EU schafft neuen Markt für CO₂-Entnahme – Firmen sollen daran verdienen

Die EU will einen Markt für CO₂-Entnahme schaffen: Firmen könnten jedes Jahr bis zu 86 Millionen Tonnen CO₂ aus der Luft holen und dafür Geld bekommen.

Europäische Energiebörse EEX in Leipzig

An der Energiebörse EEX in Leipzig versteigert die EU CO₂-Zertifikate – künftig könnte hier auch CO₂ aus der Luft zum Geschäft werden. © Wikimedia

Europa verändert gerade seinen Umgang mit CO₂. Bisher ging es vor allem darum, Emissionen zu senken. Doch ein Teil des Ausstoßes lässt sich technisch kaum vermeiden. Statt CO₂ nur zu reduzieren, soll es aktiv aus der Luft entfernt werden. Für Unternehmen bietet sich dadurch eine neue Chance: Wer CO₂ bindet, könnte künftig Geld verdienen. Klimaschutz wird damit nicht nur zur Pflicht, sondern auch zum Geschäftsmodell.

Das verändert die Klimapolitik. Statt nur den Ausstoß zu verteuern, entsteht ein Markt für CO₂-Entnahme. Unternehmen erhalten Zertifikate, wenn sie CO₂ aus der Atmosphäre holen. Diese können sie weiterverkaufen. Käufer sind Betriebe, die ihre Emissionen noch nicht vollständig vermeiden können. So entsteht ein Ausgleich im System. Außerdem gewinnen Firmen mehr Planungssicherheit.

EU-Markt für CO₂-Entnahme: Studie beziffert erstmals konkrete Mengen bis 2050

Die Grundlage liefert eine Modellstudie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Sie berechnet erstmals konkret, welche Mengen möglich sind. Demnach könnten Unternehmen bis 2050 jährlich zwischen 68 und 86 Millionen Tonnen CO₂ aus der Luft holen. Ein mittlerer Wert liegt bei etwa 60 Millionen Tonnen pro Jahr.

Diese Größenordnung entspricht ungefähr den Emissionen, die sich technisch kaum vermeiden lassen. Der neue Markt würde somit dort greifen, wo klassische Klimapolitik an Grenzen stößt.

CO₂-Preis und Kosten entscheiden über Investitionen

Der wichtigste Hebel bleibt der CO₂-Preis. Unternehmen zahlen heute oft zwischen 50 und 100 Euro pro Tonne. Für viele neue Technologien reicht das noch nicht.

Doch die Perspektive verändert die Lage. In den kommenden Jahren dürfte der Preis deutlich steigen. Laut Modell könnte er bis 2050 auf rund 400 Euro pro Tonne klettern. Die Kosten für neue Anlagen werden künftig sinken. Bei Technologien zur direkten CO₂-Filterung aus der Luft könnten die Investitionskosten deutlich zurückgehen. Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Rechnung:

  • Wird CO₂-Entnahme günstiger als Vermeidung, lohnt sich die Investition
  • Frühe Investoren sichern sich Marktanteile
  • Der Emissionshandel steuert die Entwicklung über den Preis

So entsteht ein System, das sich selbst reguliert.

CO₂-Entnahme kann Preise dämpfen und Planung sichern

Ein wichtiger Effekt betrifft die Stabilität der Preise. Wenn CO₂-Zertifikate knapp werden, steigen die Kosten für Unternehmen stark. Die CO₂-Entnahme wirkt hier wie ein Puffer. „Die Integration könnte Preisspitzen deutlich abmildern“, heißt es in der Untersuchung.

Langfristig stabilisieren sich die Preise sogar. Sobald CO₂-Entnahme wirtschaftlich wird, steigt das Angebot im Markt. Das verhindert extreme Ausschläge. Für Unternehmen bedeutet das mehr Planungssicherheit bei Investitionen.

Warum der Zeitdruck für die Industrie steigt

Im Emissionshandel ist der Ausstieg aus dem CO₂-Ausstoß bereits angelegt. Die Zahl der Zertifikate sinkt jedes Jahr weiter. Um 2039 sollen keine neuen mehr im Umlauf sein. Für viele Unternehmen wird es dann schwierig, verbleibende Emissionen auszugleichen.

Viele Firmen sehen das kritisch. Denn einige Emissionen lassen sich technisch nicht komplett vermeiden. Hier greift der neue Ansatz: Unternehmen könnten CO₂ aus der Luft entfernen und dafür Zertifikate erhalten. Diese gleichen verbleibende Emissionen aus. „Das Entnahme-Potenzial wäre ein starker Beitrag zur Umsetzung der EU-Klimaziele“, erklärt Studienleiter Darius Sultani. Und weiter:

Wir zeigen, wie es gehen könnte – und dass es sogar die Akzeptanz der Klimapolitik stärkt.

Diese Technologien stehen im Mittelpunkt

Zwei Verfahren gelten derzeit als besonders aussichtsreich:

  • Direct Air Capture (DAC): Anlagen filtern CO₂ direkt aus der Umgebungsluft und speichern es dauerhaft
  • Bioenergie mit CO₂-Abscheidung (BECCS): Biomasse wird genutzt, das entstehende CO₂ wird aufgefangen und gespeichert

Beide Technologien lassen sich ausbauen. Wie stark sie genutzt werden, hängt vor allem von Kosten und technischem Fortschritt ab.

Risiken bleiben – vor allem bei falschen Erwartungen

Der neue Markt bringt auch Risiken mit sich. Ein zentrales Problem liegt in falschen Annahmen über zukünftige Kosten. Wenn CO₂-Entnahme teurer bleibt als erwartet, könnten Unternehmen zu wenig in Emissionssenkung investieren. „Eine zu starke Abhängigkeit von künftigen Entnahmen kann Emissionsminderungen untergraben“, warnen die Autoren.

Auch Biomasse kann Probleme verursachen. Wird sie sehr billig, setzen Unternehmen stärker auf diese Methode und nutzen andere Technologien weniger. Der höhere Bedarf an Anbauflächen belastet zudem Natur und Umwelt.

Stufenplan soll den Einstieg kontrollieren

Um diese Risiken zu begrenzen, schlägt das Forschungsteam einen klaren Fahrplan vor. Die Integration soll schrittweise erfolgen. Geplant sind drei Phasen:

  • Aufbau von Standards für Messung und Kontrolle
  • Begrenzte Einführung in den Emissionshandel
  • Spätere vollständige Integration mit einheitlichem CO₂-Preis

So soll vermieden werden, dass der Markt zu schnell wächst, was auch dem Vertrauen bei Investoren zutrräglich ist. Die politische Entscheidung steht bereits an. Die EU-Kommission muss bis 2026 klären, ob und wie CO₂-Entnahme Teil des Emissionshandels wird. „Die Entscheidung, ob man die Entnahmen in den EU-Emissionshandel überführt, steht jetzt an“, sagt Co-Autor Michael Pahle. „Unsere Studie zeigt: Die Einwände dagegen lassen sich entkräften.“

Kurz zusammengefasst:

  • Die EU erweitert den Emissionshandel: Neben der Begrenzung von CO₂-Ausstoß sollen Unternehmen künftig auch für CO₂-Entnahme Zertifikate erhalten und diese handeln können.
  • Laut PIK-Studie könnten Firmen bis 2050 jährlich bis zu 86 Millionen Tonnen CO₂ aus der Luft entfernen und so verbleibende Emissionen ausgleichen.
  • Ein schrittweiser Ausbau bis etwa 2040 soll Risiken vermeiden, Investitionen planbar machen und gleichzeitig den CO₂-Preis stabilisieren.

Übrigens: Während die EU CO₂-Entnahme zum Markt machen will, bleibt oft unklar, wo Emissionen überhaupt entstehen – ein neues Satellitenprojekt soll das erstmals exakt messen. Laser aus dem All könnten künftig zeigen, ob Klimapolitik wirklich wirkt. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Dirk Bindmann via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

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