Viele Menschen empfinden in emotionalen Chats mehr Nähe zur KI als zu echten Gesprächspartnern – aber nur, wenn unklar ist, ob ein Mensch oder eine Maschine antwortet.

Eine Frau sitzt vor einem Laptop

Sprache, Emotionen und Selbstoffenbarung kann auch dann Nähe erzeugen, wenn eine Maschine antwortet. © Pexels

Viele Menschen nutzen heute Chatbots für Gespräche, die früher nur mit Freunden oder vertrauten Personen geführt wurden. Es geht um Sorgen, Zweifel oder persönliche Erfahrungen. Dabei entsteht manchmal ein Gefühl von Verbundenheit. Eine neue psychologische Studie zeigt, dass diese emotionale Nähe zur KI in bestimmten Situationen sogar stärker sein kann als zu realen Gesprächspartnern – vor allem dann, wenn unklar bleibt, wer tatsächlich antwortet.

Die Ergebnisse der Untersuchung erklären, warum Gespräche mit einer Maschine vertraut wirken können, obwohl kein Mensch gegenüber sitzt. Und sie machen deutlich, wie Sprache, Offenheit und Erwartungen unser Erleben von Beziehung beeinflussen.

So wurde untersucht, wann emotionale Nähe zu KI entsteht

Die Arbeit stammt von Forschenden der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg. Im Zentrum steht die Frage, wie Nähe in Gesprächen entsteht – und welche Rolle KI dabei spielt. Für die Studie führten 492 Teilnehmende Online-Chats zu persönlichen Themen. Es ging um Freundschaften, prägende Erlebnisse und emotionale Erfahrungen. Die Antworten kamen entweder von einem Menschen oder von einem KI-basierten Sprachmodell. Ein Teil der Teilnehmenden wusste, wer antwortete, ein anderer nicht.

Das Ergebnis fällt deutlich aus: Wussten die Teilnehmenden nicht, ob sie mit einer KI sprechen, empfanden sie eine ähnliche Nähe wie bei menschlichen Antworten. In emotionalen Gesprächen lag die KI sogar vorn. Sie wirkte offener und persönlicher.

Nähe hängt stark davon ab, was Menschen ihrem Gegenüber zuschreiben. Sobald klar ist, dass eine Maschine antwortet, verändert sich das Verhalten spürbar. Die Gespräche werden kürzer. Die Antworten fallen knapper aus. Die empfundene Nähe sinkt. Studienleiter Bastian Schiller beschreibt diesen Effekt so: „Besonders überrascht hat uns, dass KI gerade bei emotionalen Themen mehr Nähe erzeugt als menschliche Gesprächspartner.“ Entscheidend ist dabei die Kennzeichnung: Wer glaubt, mit einem Menschen zu sprechen, öffnet sich eher. Wird die KI als solche erkannt, entsteht schneller Distanz.

Selbstoffenbarung wirkt als sozialer Schlüssel

Nähe entsteht nicht automatisch. Sie entwickelt sich im Gespräch. Ein zentraler Mechanismus ist Selbstoffenbarung. Wer Persönliches teilt, lädt zur Gegenseitigkeit ein. Hier kommt die Stärke der KI zum Tragen. Sie formuliert empathisch, bleibt freundlich und gibt mehr von sich preis.

„Die KI zeigte in ihren Antworten ein höheres Maß an Selbstoffenbarung“, erklärt Erstautor Tobias Kleinert. Menschen reagieren bei unbekannten Gesprächspartnern oft vorsichtiger. Sie wägen ab, was sie preisgeben. Diese Zurückhaltung verlangsamt den Aufbau von Nähe. Die KI kennt diese sozialen Risiken nicht.

Beide Effekte greifen ineinander. Die Erwartung, ob ein Mensch oder eine KI antwortet, beeinflusst, wie offen Menschen schreiben – Nähe entsteht dann im Austausch selbst. Wird die KI als menschlich wahrgenommen, wirken ihre empathischen Antworten verbindlich. Wird sie klar als Maschine erkannt, verlieren dieselben Antworten an Wirkung. Nähe entsteht also weniger durch Worte als durch die Zuschreibung, wer sie äußert.

Chancen für Beratung und Unterstützung

Die Studienergebnisse lassen sich in mehreren Bereichen praktisch nutzen: KI-gestützte Chats könnten niedrigschwellige Gesprächsangebote schaffen. Das betrifft Beratung, Pflege, Bildung oder psychologische Unterstützung. Besonders Menschen mit wenigen sozialen Kontakten könnten profitieren.

„Soziale Beziehungen haben nachweislich große positive Effekte auf die menschliche Gesundheit“, sagt Mitautor Markus Heinrichs. KI könne beziehungsähnliche Erfahrungen ermöglichen, vor allem dort, wo Angebote fehlen. Gleichzeitig warnt er vor falschen Erwartungen: Emotionale Bindungen können entstehen, ohne bewusst reflektiert zu werden. Hier braucht es klare ethische und regulatorische Leitlinien. Transparenz soll sicherstellen, dass Menschen wissen, mit wem sie kommunizieren.

Beim Austausch mit der KI gibt Schiller zu bedenken: „Wie wir sie gestalten und regulieren wird darüber entscheiden, ob sie soziale Beziehungen sinnvoll ergänzt – oder ob emotionale Nähe gezielt manipuliert wird.“

Kurz zusammengefasst:

  • Emotionale Nähe zur KI kann entstehen, weil Sprache, Empathie und Selbstoffenbarung Nähe erzeugen – nicht die Identität des Gegenübers. Besonders stark wirkt der Effekt, wenn unklar bleibt, ob ein Mensch oder eine Maschine antwortet.
  • Die Studie zeigt, dass Erwartungen entscheidender sind als Technik: Wird eine KI als menschlich wahrgenommen, empfinden Menschen teils mehr Nähe als zu realen Gesprächspartnern; wird sie klar als Maschine erkannt, nimmt Nähe deutlich ab.
  • Für Alltag und Gesellschaft bedeutet das, dass KI in Beratung, Pflege oder Unterstützung hilfreich sein kann, zugleich aber klare Regeln braucht, damit emotionale Bindung nicht unbemerkt entsteht oder gezielt ausgenutzt wird.

Übrigens: KI kann nicht nur Nähe erzeugen, sondern auch Stimmen zurückholen – eine neue Halsmanschette macht nach einem Schlaganfall verständliche Sätze möglich, ganz ohne Eingriff. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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