560 deutsche Firmen in chinesischer Stadt – was Taicang über unsere neue Abhängigkeit verrät

In Taicang produzieren 560 deutsche Firmen für Milliardenmärkte – mit lokaler Forschung, Lieferketten und wachsender China-Bindung.

Mitten im Yangtze-Delta ist Taicang mit seinen gut 800.000 Einwohnern zu einem der wichtigsten Schauplätze deutsch-chinesischer Wirtschaftsbeziehungen geworden.

Mitten im Yangtze-Delta ist Taicang mit seinen gut 800.000 Einwohnern zu einem der wichtigsten Schauplätze deutsch-chinesischer Wirtschaftsbeziehungen geworden. © Wikimedia

Friedrich Merz ist von seiner China-Reise zurück. Zwei Tage Gespräche mit Staatspräsident Xi Jinping, dazu Treffen mit Premier Li Qiang. Im Schlepptau: rund 30 Vorstandschefs, darunter mehrere Dax-Lenker. Die Erwartungen waren hoch. Denn der Druck ist real. Der Umsatzanteil großer deutscher Konzerne in China ist in vier Jahren von 18,6 auf 14,9 Prozent gesunken. Gleichzeitig gewinnen chinesische Wettbewerber in Schlüsselbranchen an Tempo.

Doch wer verstehen will, wie eng Deutschland wirtschaftlich mit China verflochten ist, muss nicht in die Große Halle des Volkes schauen. Es reicht ein Blick nach Taicang. Die Stadt liegt nur 30 Minuten von Shanghai entfernt – und ist zum größten deutschen Industriestandort in China geworden, wie die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet.

Wie Taicang zum wichtigsten Standort deutscher Firmen in China wurde

Taicang zählt gut 800.000 Einwohner, für chinesische Verhältnisse nicht viel. Trotzdem gilt die Stadt als größter deutscher Industriestandort in China. Mehr als 560 deutsche Unternehmen haben sich hier angesiedelt. Ihre jährliche Industrieproduktion liegt bei über 67 Milliarden Yuan – umgerechnet rund 9,75 Milliarden US-Dollar. Die Investitionen aus Deutschland summieren sich auf mehr als 6 Milliarden US-Dollar.

Seit 1993 pflegt Taicang systematisch Beziehungen zu Deutschland. Damals kamen erste Mittelständler. Heute stehen dort Werke internationaler Konzerne. Tausende deutsche Fachkräfte leben in der Region. Deutsche Ingenieurkunst ist fester Bestandteil des lokalen Industrieprofils.

Ein herausragendes Beispiel ist der Automobilzulieferer Schaeffler. Vor rund drei Jahrzehnten startete das Unternehmen mit 30 Mitarbeitern in einer kleinen Halle. Ende 2025 arbeiteten in China 19.000 Menschen für den Konzern. Sechs Forschungs- und Entwicklungszentren sowie 17 Produktionsstätten betreibt Schaeffler inzwischen landesweit. In der Provinz Jiangsu ist der Konzern der größte deutsche Industriebetrieb, heißt es.

Produktion vor Ort ersetzt den Export

Der strategische Wandel ist deutlich. Früher lieferten deutsche Werke Maschinen und Technik nach China. Heute entwickeln und produzieren viele Unternehmen direkt vor Ort. Mehr als 95 Prozent der Lieferkette im chinesischen Automobilgeschäft von Schaeffler sind lokal organisiert.

„Wir importierten nicht länger nur Technologie. Stattdessen begannen wir mit lokaler Forschung und Produktion.“ So beschreibt Werksleiter Lou Junfeng laut Xinhua den strategischen Kurswechsel. Forschung und Entwicklung erfolgen heute direkt in China. Das verkürzt Wege, senkt Kosten und verankert den Standort dauerhaft.

Rund 600 chinesische Firmen beliefern deutsche Unternehmen in Taicang. Über 800 Institutionen kooperieren bei Ausbildung, Forschung und Finanzierung. In der Autoindustrie stammen etwa 70 Prozent der Fahrzeugteile aus der Region. Behörden reduzierten Genehmigungsunterlagen für neue Projekte um 40 Prozent. Die Bearbeitungszeit halbierte sich.

Auch die Energieversorgung passt zum Bild. Die Produktionsbasis von Schaeffler in Taicang arbeitet vollständig mit grünem Strom. Photovoltaikanlagen auf den Dächern liefern Energie. Ergänzend wird zertifizierter Ökostrom bezogen.

Enge Verflechtung in wirtschaftlich schwieriger Phase

Diese Erfolgsgeschichte spielt sich in einem veränderten Umfeld ab. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sanken die deutschen Exporte nach China im Jahr 2025 um 9,7 Prozent auf 81,3 Milliarden Euro. Gleichzeitig stiegen die Importe aus China um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro. Das Handelsdefizit weitete sich damit deutlich aus.

Chinesische Hersteller holen technologisch auf – besonders bei Elektromobilität, Solartechnik und Wärmepumpen. In einigen Segmenten setzen sie bereits Maßstäbe. Der Druck auf deutsche Anbieter wächst.

Von „Made in China“ zu eigener Entwicklung für den Weltmarkt

Der Wandel ist klar erkennbar: Früher kam die Technik aus Deutschland, produziert wurde nach deutschen Vorgaben. Dann folgte „Made in China“ – deutsche Firmen ließen vor Ort fertigen. Heute geht der Schritt weiter. Unter „China R&D“, also Forschung und Entwicklung direkt in China, entstehen eigenständige Produkte, die für den Weltmarkt gedacht sind.

Für Deutschland verschiebt sich damit ein Teil der Wertschöpfung. Entwicklung und Entscheidungen rücken näher an den asiatischen Markt. Gleichzeitig entstehen neue Wachstumschancen. „Es ist eine zweiseitige Reise, die die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland in einer Phase industrieller Transformation weiter widerspiegelt“, sagt Li.

Kurz zusammengefasst:

  • In Taicang bei Shanghai bündeln sich über 560 deutsche Firmen mit Milliardenumsätzen – Produktion, Zulieferer und sogar Forschung sitzen heute direkt in China statt in Deutschland.
  • Am Beispiel Schaeffler wird die Verschiebung greifbar: 95 Prozent der Lieferkette im China-Geschäft sind lokal, 70 Prozent der Autoteile stammen aus der Region – Wertschöpfung entsteht vor Ort.
  • Zugleich kippt der Handel: Laut Statistischem Bundesamt sanken 2025 die deutschen Exporte nach China um 9,7 Prozent, während die Importe um 8,8 Prozent stiegen – wirtschaftliche Verflechtung wird damit zur strukturellen Abhängigkeit.

Übrigens: Während deutsche Firmen in Taicang um Marktanteile kämpfen, treibt China im eigenen Land ein ganz anderes Milliardenprojekt voran – 300 Millionen Ältere machen Fitness und Pflege zu einem 115-Milliarden-Euro-Markt. Wie aus dem demografischen Druck eine staatlich gesteuerte „Silver Economy“ entsteht, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © 白色瑰宝 via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

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