Studie zeigt: Schmerzen fühlen sich stärker an, wenn andere vorher warnen

Schon Hinweise anderer können verändern, wie intensiv Schmerz erlebt wird. Eine Studie zeigt, dass Erwartungen die Wahrnehmung von Schmerz und mentaler Anstrengung messbar beeinflussen.

Spritze nähert sich weiblichem Arm

Vor einer Behandlung entstehen oft Erwartungen durch Gespräche oder Erfahrungen anderer – sie können später das eigene Schmerzempfinden beeinflussen. © Pexels

Viele Menschen kennen die Situation. Vor einer Spritze erzählt jemand im Wartezimmer, wie sehr es wehgetan habe. Kurz darauf wirkt der eigene Stich plötzlich unangenehm stark. Hinter solchen Alltagserfahrungen steckt ein psychologischer Mechanismus. Erwartungen können beeinflussen, wie Menschen Schmerz oder Anstrengung wahrnehmen. Was andere über eine Erfahrung berichten, verändert häufig auch das eigene Empfinden. Wer hört, eine Situation sei besonders schmerzhaft oder belastend, erlebt sie oft tatsächlich intensiver.

Eine experimentelle Studie hat diesen Effekt nun genauer untersucht. Die Forscher wollten verstehen, warum soziale Informationen das Empfinden von Schmerz und mentaler Belastung verändern können. Dabei zeigte sich: Solche Einflüsse wirken nicht nur bei körperlichen Reizen, sondern auch bei anspruchsvollen Denkaufgaben. Gespräche im Freundeskreis, Erfahrungsberichte im Internet oder Kommentare in sozialen Netzwerken können schon vorab Erwartungen formen – und damit beeinflussen, wie stark Menschen eine Erfahrung später wahrnehmen.

Wissenschaftler untersuchen, wie Erwartungen Erfahrungen verändern

Die Studie entstand am Dartmouth College in den USA. Das Forschungsteam wollte verstehen, wie soziale Informationen das Empfinden von Schmerz und mentaler Anstrengung beeinflussen. Dazu wurde eine einfache, aber weitreichende Frage untersucht: Wie stark verändert sich eine Erfahrung, wenn Menschen vorher hören, dass andere sie als besonders belastend beschrieben haben?

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Erwartungen, die durch soziale Informationen entstehen, lange bestehen bleiben und beeinflussen können, wie wir etwas tatsächlich erleben“, erklärt der Psychologe Aryan Yazdanpanah den Grundgedanken.

Drei Experimente testen Schmerz, Beobachtung und Denkleistung

Für die Untersuchung entwickelten die Forscher ein experimentelles Studiendesign. Die Teilnehmer absolvierten drei unterschiedliche Aufgaben, die verschiedene Formen von Belastung simulierten. Jede Aufgabe begann mit sozialen Hinweisen. Auf einem Bildschirm erschienen mehrere Punkte. Sie sollten angeblich Bewertungen von zehn vorherigen Teilnehmern darstellen. Diese Bewertungen sollten zeigen, wie schmerzhaft oder anstrengend die Aufgabe gewesen sei.

In Wirklichkeit waren diese Angaben zufällig erzeugt. Sie hatten keinen Zusammenhang mit der tatsächlichen Intensität der Aufgabe. Die Teilnehmer wussten davon jedoch nichts.

Nach dieser Information sollten sie einschätzen, wie belastend sie die bevorstehende Aufgabe erwarteten. Erst danach begann der eigentliche Test.

Hitze auf dem Arm und schwierige Denkaufgaben

Die Studie umfasste drei verschiedene Versuchssituationen.

  • Direkter Schmerz: Eine Wärmequelle erzeugte Hitze auf dem Arm. Der Reiz war unangenehm, aber ungefährlich.
  • Beobachteter Schmerz: Teilnehmer sahen Videos von Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern.
  • Mentale Belastung: Die Teilnehmer mussten Bilder von dreidimensionalen Objekten im Kopf drehen und entscheiden, ob zwei Formen identisch waren.

Diese Aufgaben spiegeln typische Alltagserfahrungen wider. Menschen erleben körperlichen Schmerz, beobachten Schmerz bei anderen oder müssen sich geistig stark konzentrieren.

Erwartung verändert das tatsächliche Empfinden

Die Ergebnisse zeigten: Teilnehmer empfanden Schmerzen stärker, wenn sie zuvor glaubten, andere hätten die Erfahrung als besonders schmerzhaft bewertet. Dieser Effekt trat selbst dann auf, wenn der Hitzereiz relativ mild war.

Auch beim Beobachten von Schmerz zeigte sich derselbe Zusammenhang. Hatten Teilnehmer zuvor gehört, dass andere starke Schmerzen gesehen hätten, bewerteten sie die gezeigten Szenen ebenfalls intensiver.

Die gleiche Dynamik zeigte sich bei mentalen Aufgaben. Wurde eine Aufgabe zuvor als besonders schwierig beschrieben, empfanden viele Teilnehmer sie als anstrengender.

Zwei psychologische Mechanismen verursachen den Effekt

Die Forscher identifizierten zwei zentrale Prozesse, die hinter diesem Verhalten stehen. Der erste betrifft die Verarbeitung von Informationen. Menschen achten stärker auf Hinweise, die ihre Erwartungen bestätigen. „Menschen bevorzugen Hinweise, die ihre eigenen Überzeugungen bestätigen, und ignorieren eher Informationen, die nicht dazu passen“, beschreibt der Neurowissenschaftler Alireza Soltani den Mechanismus. Psychologen sprechen hier vom Bestätigungsfehler.

Der zweite Mechanismus betrifft die Wahrnehmung selbst. Erwartungen können das Empfinden eines Reizes verändern. Schmerz oder Anstrengung wirken dadurch intensiver.

Erwartungen können Schmerzen im Alltag verstärken

Die Studie liefert auch Hinweise darauf, warum manche Beschwerden länger bestehen bleiben. Ein Beispiel ist Rückenschmerz. Viele Betroffene erwarten, dass bestimmte Bewegungen Schmerzen auslösen. Diese Erwartung kann das tatsächliche Empfinden beeinflussen.

„Eine Person, die Rückenschmerzen erlebt hat, erwartet möglicherweise, dass Bücken wieder Schmerzen verursacht. Diese Erwartung kann das Schmerzempfinden erhöhen, selbst wenn die Bewegung eigentlich sicher ist“, erklärt Yazdanpanah.

Solche Erwartungen können verhindern, dass Menschen ihre Erfahrungen neu bewerten. „Die Dynamik, die wir beobachtet haben, kann selbstverstärkende Kreisläufe erzeugen. Sie beeinflussen viele Gesundheitszustände, etwa chronische Schmerzen oder Erschöpfung“, beschreibt der Neurowissenschaftler Tor Wager die Dynamik.

Menschen orientieren sich stark an den Erfahrungen anderer. Bewertungen, Kommentare und persönliche Berichte spielen dabei eine wichtige Rolle. Besonders deutlich wird dieser Einfluss in sozialen Netzwerken. Dort verbreiten sich Erfahrungsberichte schnell und erreichen viele Menschen. Diese Eindrücke sind sehr prägend und wirken oft weiter, lange bevor eine eigene Erfahrung überhaupt gemacht wird.

Kurz zusammengefasst:

  • Erwartungen können das Schmerzempfinden verändern: Wenn Menschen vorher hören, dass etwas besonders schmerzhaft oder anstrengend sein soll, empfinden sie dieselbe Erfahrung häufig tatsächlich intensiver.
  • Eine experimentelle Studie des Dartmouth College zeigte diesen Effekt in drei Situationen: bei direktem Schmerz durch Hitze, beim Beobachten von Schmerz bei anderen und bei schwierigen Denkaufgaben.
  • Der Grund liegt in zwei psychologischen Mechanismen: Erwartungen färben die Wahrnehmung, und ein Bestätigungsfehler führt dazu, dass Menschen Informationen stärker beachten, die ihre Erwartungen bestätigen.

Übrigens: Erwartungen können nicht nur beeinflussen, wie stark Schmerz empfunden wird – sie prägen auch, wie viel Mitgefühl wir anderen entgegenbringen. Eine Studie zeigt, dass Bauchschmerzen deutlich stärkere Empathie auslösen als sichtbare Verletzungen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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