Münchner Firma plant Europas erstes Krebsforschungslabor im All
In Davos kündigt ein Münchner Unternehmen Europas Krebsforschungslabor im All an, um Tumore in Schwerelosigkeit realistischer zu untersuchen.
Die Internationale Raumstation zieht im Sonnenaufgang über die Erde – in dieser Umgebung ohne Schwerkraft sollen künftig Krebszellen unter realistischeren Bedingungen wachsen und untersucht werden. © NASA
Krebsmedikamente sind teuer, doch viele Wirkstoffe scheitern, bevor sie Patienten erreichen. Ein Grund liegt früh im Entwicklungsprozess. Im Labor werden Zellen isoliert untersucht. Wie sich ein Tumor im Körper entwickelt und auf Medikamente reagiert, bleibt dabei oft außen vor. Ergebnisse wirken zunächst überzeugend, lassen sich später aber nicht bestätigen. Beim Weltwirtschaftstreffen in Davos wurde nun ein neuer Ansatz vorgestellt, der dieses Problem lösen soll.
Dort kündigte das Münchner Unternehmen SPARK Microgravity an, Europas erstes kommerzielles Krebsforschungslabor in der Erdumlaufbahn aufzubauen. Präsentiert wurde das Projekt im Rahmen einer Veranstaltung von Frontiers, einem internationalen Wissenschaftsverlag. Gemeinsam mit europäischen Raumfahrt- und Logistikpartnern sollen Experimente in Schwerelosigkeit systematisch für die Entwicklung neuer Krebsmedikamente genutzt werden.
Warum Schwerkraft die Krebsforschung verzerrt
In irdischen Laboren wirkt die Schwerkraft ständig mit. Zellen sinken ab, Flüssigkeiten geraten in Bewegung, Wirkstoffe verteilen sich ungleichmäßig. Das beeinflusst, wie Krebszellen wachsen und wie sie Signale austauschen. Was im Reagenzglas stabil wirkt, verhält sich dadurch anders als im menschlichen Körper.
In der Schwerelosigkeit fallen diese Störeinflüsse weg. Zellen bleiben gleichmäßig verteilt, Flüssigkeiten bewegen sich kontrollierter. Dadurch lassen sich biologische Prozesse klarer beobachten – Experimente, die auf der Erde nur eingeschränkt möglich sind.
Krebsforschung im All schafft realistischere Modelle
Ein zentraler Vorteil liegt in dreidimensionalen Tumormodellen. Im All wachsen Krebszellen nicht als flache Schicht, sondern formen kompakte Strukturen. Diese ähneln stärker dem Gewebe im Körper. Auch Immunzellen reagieren anders, wenn sie nicht durch Schwerkraft aus ihrer natürlichen Umgebung gedrängt werden.
Beobachtet wird zudem ein Effekt bei Antikörpern, die in vielen modernen Therapien eine Rolle spielen. In Schwerelosigkeit kristallisieren sie gleichmäßiger. Das ist relevant für die Herstellung hochkonzentrierter Medikamente, die sich besser injizieren lassen.
Ein anschaulicher Vergleich aus Davos
Allison Bajet, Mitgründerin und Geschäftsführerin von SPARK Microgravity, erklärte den Unterschied mit einem Vergleich: „Simulierte Schwerelosigkeit ist, als würde man ein Konzert neben einer Baustelle hören. Die Geräusche überlagern die Musik. Echte Schwerelosigkeit ist wie ein schallisolierter Raum. Plötzlich ist jedes Detail hörbar.“
Diese Beschreibung lässt sich auch wissenschaftlich untermauern. Studien und internationale Forschungsprogramme wie die „Tissue Chips“-Experimente der NASA im All zeigen, dass Mikrogravitation biologische Effekte sichtbar machen kann, die unter irdischen Bedingungen verborgen bleiben. Sie ersetzt Forschung auf der Erde nicht, erweitert sie jedoch um eine zusätzliche Prüfumgebung.
Europäische Partner und Rückkehr zur Erde
Das geplante Orbital-Labor soll auf kommerziellen Raumstationen in niedriger Erdumlaufbahn betrieben werden. SPARK Microgravity arbeitet dafür mit Axiom Space und Voyager Technologies zusammen, die Forschungsplattformen für den Betrieb im All bereitstellen.
Für den Rücktransport biologischer Proben setzt das Unternehmen auf ATMOS Space Cargo. Die Rückführung gilt als entscheidend, da empfindliche Proben schnell und unbeschädigt zur Erde zurückkehren müssen, um sie mit etablierten Analyseverfahren auszuwerten.
Geplant sind zunächst Testflüge, um Technik und Abläufe unter realen Bedingungen zu prüfen. In einem zweiten Schritt sollen komplexere Krebsmodelle folgen. Kurze Missionszyklen sollen ermöglichen, Ergebnisse zügig auszuwerten und neue Experimente zeitnah anzuschließen.
Wachsende Kosten zwingen zu neuen Forschungswegen
Hinter dem Projekt steht auch ein wirtschaftlicher Druck, den die Branche seit Jahren kennt. Nach Schätzungen lagen die weltweiten Ausgaben für Krebsmedikamente 2024 bei rund 252 Milliarden Dollar. Bis 2029 könnten sie auf über 400 Milliarden Dollar steigen. Gleichzeitig verschlingen die Entwicklung und klinische Prüfung eines einzelnen Wirkstoffs häufig hohe Milliardenbeträge, bei weiterhin niedrigen Erfolgsquoten in späten Studienphasen.
Schwerelosigkeit verspricht hier einen Effizienzgewinn. Schwache Kandidaten lassen sich früher aussortieren. Erfolgreiche Ansätze können gezielter weiterentwickelt werden.
Kurz zusammengefasst:
- Ein Münchner Unternehmen plant Europas erstes Krebsforschungslabor im All, um Tumore in Schwerelosigkeit zu untersuchen, wo Schwerkraft Zellwachstum, Signalwege und Wirkstoffverteilung nicht verzerrt.
- Der Kern des Ansatzes: Ohne Sedimentation und Auftrieb entstehen realistischere dreidimensionale Tumormodelle, Immunzellen verhalten sich natürlicher und Antikörper kristallisieren gleichmäßiger – Schwächen von Medikamenten werden früher sichtbar.
- Für die Entwicklung neuer Therapien bedeutet das: Frühere Hinweise auf Wirksamkeit und Risiken, bessere Entscheidungsgrundlagen und die Chance, kostspielige Fehlschläge bereits vor klinischen Studien zu vermeiden.
Übrigens: Während im All an neuen Anwendungen geforscht wird, warnen Forscher vor einem kaum beachteten Risiko: Laser, die Solarstrom aus dem Orbit zur Erde senden sollen, könnten bei Fehlsteuerung Satelliten beschädigen. Wie groß die Gefahr im immer dichter belegten Erdorbit ist – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © NASA
