Grüngasquote könnte Heizen deutlich verteuern – IW sieht bis zu 350 Euro mehr pro Jahr
Grüngasquote statt 65-Prozent-Regel: Laut IW könnte Gasheizen durch teureres Biomethan und Wasserstoff bis 2035 rund 350 Euro mehr kosten.
Mit der geplanten Grüngasquote sollen Gasversorger künftig zunehmend Wasserstoff und Biomethan ins Netz einspeisen – das könnte das Heizen in vielen Häusern langfristig verteuern. © Unsplash
Die 65-Prozent-Regel für neue Heizungen gehört inzwischen der Vergangenheit an. Union und SPD haben die Vorgabe aus dem Gebäudeenergiegesetz bereits gestrichen. Gas- und Ölheizungen dürfen damit weiter eingebaut werden. CDU-Fraktionschef Jens Spahn hatte den Schritt damals so begründet: „Wir geben den Menschen ihre Freiheit zurück, die Robert Habeck ihnen genommen hat.“
Doch ganz ohne Klimavorgaben bleibt das Heizen nicht. Die Reform setzt nun auf eine sogenannte Grüngasquote. Gasversorger müssen künftig zunehmend klimafreundliche Gase wie Biomethan oder Wasserstoff ins Netz einspeisen. Dieser Mechanismus könnte das Heizen mit Gas langfristig deutlich verteuern. Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu dem Ergebnis: Für einen durchschnittlichen Zwei-Personen-Haushalt könnten die Heizkosten bis 2035 um rund 350 Euro pro Jahr steigen.
Gas bleibt – doch der Brennstoff verändert sich
Die politische Idee hinter der Reform klingt zunächst einfach. Statt Heizsysteme direkt vorzuschreiben, verändert der Staat künftig den Brennstoff selbst. Gasversorger müssen schrittweise klimafreundliche Gase ins Netz bringen. Dazu zählen vor allem Biomethan und Wasserstoff.
Für Haushalte ändert sich dadurch zunächst wenig sichtbar. Die Heizungen bleiben dieselben, das Gas kommt weiterhin aus der Leitung. Doch im Hintergrund verändert sich die Zusammensetzung des Brennstoffs. Dadurch entstehen zusätzliche Kosten. Klimafreundliche Gase sind heute deutlich teurer als fossiles Erdgas.
Grüngase treiben den Gaspreis nach oben
Die Berechnungen zeigen erstmals, welche Folgen eine solche Grüngasquote haben könnte. Die Studie geht davon aus, dass fossilem Erdgas zunehmend Wasserstoff und Biomethan beigemischt werden. Konkret basiert die Modellrechnung auf einem Quotenpfad, nach dem der Anteil klimafreundlicher Gase im Netz bis 2030 etwa 7 Prozent und bis 2035 rund 38 Prozent erreichen könnte.
Schon kleine Beimischungen verändern den Preis. Die Berechnungen zeigen mögliche Aufschläge zwischen 0,43 und 1,69 Cent pro Kilowattstunde Gas. Selbst nach Abzug eingesparter CO₂-Kosten bleiben laut Studie noch 0,25 bis 1,51 Cent Mehrkosten pro Kilowattstunde. Diese Werte wirken zunächst gering. Bei typischen Heizverbräuchen summieren sie sich jedoch schnell.
Warum Haushalte mehrere Kostentreiber gleichzeitig spüren
Ein durchschnittlicher Zwei-Personen-Haushalt verbraucht laut IW-Berechnung etwa 16.800 Kilowattstunden Gas pro Jahr für Heizung und Warmwasser. Für ihre Modellrechnung nehmen die Autoren außerdem an, dass das benötigte Grüngas jeweils zur Hälfte aus Wasserstoff und zur Hälfte aus Biomethan besteht.
Unter diesen Annahmen ergeben sich folgende Mehrkosten:
- 2030: etwa 178 Euro zusätzliche Heizkosten pro Jahr im mittleren Szenario
- mögliche Bandbreite: 40 bis 254 Euro jährlich, abhängig von Gas- und Grüngaspreisen
- 2035: rund 350 Euro zusätzliche Kosten pro Jahr
Der Effekt entsteht nicht allein durch die Gasquote. Parallel steigt der CO₂-Preis im europäischen Emissionshandel.
CO₂-Preis verteuert fossiles Gas zusätzlich
Ab 2028 gilt ein neues europäisches Emissionshandelssystem für Gebäude und Verkehr. Für fossile Energien müssen dann Zertifikate gekauft werden. Prognosen sehen bis 2035 CO₂-Preise von über 200 Euro pro Tonne. Diese Kosten schlagen direkt auf die Gaspreise durch.
Für Haushalte entsteht dadurch eine doppelte Belastung:
- steigende CO₂-Kosten für fossiles Erdgas
- teurere Kilowattstunden durch beigemischte Grüngase
- mögliche zusätzliche Kosten im Energiesystem
Die IW-Studie beschreibt diese Entwicklung als einen der wichtigsten Kostentreiber der kommenden Jahre.
Wasserstoff und Biomethan bleiben knapp
Ein weiterer Punkt betrifft die verfügbaren Energiemengen. Die Analyse rechnet vor, welche Mengen klimafreundlicher Gase künftig notwendig wären. Bereits im Jahr 2030 müsste das Gasnetz etwa 44 Terawattstunden Grüngas enthalten. Für die Modellrechnung wird angenommen, dass diese Menge jeweils zur Hälfte aus Wasserstoff und Biomethan besteht.
Später wächst der Bedarf stark. In der Spitze könnten bis zu 95 Terawattstunden Wasserstoff und ebenso viel Biomethan pro Jahr benötigt werden. Diese Zahlen beschreiben allerdings den Bedarf, nicht die tatsächliche Verfügbarkeit. Die Studie bezeichnet die Mengen ausdrücklich als hypothetische Annahmen.
Neue Konkurrenz um Wasserstoff und Biomethan
Wasserstoff und Biomethan werden nicht nur zum Heizen gebraucht. Auch viele Industrieunternehmen wollen ihre Produktion künftig mit diesen Energieträgern klimafreundlicher machen. Besonders energieintensive Branchen setzen dabei auf Wasserstoff – etwa die Chemie- oder Grundstoffindustrie.
Damit entsteht eine neue Konkurrenz um dieselben Energieträger. Wenn Haushalte und Industrie gleichzeitig darauf angewiesen sind, steigt die Nachfrage. Das kann die Preise zusätzlich nach oben treiben.
Die IW-Berechnung zeigt auch die möglichen Folgen für Unternehmen. Im mittleren Szenario steigt der Gaspreis um etwa 1,07 Cent pro Kilowattstunde. Je nach Branche entspricht das einem Kostenanstieg zwischen 16 und 38 Prozent.
Kurz zusammengefasst:
- Was die Grüngasquote bedeutet: Gasheizungen bleiben zwar möglich, doch durch die geplante Beimischung von Wasserstoff und Biomethan könnte das Heizen künftig teurer werden.
- Laut Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft könnte ein durchschnittlicher Zwei-Personen-Haushalt mit Gasheizung bis 2035 rund 350 Euro mehr pro Jahr zahlen.
- Klimafreundliche Gase sind derzeit teurer und knapp, gleichzeitig erhöhen steigende CO₂-Preise im Emissionshandel die Kosten für fossiles Gas zusätzlich.
Übrigens: Während Heizkosten steigen könnten, nutzt das CERN in Genf Abwärme seines Teilchenbeschleunigers, um tausende Wohnungen über ein Fernwärmenetz zu beheizen. Wie die Energie aus dem Large Hadron Collider Gas ersetzt, mehr dazu in unserem Artikel.
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