Bauschutt-Problem in Deutschland: Diese KI soll 20 Prozent mehr retten
Deutschland produziert 86 Millionen Tonnen Bauschutt pro Jahr. Eine KI soll das Recycling um 20 Prozent steigern.
Ein Abrissbagger zerlegt ein Gebäude: Sensoren und KI sollen künftig schon beim Abbruch erkennen, wie viel Material sich hochwertig recyceln lässt. © Unsplash
Jedes Jahr fallen in Deutschland rund 86 Millionen Tonnen Bauschutt an. Ein großer Teil gilt offiziell als recycelt. Dennoch gehen erhebliche Mengen verwertbaren Materials verloren. Ursache ist weniger fehlender Wille als Unsicherheit über die Qualität. Schwankt sie, greifen Bauunternehmen lieber zu neuem Beton – mit Folgen für Kosten, Ressourcenverbrauch und das Klima.
Beim Bauschutt-Recycling erweist sich deshalb nicht die Technik als Engpass, sondern die Kontrolle. Ein System aus Tübingen überprüft Abbruchmaterial bereits während der laufenden Aufbereitung. Optische Sensoren erfassen den Materialstrom direkt am Förderband, eine KI bewertet Reinheit und Zusammensetzung in Echtzeit. Stichproben entfallen, Abweichungen werden sofort sichtbar. So bleibt mehr verwertbares Material im Kreislauf, der Bedarf an neu produziertem Beton sinkt.
Warum schwankende Qualität Recycling ausbremst
In vielen Recyclinganlagen stützt sich die Sortierung noch auf Erfahrung. Mitarbeitende prüfen per Sichtkontrolle, Laboranalysen erfolgen meist nur stichprobenartig. Doch Bauschutt ist kein einheitlicher Rohstoff. Zusammensetzung und Reinheit variieren stark – abhängig von Baualter, Nutzung und Abrissverfahren. Schon geringe Abweichungen können später technische Probleme verursachen.
Für Betonhersteller bedeutet das Unsicherheit. Sie müssen sich auf gleichbleibende Eigenschaften verlassen können. Fehlt dieser Nachweis, fällt die Entscheidung häufig zugunsten von Neuware aus. Verwertbare Gesteinskörnungen landen auf Deponien, obwohl Recyclingkapazitäten vorhanden sind. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Zement. Das ist klimapolitisch relevant: Laut WWF entstehen rund acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen durch die Zementherstellung.
Wie Sensoren und KI den Prozess verändern
Das Tübinger Start-up Optocycle entwickelt eine Lösung, die den Materialfluss lückenlos überwacht. Optische Sensoren erfassen Art und Reinheit des Schutts. Eine KI ordnet die Körnungen in Echtzeit ein und erkennt Verunreinigungen sofort. Abweichungen lassen sich direkt berücksichtigen, statt erst nach Abschluss der Aufbereitung.
„Aktuell basiert in der Branche der Aufbereitungsprozess von Bauschutt meist auf subjektiven Schätzungen“, beschreibt Optocycle-Mitgründer Max-Frederick Gerken die Ausgangslage. Mit der neuen Technik werde „ein Echtzeitmonitoring von Recycling-Gesteinskörnungen möglich“. Ziel ist, mehr Material sicher in die Betonproduktion zurückzuführen.
Mehr im Kreislauf, weniger auf der Deponie
Interne Berechnungen gehen von einer Steigerung hochwertiger Recycling-Zuschläge um rund 20 Prozent aus. Gleichzeitig sollen bis zu 15 Prozent weniger Reststoffe auf Deponien landen. Grundlage ist die durchgehende Kontrolle von Eingangsmaterial und Endprodukt.
Industriepartner ist die Heinrich Feeß GmbH, ein erfahrener Akteur im Baustoffrecycling. Die Zusammenarbeit soll sicherstellen, dass das System unter realen Bedingungen funktioniert und sich skalieren lässt.
Nachrüsten statt umbauen
Ein Vorteil liegt in der Integration. Die Technik wird oberhalb bestehender Förderbänder installiert. Aufwendige Umbauten entfallen. Das senkt Kosten und verkürzt die Einführung. Für mittelständische Betriebe ist das entscheidend, denn wirtschaftliche Machbarkeit bestimmt den Erfolg von Kreislaufmodellen.
Die Entwicklung wird mit rund 170.000 Euro von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert. DBU-Generalsekretär Alexander Bonde erklärt, dass Nachhaltigkeit im Bauwesen nicht beim Neubau endet. „Die Errichtung neuer Gebäude folgt bereits klaren Vorgaben für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit. Gleiches muss künftig auch nach dem Abriss von Häusern und Bauwerken beachtet werden“, sagt er.
Was sich für das Bauen ändert
Wird Qualität dauerhaft nachweisbar, verändert sich der Umgang mit Abbruchmaterial grundlegend. Bauschutt verliert den Ruf des unsicheren Reststoffs und wird zum planbaren Rohstoff. Dokumentation und Rückverfolgbarkeit stärken das Vertrauen entlang der Lieferkette. Das erhöht die Bereitschaft, Recyclingbeton einzusetzen.
Damit verschiebt sich beim Recycling von Bauschutt der Blick von der reinen Menge hin zur verlässlichen Qualität. Digitalisierung wird zur praktischen Voraussetzung für klimafreundlicheres Bauen.
Kurz zusammengefasst:
- In Deutschland fallen jährlich rund 86 Millionen Tonnen Bauschutt an, doch viel verwertbares Material geht verloren, weil Bauunternehmen der gleichbleibenden Qualität von Recyclingmaterial misstrauen.
- Ein KI-gestütztes System aus Tübingen überprüft Bauschutt direkt während der Aufbereitung mit Sensoren und Echtzeitanalyse und macht die Materialqualität erstmals durchgängig sichtbar.
- Die Technik könnte den Anteil hochwertig recycelter Baustoffe um etwa 20 Prozent erhöhen, Deponieabfälle senken und so Ressourcen, Kosten und CO₂-Emissionen im Bauwesen spürbar reduzieren.
Übrigens: Während eine Tübinger KI hilft, mehr Bauschutt hochwertig zu recyceln, arbeiten Forscher in Stuttgart an einem ganz neuen Ansatz: Biobeton aus Abwasser, der erstmals tragfähig wird und Beton klimafreundlicher macht. Mehr dazu in unserem Artikel.
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