Immer mehr Rentner arbeiten weiter – warum das den Fachkräftemangel kaum löst

Viele Rentner gehen auch im Ruhestand einer Beschäftigung nach. Ein neuer Bericht zeigt, warum sie meist nur wenige Stunden arbeiten und kaum Fachkräfte ersetzen.

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Immer mehr Menschen arbeiten auch nach dem Renteneintritt weiter, häufig aus finanziellen Gründen. © Freepik

Wer in den Ruhestand geht, beendet die Erwerbsarbeit oft nicht vollständig. In Deutschland steigt seit Jahren die Zahl der Menschen, die auch nach dem offiziellen Rentenbeginn weiterarbeiten. Diese Entwicklung betrifft längst nicht nur einzelne Lebensläufe. Sie verändert den Arbeitsmarkt spürbar.

Politik und Unternehmen hoffen, ältere Beschäftigte länger im Job zu halten, um den Fachkräftemangel abzufedern. Viele Babyboomer gehen jetzt in Rente. Deshalb stellt sich die Frage, wie viele von ihnen weiterarbeiten. Programme wie die Aktiv-Rente sollen das erleichtern. Neue Zahlen zeigen jedoch, wie begrenzt dieser Effekt ist.

Arbeiten im Rentenalter steigt stark

Der Altersübergangs-Report des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen, entstanden in Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung, zeigt einen klaren Trend. Die Erwerbstätigenquote der 65- bis 69-Jährigen stieg innerhalb von zehn Jahren von rund 13 auf etwa 20 Prozent. Das entspricht ungefähr einer Million Menschen.

Viele von ihnen beziehen bereits eine Altersrente und arbeiten dennoch weiter. Arbeitsforscher Martin Brussig spricht von einer der auffälligsten Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt der vergangenen Jahre. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein großes zusätzliches Arbeitskräftepotenzial. Doch die Daten zeigen schnell, dass diese Erwartung zu hoch gegriffen ist.

Teilzeit prägt den Arbeitsalltag im Rentenbezug

Die meisten Rentner arbeiten nicht mehr in Vollzeit. Rund die Hälfte der erwerbstätigen Rentner kommt auf weniger als 15 Wochenstunden. Sehr kleine Teilzeitmodelle dominieren. Zwar arbeitet etwa jeder Fünfte weiterhin 35 Stunden oder mehr, doch das bleibt die Ausnahme.

Selbst in der Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen sind noch mehrere Hunderttausend Menschen beruflich aktiv. In der Regel jedoch mit deutlich reduzierten Stunden. Für den Arbeitsmarkt bedeutet das: Die zusätzlichen Arbeitskräfte stehen nur in begrenztem Umfang zur Verfügung. Der Beitrag zur Schließung von Fachkräftelücken bleibt dadurch überschaubar.

Geld ist oft der entscheidende Grund

Häufig spielen finanzielle Gründe eine zentrale Rolle. Steigende Lebenshaltungskosten, hohe Mieten und Energiekosten erhöhen den Druck auch im Rentenalter.

Verstärkt wird dieser Effekt durch eine rechtliche Änderung. Seit Anfang 2023 gilt beim vorgezogenen Rentenbezug kein Hinzuverdienstlimit mehr. Rentner dürfen unbegrenzt hinzuverdienen, ohne dass die Rente gekürzt wird. Die Auswirkungen sind deutlich:

  • Die Zahl der Rentner mit Einkommen oberhalb der Minijob-Grenze stieg innerhalb eines Jahres um mehr als 50 Prozent.
  • Ende 2023 arbeiteten rund 1,5 Millionen Rentnerinnen und Rentner neben dem Rentenbezug.
  • Etwa 1,1 Millionen waren geringfügig beschäftigt, rund 280.000 sozialversicherungspflichtig.

Große Unterschiede nach Geschlecht, Region und Bildung

Arbeiten im Rentenalter verteilt sich ungleich. Männer bleiben häufiger erwerbstätig als Frauen. In Westdeutschland ist der Anteil höher als im Osten. Auch der Bildungsabschluss spielt eine große Rolle. Hochqualifizierte arbeiten deutlich öfter weiter als Geringqualifizierte.

Zwar gleichen sich Unterschiede mit dem Rentenbeginn zunächst etwas an. Der Rentenbezug wirkt wie ein finanzieller Puffer. Ab etwa 70 Jahren treten die Unterschiede jedoch wieder klar hervor. Unter Männern und Hochqualifizierten arbeitet dann etwa doppelt so häufig jemand weiter wie unter Frauen oder Ostdeutschen.

Große Unterschiede zwischen Branchen und Betrieben

Ein Blick auf einzelne Branchen macht deutlich, dass nicht jede Tätigkeit automatisch für das Weiterarbeiten nach der Rente geeignet ist. In der öffentlichen Verwaltung sind viele Menschen noch bis zum regulären Rentenbeginn beschäftigt. Wer dort einmal in Rente ist, kehrt jedoch nur selten in den Job zurück – etwa in Form eines Nebenjobs oder einer Teilzeitstelle.

Das liegt weniger an der Arbeit selbst. Viele Aufgaben wären auch mit geringerer Stundenzahl gut machbar. Entscheidend sind vielmehr feste Strukturen, starre Verträge und interne Regeln. Der Report kommt deshalb zu dem Schluss, dass Betriebe eine zentrale Rolle spielen. „Der Schlüssel für eine weiter zunehmende Erwerbsbeteiligung von Älteren mit Rentenbezug liegt nicht nur in der Aktivierung der Rentnerinnen und Rentner, sondern auch in der Anpassung der Personalpolitik der Betriebe“, schreiben die Autoren.

Anders sieht es in Bereichen aus, in denen Arbeitszeiten und Aufgaben leichter angepasst werden können. Dazu zählen etwa die Landwirtschaft, der Handel oder wissensintensive Dienstleistungen. Auch kleinere Betriebe und selbstständige Tätigkeiten bieten oft mehr Spielraum. Dort fällt es Rentnerinnen und Rentnern leichter, mit wenigen Stunden weiterzuarbeiten oder projektbezogen tätig zu bleiben.

Kurz zusammengefasst:

  • Arbeiten im Rentenalter nimmt deutlich zu: Die Erwerbstätigenquote der 65- bis 69-Jährigen stieg binnen zehn Jahren von etwa 14 auf über 20 Prozent, viele arbeiten trotz laufender Rente weiter.
  • Der Effekt auf den Fachkräftemangel bleibt begrenzt: Die Mehrheit der erwerbstätigen Rentner arbeitet in kurzer Teilzeit, oft unter 15 Stunden pro Woche, und ersetzt damit kaum Vollzeitstellen.
  • Entscheidend sind Geld und betriebliche Regeln: Finanzielle Gründe treiben das Weiterarbeiten häufig an, während Personalpolitik und flexible Arbeitsmodelle darüber entscheiden, ob Rentner tatsächlich im Job bleiben können.

Übrigens: Während viele über Arbeitsanreize diskutieren, zeigt eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung einen klaren Befund: Wer zum Mindestlohn arbeitet, hat in allen Regionen Deutschlands spürbar mehr Geld zur Verfügung als im Bürgergeld. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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