T-Rex und das „Use it or lose it“-Prinzip: Darum verkümmerten seine Arme

Die winzigen Arme des T-Rex könnten auf einen brutalen evolutionären Effekt zurückgehen: Beim Jagen übernahmen Schädel und Kiefer die Hauptarbeit.

Gewaltiger Schädel, winzige Arme: Beim T-Rex wurde der Kopf offenbar zur wichtigsten Jagdwaffe.

Gewaltiger Schädel, winzige Arme: Beim T-Rex wurde der Kopf offenbar zur wichtigsten Jagdwaffe. © Wikimedia

Der Tyrannosaurus rex zählt zu den bekanntesten Raubtieren der Erdgeschichte. Gewaltiger Schädel, Zähne so groß wie Bananen – und daneben Arme, die fast lächerlich klein wirken. Diese Kombination beschäftigt Forscher seit Jahrzehnten. Warum sollte ein Spitzenjäger seine Vorderarme verlieren, obwohl andere Raubdinosaurier sie zum Greifen und Festhalten nutzten?

Nun liefert eine gemeinsame Arbeit von Forschern des University College London (UCL) und der University of Cambridge eine neue Erklärung. Demnach wurden die T-Rex Arme wahrscheinlich über Millionen Jahre überflüssig, weil Kopf und Kiefer die eigentliche Hauptwaffe des Jägers wurden.

Wie die Arme des T-Rex langsam ihre Aufgabe verloren

Das Team untersuchte Daten von 82 Arten fleischfressender Theropoden. Dazu gehörten neben Tyrannosaurus rex auch andere große Räuber wie Carnotaurus, Majungasaurus oder Tyrannotitan. Auffällig war ein Muster, das sich immer wieder zeigte: Je robuster Schädel und Kiefer wurden, desto stärker verkümmerten die Vorderarme.

Die Forscher sprechen dabei von einem „Use it or lose it“-Prinzip. Was evolutionär kaum noch gebraucht wird, verschwindet schrittweise. „Wenn man einen großen Schädel hat und große Beute angreift, braucht man die Arme nicht mehr so sehr“, erklärt Elizabeth Steell von der Cambridge University. Die Arme würden „ein Stück weit überflüssig“.

Besonders deutlich zeigt sich das beim T-Rex selbst. In der neuen Analyse erreichte sein Schädel den höchsten Wert für Robustheit. Direkt dahinter lag Tyrannotitan, ein riesiger Raubdinosaurier aus dem heutigen Argentinien. Beide Arten besaßen massive Schädelknochen und enorme Beißkräfte.

Gewaltige Pflanzenfresser veränderten die Jagd drastisch

Vor allem riesige Pflanzenfresser könnten diesen Wandel ausgelöst haben. Während der Jura- und Kreidezeit lebten auf vielen Kontinenten gigantische Sauropoden mit langen Hälsen und enormem Körpergewicht. Manche Tiere erreichten Längen von mehr als 30 Metern.

Für Raubdinosaurier war das ein Problem. Krallen allein reichten kaum aus, um solche Tiere zu kontrollieren. „Mit Klauen an einem 30 Meter langen Sauropoden herumzureißen, ist nicht ideal“, sagt Studienautor Charlie Roger Scherer vom University College London. „Angriffe mit Kiefern und Schädel könnten effektiver gewesen sein.“

Im Lauf der Evolution verschob sich die Jagd deshalb offenbar immer stärker Richtung Kopf. Die Tiere packten Beute mit dem Maul, hielten sie mit enormer Beißkraft fest und belasteten dabei vor allem Schädel und Nacken.

Die Forscher vermuten dahinter eine Art evolutionäres Wettrüsten. Größere Pflanzenfresser führten zu größeren Räubern mit kräftigeren Schädeln. Dadurch verloren die Vorderarme Schritt für Schritt ihre Bedeutung.

Manche Dinosaurier hatten noch kleinere Arme

Interessant ist dabei: Der T-Rex war längst nicht der extremste Fall. Einige Abelisaurier besaßen noch deutlich kleinere Vorderarme. Besonders Carnotaurus und Majungasaurus fielen auf.

Majungasaurus brachte nur etwa 1,6 Tonnen auf die Waage. Damit wog er ungefähr ein Fünftel eines ausgewachsenen T-Rex. Trotzdem waren seine Arme im Verhältnis zum Schädel noch stärker reduziert.

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass verschiedene Dinosauriergruppen ihre Arme auf unterschiedliche Weise verloren. Bei Abelisauriern schrumpften vor allem Hände und Unterarme. Bei Tyrannosauriern verkleinerten sich dagegen fast alle Armteile relativ gleichmäßig.

Das deutet darauf hin, dass unterschiedliche Entwicklungswege zum gleichen Ergebnis führten: winzige Vorderarme bei gigantischen Fleischfressern.

Nicht jeder große Raubsaurier verlor seine Vorderarme

Die Studie zeigt auch, dass Größe allein die Entwicklung nicht erklärt. Einige riesige Theropoden behielten lange Arme. Dazu gehörten etwa Spinosaurier wie Baryonyx oder Suchomimus. Diese Tiere jagten wahrscheinlich häufig Fische und nutzten ihre Vorderarme weiterhin aktiv.

Auch andere Dinosauriergruppen entwickelten trotz großer Körper keine verkümmerten Arme. Entscheidend scheint daher weniger die reine Körpermasse gewesen zu sein als die Art der Jagd.

Die neue Analyse spricht deshalb gegen die ältere Vorstellung, die kurzen Arme seien bloß eine Nebenwirkung riesiger Körper gewesen. Stattdessen sehen die Forscher einen engen Zusammenhang zwischen Schädelbau, Jagdtechnik und Armverlust.

Der Tyrannosaurus rex wirkte dadurch zwar ungewöhnlich. Für seine Jagdstrategie könnten die kleinen Arme aber sogar ein Vorteil gewesen sein. Energie floss stärker in Schädel, Kiefer und Muskulatur – also in genau jene Körperteile, die beim Angriff entscheidend waren.

Kurz zusammengefasst:

  • Beim T-Rex wurden die Arme vermutlich immer unwichtiger, weil Schädel und Kiefer beim Angriff auf große Beute die Hauptarbeit übernahmen.
  • Die Studie von UCL und Cambridge verglich 82 fleischfressende Dinosaurierarten und fand: Je robuster Kopf und Kiefer waren, desto stärker waren die Vorderarme verkleinert.
  • Größe allein erklärt die kurzen Arme nicht, denn manche große Raubsaurier behielten lange Vorderarme – entscheidend war offenbar die jeweilige Jagdweise.

Übrigens: Schon bei früheren Raubdinosauriern entschied oft nicht der Kampf gegen erwachsene Riesen über das Überleben, sondern die Jagd auf deren Nachwuchs. Warum sich die Beute später veränderte – und was das mit den kurzen Armen des T-Rex zu tun hat, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Elekes Andor via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

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