Helion knackt 150 Millionen Grad: Privatfirma erreicht Meilenstein bei der Kernfusion
US-Firma erhitzt Plasma auf 150 Mio. Grad und meldet erstmals eine messbare Deuterium-Tritium-Fusion in privater Anlage – ein großer Schritt in Richtung Fusionsstrom.
„Polaris“ ist die erste privat finanzierte Fusionsanlage, die mit Deuterium-Tritium-Brennstoff betrieben wurde – und erreichte dabei einen Rekordwert von 150 Millionen Grad Celsius im Plasma. © Helion
Weltweit steigt der Energiebedarf, zugleich wächst der Druck, Strom klimafreundlicher und günstiger zu erzeugen. In dieser Lage sorgt das US-Unternehmen Helion mit seiner Kernfusion für Aufmerksamkeit: In einer privat finanzierten Anlage wurde ein extrem heißes Plasma auf 150 Millionen Grad Celsius erhitzt – verbunden mit erstmals messbaren Deuterium-Tritium-Reaktionen.
Die 150 Millionen Grad Celsius wurden im jüngsten Testlauf des Prototyps „Polaris“ erreicht. Damit liegt die Anlage deutlich über der in der Fachwelt wichtigen Marke von 100 Millionen Grad, die als Voraussetzung für technisch relevante Fusionskraftwerke gilt. Externe Experten prüften die Diagnosedaten und bestätigten sowohl die außergewöhnlich hohen Plasmatemperaturen als auch Hinweise auf Deuterium-Tritium-Reaktionen.
150 Millionen Grad: Warum diese Zahl für die Kernfusion entscheidend ist
150 Millionen Grad entsprechen rund 13 Kiloelektronenvolt – eine zentrale Größe in der Fusionsphysik. Zum Vergleich: Als technisch relevante Schwelle gelten etwa 100 Millionen Grad. Diese Marke hatte das Unternehmen bereits mit dem Vorgänger „Trenta“ erreicht. Mit „Polaris“ liegt die Temperatur nun deutlich darüber.
Ryan McBride, Experte für Plasma- und Pulsleistungstechnik, sagt nach Sichtung der Daten: „Es ist spannend zu sehen, dass Hinweise auf Deuterium-Tritium-Fusion und Temperaturen von über 13 keV oder 150 Millionen Grad Celsius vorliegen.“ Deuterium-Tritium-Reaktionen liefern besonders viel Energie. Deshalb setzen auch große staatliche Programme auf diesen Brennstoff.
Trotzdem entscheidet nicht allein die Temperatur über den Erfolg. Für ein Kraftwerk zählen vor allem stabile Abläufe, eine positive Energiebilanz und wirtschaftlicher Dauerbetrieb.
Sieben Anlagen ebnen systematisch den Weg
Seit der Gründung entstanden sieben Prototypen. Jede Anlage sollte schneller entwickelt und erprobt werden als die vorherige. „Wir glauben, dass der sicherste Weg zur Kommerzialisierung der Fusion darin besteht, so schnell wie möglich zu bauen, zu lernen und weiterzuentwickeln“, beschreibt Firmenchef David Kirtley sein Ziel.
„Polaris“ läuft seit Ende 2024. Im Januar 2026 kam erstmals Deuterium-Tritium-Brennstoff in einer privat finanzierten Anlage zum Einsatz. Tritium ist radioaktiv und unterliegt strengen Auflagen. Das Unternehmen erhielt als erstes privates Fusionsprojekt die entsprechende Genehmigung.
Jean Paul Allain vom US-Energieministerium ordnet die Entwicklung ein: „Unsere Fähigkeit, Fusion ans Netz zu bringen, erfordert Ansätze, die schnelle Entwicklungszyklen ermöglichen. Diese Ergebnisse spiegeln die wachsende Leistungsfähigkeit des US-Fusionsökosystems wider.“
Vom Experiment zur Stromproduktion
Auf die Testanlage soll eine kommerzielle Maschine folgen. Im Juli 2025 begann im Bundesstaat Washington der Bau der Anlage „Orion“. Sie soll Strom ins öffentliche Netz liefern. Als Abnehmer ist Microsoft vorgesehen.
Langfristig plant das Unternehmen den Einsatz von Deuterium-Helium-3. Dafür müssen Temperatur, Stabilität und Energieausbeute weiter steigen. Zudem muss die Anlage dauerhaft mehr Energie erzeugen, als sie verbraucht.
Alan Hoffman, seit Jahrzehnten in der Fusionsforschung aktiv, sagt: „Ich sehe weiterhin, wie sich die Technologie skaliert und wie die Energierückgewinnung dieses Konzept für den kommerziellen Maßstab ermöglicht.“
Deutschland setzt auf Forschung und erste Demonstratoren
Auch hierzulande gewinnt die Fusionsstrategie an Tempo. In Greifswald betreibt das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik mit „Wendelstein 7-X“ einen der weltweit führenden Stellarator-Versuchsreaktoren. Dort gelingen stabile Plasmen und lange Entladungszeiten – wichtige Voraussetzungen für spätere Dauerläufe.
Parallel wächst eine private Szene. Start-ups wie Proxima Fusion und Marvel Fusion entwickeln eigene Reaktorkonzepte und haben dafür Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe eingesammelt. Ziel sind Demonstrationsanlagen in den 2030er-Jahren.
Die Bundesregierung will diesen Kurs mit einem Fusionsaktionsplan unterstützen. Mehr als zwei Milliarden Euro sollen bis 2029 in Forschung, Infrastruktur und Industriekooperationen fließen. Ein Reaktor, der bereits Strom ins Netz einspeist, existiert jedoch noch nicht. Ein breiter Einsatz von Fusionskraftwerken gilt nach Einschätzung vieler Experten erst in den 2040er-Jahren oder später als realistisch.
Kurz zusammengefasst:
- Helion erreichte in seinem Prototyp „Polaris“ 150 Millionen Grad Celsius und wies erstmals in einer privat finanzierten Anlage messbare Deuterium-Tritium-Kernfusion nach – deutlich über der technischen Richtmarke von 100 Millionen Grad.
- Hohe Temperaturen allein reichen nicht: Für ein Kraftwerk zählen vor allem stabile Abläufe, ein Netto-Energiegewinn und wirtschaftlicher Dauerbetrieb; eine kommerzielle Anlage („Orion“) ist im Bau, Strom für das Netz steht jedoch noch aus.
- Deutschland forscht mit „Wendelstein 7-X“ an der Spitze mit und investiert über zwei Milliarden Euro bis 2029, doch ein breiter Einsatz von Fusionskraftwerken gilt nach heutigem Stand frühestens in den 2040er-Jahren als realistisch.
Übrigens: Während Helion mit 150 Millionen Grad an der Kernfusion arbeitet, zeigt eine Stanford-Studie, wie konstante Erdwärme schon heute Stromnetze stabilisieren und Kosten um bis zu 60 Prozent senken könnte. Warum tiefe Geothermie Fläche spart, Speicher reduziert und selbst Rechenzentren verlässlich versorgt, lesen Sie in unserem Artikel.
Bild: © Helion
