100 Jahre Klimadaten zeigen: Dürren treffen selten mehrere Kontinente gleichzeitig
Temperaturschwankungen in den Ozeanen verschieben Regen zwischen Kontinenten. Dadurch treten große Dürren weltweit meist nicht zur gleichen Zeit auf.
Ausgedörrte Böden gehören in vielen Regionen zum Bild von Dürre. Klimadaten zeigen jedoch, dass solche Trockenphasen weltweit selten gleichzeitig auftreten. © Pexels
Ausbleibender Regen kann die weltweite Ernährung schnell unter Druck setzen. Viele der wichtigsten Grundnahrungsmittel wachsen in wenigen großen Agrarregionen. Wenn mehrere dieser Anbaugebiete gleichzeitig austrocknen, brechen Ernten ein. Weizen, Mais und Soja werden knapper. Lebensmittelpreise steigen. Lieferketten geraten ins Wanken.
Vor diesem Szenario warnen Klimaforscher seit Jahren. Schon einzelne Dürrejahre lassen Ernten einbrechen und Märkte reagieren nervös. Eine neue wissenschaftliche Analyse zeigt jedoch ein überraschendes Muster. Eine globale Dürre, bei der viele Kontinente gleichzeitig austrocknen, taucht in den Klimadaten kaum auf.
Klimadaten aus mehr als 100 Jahren liefern eine wichtige Erkenntnis
Die Untersuchung wertete Klimadaten aus den Jahren 1901 bis 2020 aus. Damit umfasst die Analyse mehr als ein Jahrhundert globaler Beobachtungen. Forscher untersuchten, wann Trockenperioden gleichzeitig in verschiedenen Regionen der Erde beginnen.
An der Studie arbeitete ein internationales Team unter Leitung des Indian Institute of Technology Gandhinagar. Beteiligt waren auch Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Ziel war es, zu verstehen, ob sich Dürren weltweit synchron entwickeln oder eher regional bleiben.
Forscher betrachten Dürren als globales Netzwerk
Die Wissenschaftler wählten dafür einen ungewöhnlichen Ansatz. „Wir behandelten den Beginn von Dürren wie Ereignisse in einem globalen Netzwerk“, beschreibt Studienleiter Udit Bhatia das Vorgehen. Das bedeutet: Wenn zwei weit entfernte Regionen innerhalb kurzer Zeit trocken wurden, werteten die Forscher das als Verbindung im System.
Auf diese Weise konnten sie sichtbar machen, wie sich Dürreereignisse über den Planeten verteilen.
Eine globale Dürre tritt kaum gleichzeitig auf
Die Ergebnisse überraschten viele Experten. In den analysierten Daten sind zur gleichen Zeit meist nur 1,8 bis 6,5 Prozent der weltweiten Landfläche von Trockenheit betroffen.
Frühere Annahmen gingen von deutlich größeren Flächen aus. Einige Modelle vermuteten, dass bis zu ein Sechstel der Erde gleichzeitig unter Dürre leiden könnte. Die neuen Zahlen zeigen ein anderes Bild: Dürren treten häufig auf, doch sie bleiben meist regional begrenzt.
Bestimmte Regionen wirken als Dürre-Zentren
Die Analyse identifizierte mehrere Regionen, in denen Trockenperioden besonders häufig beginnen. Forscher sprechen von sogenannten Dürre-Hubs.
Zu diesen Regionen gehören vor allem:
- Australien
- Südamerika
- das südliche Afrika
- Teile Nordamerikas
Von dort aus können sich Trockenphasen auf angrenzende Gebiete ausbreiten. Gleichzeitig bleiben andere Kontinente oft von Dürre verschont.
Ozeane steuern Niederschlag rund um den Globus
Der wichtigste Einflussfaktor liegt im Meer. Veränderungen der Meeresoberflächentemperaturen beeinflussen Luftströmungen und Niederschläge weltweit.
Wenn sich bestimmte Ozeanregionen erwärmen oder abkühlen, verschieben sich Regenzonen zwischen Kontinenten. In einer Region fällt weniger Niederschlag, während eine andere gleichzeitig mehr Regen erhält.
„Diese durch Ozeane gesteuerten Schwankungen erzeugen ein Mosaik regionaler Reaktionen“, erklärt Klimaforscher Danish Mansoor Tantary.
El Niño verändert Wetter auf mehreren Kontinenten
Eine zentrale Rolle spielt der Klimazyklus El Niño–Southern Oscillation (ENSO) im pazifischen Ozean. Dabei schwankt die Temperatur des Oberflächenwassers im tropischen Pazifik über mehrere Jahre hinweg. In manchen Phasen erwärmt sich das Wasser ungewöhnlich stark, in anderen kühlt es ab. Diese Veränderungen verschieben Luftströmungen und Niederschläge rund um den Globus.
Während einer El-Niño-Phase wird es in einigen Regionen trockener. Australien gehört häufig dazu. Gleichzeitig können andere Gebiete mehr Niederschläge erhalten.
In der Gegenphase La Niña verschieben sich diese Muster erneut. Trockenheit und Regen wandern gewissermaßen zwischen Kontinenten.
Landwirtschaft reagiert empfindlich auf moderate Dürre
Die Forscher untersuchten auch, wie sich Trockenperioden auf landwirtschaftliche Erträge auswirken. Dafür verglichen sie Klimadaten mit historischen Ernten wichtiger Nutzpflanzen.
Analysiert wurden unter anderem:
- Weizen
- Reis
- Mais
- Sojabohnen
Schon moderate Trockenheit erhöht das Risiko für Ernteausfälle deutlich. In vielen großen Agrarregionen steigt die Wahrscheinlichkeit auf mehr als 25 Prozent. Besonders empfindlich reagieren wichtige Anbaugebiete für Mais und Soja.
In Regionen wie dem US-Corn Belt, Teilen Brasiliens und Argentiniens oder in Südchina kann das Risiko bei Trockenheit sogar auf 40 bis 50 Prozent steigen. Schon eine einzelne Dürreperiode kann dort große Teile der Ernte gefährden. Da diese Regionen zu den wichtigsten Produzenten von Mais, Soja, Weizen oder Reis gehören, wirken sich solche Ausfälle oft schnell auf den Weltmarkt aus.
Zwei Faktoren bestimmen die Stärke einer Dürre
Neben Niederschlag spielt auch die Temperatur eine wichtige Rolle. Steigende Wärme erhöht die Verdunstung und entzieht Böden zusätzliche Feuchtigkeit.
Die Analyse zeigt eine klare Verteilung der Ursachen:
- Rund zwei Drittel der langfristigen Veränderungen hängen mit Niederschlag zusammen.
- Etwa ein Drittel entsteht durch steigende Temperaturen und stärkere Verdunstung.
„Niederschlag bleibt global der wichtigste Treiber von Dürren“, erklärt der Klimaforscher Rohini Kumar.
Warum Handel globale Dürre-Folgen abfedern kann
Wenn Dürren nicht überall gleichzeitig auftreten, kann die Landwirtschaft weltweit teilweise gegensteuern. Fällt die Ernte in einer Region schlecht aus, liefern andere Anbaugebiete oft weiterhin Getreide oder Soja auf den Weltmarkt.
So entsteht ein natürlicher Ausgleich. Regionen mit normalen oder guten Ernten können Länder versorgen, die gerade unter Trockenheit leiden. Der internationale Handel hilft dadurch, Versorgungslücken zu überbrücken und extreme Preissprünge zu dämpfen.
Für Klimaforscher Vimal Mishra zeigt sich darin eine wichtige Lehre: „Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von internationalem Handel, Lagerhaltung und flexibler Politik.“
Kurz zusammengefasst:
- Klimadaten von 1901 bis 2020 zeigen, dass Dürren weltweit kaum gleichzeitig auftreten: Meist sind nur 1,8 bis 6,5 Prozent der Landfläche zur selben Zeit betroffen.
- Ozeantemperaturen und Klimazyklen wie El Niño und La Niña verschieben Regenmuster zwischen Kontinenten und verhindern so, dass sich Trockenheit zu einer weltweiten Krise ausbreitet.
- Für die Ernährungssicherheit ist das entscheidend: Weil Dürren meist regional bleiben, können Ernten und globale Handelsstrukturen Ausfälle in anderen Regionen teilweise ausgleichen.
Übrigens: Während Ozeane laut neuer Forschung oft verhindern, dass sich Trockenheit weltweit gleichzeitig ausbreitet, gerät ein besonders wichtiger Wald der Erde immer stärker unter Druck. Im Amazonas zeigt sich, wie eine gefährliche Kombination aus Hitze und Dürre ganze Baumgruppen absterben lassen kann – mehr dazu in unserem Artikel.
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