Moore müssen nicht geflutet werden, um dem Klima am meisten zu helfen
Wiedervernässte Moore schützen das Klima nicht automatisch: Studien zeigen, dass eine unkontrollierte Flutung das Gegenteil bewirken kann.
Die Erkenntnisse basieren auf Messungen und Modellierungen in Maglemosen, einem Feuchtgebiet 20 Kilometer nördlich von Kopenhagen, das seit mehr als 100 Jahren ungestört ist. © Bo Elberling/University of Copenhagen
Moore gelten als Hoffnungsträger im Klimaschutz. Sie speichern enorme Mengen Kohlenstoff und sollen durch Wiedervernässung weitere Emissionen verhindern. Doch neue Langzeitdaten stellen dieses Prinzip infrage. Eine Studie der Universität Kopenhagen zeigt: Entscheidend ist nicht, ob ein Moor geflutet wird, sondern wie stabil der Wasserstand bleibt. Liegt er wenige Zentimeter unter der Oberfläche, sinken die Gesamtemissionen deutlich. Vollständige Überflutung kann dagegen das Klimagas Methan freisetzen – mit Folgen, die den erhofften Nutzen schmälern.
Untersucht wurde das Moor Maglemosen, rund 20 Kilometer nördlich von Kopenhagen. Das seit mehr als 100 Jahren weitgehend ungestörte Gebiet gilt als repräsentativ für nordeuropäische Torfmoore. Dort erfasste ein Forschungsteam über Jahre hinweg kontinuierlich Methan- und CO₂-Flüsse. Ergänzend wurden Wasserstand, Vegetation sowie Boden- und Lufttemperaturen gemessen. Auf dieser Basis modellierten die Forschenden die Emissionsentwicklung für unterschiedliche Wasserstände im Zeitraum von 2007 bis 2023.
Moore zu vernässen hilft beim Klimaschutz nicht automatisch
Moore bedecken nur einen kleinen Teil der Landfläche, speichern aber enorme Mengen organischen Kohlenstoffs. Werden sie entwässert, gelangt dieser Kohlenstoff als Kohlendioxid in die Atmosphäre. Deshalb gelten trockengelegte Moore als bedeutende Emissionsquelle, vor allem in landwirtschaftlich genutzten Regionen.
Die politische Antwort lautet vielerorts: wiedervernässen und fluten. Doch genau hier liegt das Problem. Wird ein Moor dauerhaft überflutet, verändern sich die Bedingungen im Boden grundlegend. Sauerstoff verschwindet aus den oberen Schichten, während Mikroorganismen aktiv werden, die Methan produzieren. Dieses Gas wirkt über 100 Jahre gerechnet rund 30-mal stärker als Kohlendioxid.
Mikroorganismen entscheiden über die Klimawirkung
Im Moorboden arbeiten Milliarden Mikroorganismen. Einige erzeugen Methan tief im sehr nassen Torf. Andere bauen dieses Methan wieder ab, bevor es in die Atmosphäre entweicht. Dieser Abbau funktioniert jedoch nur, wenn Sauerstoff vorhanden ist.
Liegt der Wasserstand knapp unter der Oberfläche, bleibt der obere Bodenbereich belüftet. Dort können methanabbauende Bakterien einen Teil des Gases in Kohlendioxid umwandeln. Das senkt die Klimawirkung deutlich. Wird die Oberfläche hingegen überflutet, bricht dieser natürliche Filter weg.
Der günstigste Wasserstand liegt unter der Oberfläche
Das Ergebnis fällt überraschend eindeutig aus. Der klimafreundlichste Zustand lag im Mittel bei einem Wasserstand von etwa zehn Zentimetern unter der Bodenoberfläche. In diesem Bereich hielten sich Methan- und Kohlendioxid-Emissionen insgesamt am niedrigsten.
„Auf Basis unserer Daten sehen wir, dass ein stabiler Wasserstand knapp unter der Oberfläche die beste Gesamtbilanz liefert“, sagt Studienleiter Bo Elberling. Je nach Moor könne dieser Wert variieren, meist zwischen fünf und 20 Zentimetern. Entscheidend bleibe jedoch die Stabilität.
Technik wird zum Schlüssel für den Klimanutzen
Diese Erkenntnis verändert den Blick auf die Wiedervernässung grundlegend. Ein Moor einmal zu fluten und sich selbst zu überlassen, reicht nicht aus. Trockenperioden oder Starkregen lassen den Wasserstand stark schwanken. Genau das treibt Methan- und Lachgasemissionen nach oben.
Für einen echten Klimanutzen braucht es aktive Steuerung:
- gezielte Zu- und Abfuhr von Wasser
- dauerhafte Kontrolle des Wasserstands
- technische Infrastruktur wie Wehre und Pumpen
Elberling verweist auf die Niederlande, wo stabile Wasserstände seit Jahrzehnten technisch gesichert werden.
Pflanzen beeinflussen den Gasausstoß
Neben dem Wasserstand spielt auch die Vegetation eine wichtige Rolle. In Maglemosen dominiert Rohrglanzgras. Diese Pflanze transportiert Gase aus dem Boden über ihre Halme direkt in die Luft. Rund 80 Prozent des Methans entweicht dort über die Pflanzen.
Solche Arten könnten in neu angelegten Feuchtgebieten häufiger werden. Das erhöht den Methanausstoß, wenn der Wasserstand zu hoch liegt. Zusätzlich rückt ein weiteres Treibhausgas in den Fokus: Lachgas. Es entsteht vor allem dann, wenn Böden abwechselnd nass und sauerstoffreich sind. Solche Bedingungen treten bei stark schwankenden Wasserständen auf. Lachgas wirkt über 100 Jahre rund 300-mal stärker als Kohlendioxid und kann den Klimanutzen wiedervernässter Moore deutlich mindern.
Kurz zusammengefasst:
- Moore sind für den Klimaschutz nur dann hilfreich, wenn der Wasserstand stabil knapp unter der Oberfläche bleibt, denn vollständiges Fluten fördert die Freisetzung von Methan und Lachgas, die deutlich klimaschädlicher sind als CO₂.
- Entscheidend sind Mikroorganismen im Boden, die Methan nur abbauen können, wenn Sauerstoff vorhanden ist – das gelingt bei leicht abgesenktem, nicht bei überflutetem Wasserstand.
- Langzeitdaten aus einem dänischen Moor zeigen, dass gezielte Steuerung des Wasserstands technisch notwendig ist, damit Wiedervernässung tatsächlich Klimaschutz bringt und nicht ins Gegenteil umschlägt.
Übrigens: Entwässerte Moore verursachen deutlich höhere CO₂-Emissionen als bisher berechnet. Neue Analysen zeigen überraschend große Hotspots in Europa, viele davon in Deutschland. Weshalb diese Emissionsquellen lange unterschätzt wurden und welche Folgen das für die Klimaziele hat, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Bo Elberling/University of Copenhagen
