Brain Gain: Hunderttausende Studierende kehren nach China zurück – trotz schwachem Arbeitsmarkt
Neue Zahlen zeigen eine klare Trendwende: Immer mehr chinesische Studierende kehren aus dem Ausland zurück, selbst bei angespannter Lage auf dem Arbeitsmarkt.
Immer mehr Studierende kehren nach dem Auslandsaufenthalt nach China zurück – vor allem dorthin, wo neue Jobs in Technologie, Industrie und Forschung entstehen. © Unsplash
Über Jahre galt es als nahezu selbstverständlich: Wer in China gut ausgebildet war und den Sprung an eine renommierte Universität im Ausland schaffte, baute seine Karriere dort weiter aus. Höhere Gehälter, bessere Forschungsausstattung, mehr Freiheit – vieles sprach dafür, zu bleiben. In China war lange vom „Brain Drain“ die Rede.
Dieses Muster begann sich in den frühen 2010er Jahren zu ändern. Neue Zahlen zeigen: Immer mehr Studierende kommen zurück – und das ausgerechnet jetzt, wo der Arbeitsmarkt in China schwierig ist. Die meisten Absolventen kommen dabei nicht aufgrund ihres Bauchgefühls zurück, sondern wegen konkreter Jobs in bestimmten Branchen.
Eine Auswertung der Jobplattform Zhaopin zeigt: 2025 stieg die Zahl der chinesischen Hochschulabsolventen, die aus dem Ausland zurückkehrten und in China eine Stelle suchten, um 12 Prozent. So hoch lag der Wert seit acht Jahren nicht mehr. Im Vergleich zu 2018 kommen heute gut doppelt so viele zurück, wie aus dem Bericht hervorgeht. Dieser weist dabei keine absoluten Kopfzahlen aus, sondern arbeitet mit Jahresvergleichen.
Rückkehr chinesischer Absolventen wird erstmals klar messbar
Wie aus dem staatlichen Bericht zur Beschäftigungssituation von Rückkehrern aus dem Ausland in China 2025 hervorgeht, hat sich der Anstieg der Rückkehrerzahlen nach einem kurzen Rückgang 2023 in den vergangenen zwei Jahren erneut fortgesetzt.
Auffällig ist der Zeitpunkt. Viele Unternehmen stellen vorsichtiger ein, gerade für Berufseinsteiger bleibt der Markt schwierig. Trotzdem entstehen neue Stellen. Sie verteilen sich allerdings nicht gleichmäßig, sondern konzentrieren sich auf bestimmte Bereiche. Genau dorthin zieht es viele Rückkehrer.
Wo neue Jobs entstehen – und wo nicht
Besonders gefragt sind Fachkräfte in Künstlicher Intelligenz, neuen Materialien und moderner Industrieproduktion. Unternehmen suchen Bewerber mit internationaler Ausbildung, die mit komplexen Technologien vertraut sind und Entwicklungsprozesse kennen. Auslandserfahrung gilt in diesen Bereichen als Vorteil, nicht als Unterbrechung im Lebenslauf.
Laut dem Bericht ziehen vor allem technologiegetriebene Zukunftsbranchen immer mehr Rückkehrer an. Am stärksten wuchsen 2025 die Bereiche neue Werkstoffe (+87,3 Prozent), Optoelektronik (+82,2 Prozent) und Robotik (+74,3 Prozent). Auch Künstliche Intelligenz (+35,1 Prozent) und intelligente Hardware (+37,1 Prozent) legten spürbar zu. Gemeinsam ist diesen Feldern ihr hoher Forschungsanteil, die technischen Eintrittshürden und ihre starke internationale Ausrichtung.
Wer zurückkommt, ist meist hoch qualifiziert
Die Mehrheit der Rückkehrer ist hoch qualifiziert. 80,9 Prozent verfügen über einen Masterabschluss, 3,1 Prozent über eine Promotion; lediglich 16,0 Prozent haben einen Bachelorabschluss. Entsprechend dominieren Studienrichtungen wie Informatik, Data Science, Maschinenbau, Elektrotechnik, Softwareentwicklung, Künstliche Intelligenz sowie Material- und Werkstoffwissenschaften. Viele der Rückkehrer haben bereits in internationalen Unternehmen oder Forschungseinrichtungen gearbeitet und bringen entsprechende Berufserfahrung mit.
Staatliche Zahlen zeigen das Ausmaß der Rückkehr
Weitere Statistiken stützen den Trend. In einer Mitteilung aus dem Dezember 2025 berichtete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, dass 2024 rund 495.000 chinesische Studierende aus dem Ausland nach China zurückkehrten. Langfristig wird die Dimension der Zahlen noch deutlicher. Zwischen 1978 und 2024 studierten insgesamt 8,88 Millionen Chinesinnen und Chinesen im Ausland. 7,43 Millionen schlossen ihr Studium ab, 6,44 Millionen entschieden sich anschließend für eine Rückkehr nach China. Seit 2012 kamen 5,63 Millionen zurück – das entspricht 87 Prozent aller Rückkehrer seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik.
Auffällig ist zudem die regionale Verteilung. Die Zahl der Bewerbungen wächst nicht vor allem in Metropolen wie Peking, Shanghai oder Guangzhou, sondern zunehmend in kleineren und mittleren Städten. Dort stiegen die Bewerbungen 2025 je nach Stadtgröße um gut 20 bis über 30 Prozent und damit deutlich stärker als in den großen Zentren. Neue Industrieansiedlungen, zusätzliche Forschungskapazitäten und gezielte Programme zur Talentförderung tragen zu dieser Entwicklung bei.
Auch Spitzenforscher kehren zurück
Die Rückkehrbewegung beschränkt sich dabei nicht auf Studierende und junge Absolventen. Zunehmend entscheiden sich auch international etablierte Wissenschaftler für einen beruflichen Neustart in China, wie die South China Morning Post berichtet.
Dazu zählt auch Liang Jie, der viele Jahre in Nordamerika arbeitete und bei Microsoft an Technologien beteiligt war, die später in Produkten wie dem Windows Media Video Player und auf Blu-ray-Discs zum Einsatz kamen. Millionen Menschen nutzten diese Technik im Alltag. Dass sich auch solche Experten für eine Rückkehr entscheiden, zeigt, dass es längst nicht mehr nur um Ausbildung geht, sondern zunehmend um angewandte Forschung, Produktentwicklung und industrielle Umsetzung in China.
Kurz zusammengefasst:
- Chinas früherer „Brain Drain“ kehrt sich um: Trotz schwieriger Arbeitsmarktlage kommen immer mehr im Ausland ausgebildete Studierende zurück, weil es in technologiegetriebenen Branchen konkrete Jobs gibt – vor allem in KI, neuen Materialien und moderner Industrie.
- Der Trend ist klar messbar: 2025 stieg laut Zhaopin die Zahl der arbeitssuchenden Rückkehrer um 12 Prozent, langfristig kehrten seit 1978 rund 6,44 Millionen von 7,43 Millionen Absolventen zurück; allein 2024 waren es etwa 495.000 (+19 Prozent).
- Die Rückkehr verändert Struktur und Regionen: Die meisten Rückkehrer sind hoch qualifiziert (über 80 Prozent Master, 3 Prozent Promotion) und gehen zunehmend nicht in Metropolen, sondern in kleinere und mittlere Städte, wo Bewerbungen teils um 20 bis über 30 Prozent zulegten.
Übrigens: Während KI vielerorts als Jobkiller gefürchtet wird, zeigen neue Arbeitsmarktdaten ein deutlich nüchterneres Bild – Stellen verschwinden kaum, aber Aufgaben und Qualifikationen verschieben sich spürbar. Warum Angst vor KI trotzdem politische Folgen haben kann und was sich im Arbeitsalltag wirklich verändert, mehr dazu in unserem Artikel.
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