Chinas Klimaproblem besteht aus Beton – und wirkt Jahrzehnte nach
Der Gebäudebau in China verursacht erhebliche CO₂-Mengen. Besonders Beton und Stahl verschlechtern die Klimabilanz deutlich.
Auch die Metropole Guangzhou im Perlflussdelta wächst rasant – jeder neue Bau bindet CO₂ für Jahrzehnte und verändert Chinas Klimabilanz dauerhaft. © Wikimedia
Wer über Chinas Klimapolitik spricht, denkt meist an Kohlekraftwerke, Verkehr oder Industrie. Weit weniger Aufmerksamkeit erhält ein Bereich, der still, aber dauerhaft wirkt: Gebäude. Wohnungen, Büros, Fabriken und Infrastruktur verbrauchen nicht nur Energie im Alltag. Sie binden große Mengen CO₂ bereits beim Bau – und dieses CO₂ bleibt über Jahrzehnte Teil der Klimabilanz.
Verantwortlich für diese Zahlen ist vor allem, was zwischen Fundament und Dach steckt. Beton, Stahl, Ziegel und Glas verursachen Emissionen, noch bevor Licht brennt oder Heizungen laufen. Seit dem Jahr 2000 hat sich der Gebäudebestand des Landes rasant ausgeweitet. Mit ihm wuchs der Materialverbrauch – und damit ein CO₂-Vorrat, der die Klimaziele weit in die Zukunft belastet.
Gebäude in China haben Folgen für die Klimabilanz über Jahrzehnte
Neue Auswertungen machen das Ausmaß sichtbar. Auf China entfallen inzwischen rund 15 Prozent der weltweiten Baustoffbestände. Über ihren gesamten Lebenszyklus verursachen diese Materialien etwa 19 Prozent der chinesischen CO₂-Emissionen. Damit stammt ein erheblicher Teil der Klimabelastung nicht aus dem Betrieb, sondern aus der Herstellung von Gebäuden.
Zwar hat sich das Bautempo seit etwa 2016 deutlich verlangsamt. Doch Gebäude sind langlebig. Emissionen aus ihrer Herstellung wirken weiter, selbst wenn kaum noch neu gebaut wird. Für die kommenden Jahre verschärft sich die Lage zusätzlich: Die geplante weitere Urbanisierung würde bis 2030 mehr als ein Drittel des jährlichen CO₂-Budgets beanspruchen, das China für das 1,5-Grad-Ziel zur Verfügung steht. Darauf verweist auch der IPCC.
Entscheidend ist damit nicht mehr nur, wie effizient Gebäude genutzt werden. Wichtiger wird, woraus sie bestehen, wie lange sie stehen und ob Abriss oder Weiternutzung geplant ist.
Beton und Stahl speichern Emissionen für Jahrzehnte
Besonders ins Gewicht fallen Zement und Stahl. Ihre Herstellung ist energieintensiv und setzt große Mengen Kohlendioxid frei. In China stammen rund drei Viertel der industriellen Emissionen aus genau diesen Produktionsketten. Selbst ein energieeffizientes Gebäude startet daher mit einer erheblichen Klimabelastung.
Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse in Nature Climate Change machen deutlich, wie stark sich diese Effekte aufsummieren. Zwischen 2000 und 2020 wuchs der chinesische Baustoffbestand um rund 70 Prozent. In absoluten Zahlen entspricht das einer Materialmenge, die ganze Industrieländer übertrifft. Jede neue Bauphase vergrößert diesen CO₂-Speicher weiter.
Städte wachsen unterschiedlich – Emissionen auch
Ein genauer Blick zeigt starke regionale Unterschiede. In Metropolregionen wie dem Jangtse-Delta konzentrieren sich große Mengen an Baumaterial auf engem Raum. Hochhäuser, Bürokomplexe und Verkehrsbauten treiben den Pro-Kopf-Verbrauch nach oben. In ländlichen Gegenden fällt dieser deutlich geringer aus.
Im landesweiten Durchschnitt entfallen auf eine Person rund 123 Tonnen verbautes Material. Innerhalb Chinas schwankt dieser Wert stark. Stadtkerne unterscheiden sich von Vororten, wohlhabende Regionen von ärmeren, Wohngebäude von Gewerbe- und öffentlichen Bauten. Diese Unterschiede erklären, warum Klimapolitik im Gebäudebereich regional ansetzen muss.
Was der Vergleich mit Österreich und Deutschland zeigt
In Österreich und Deutschland steckt pro Kopf deutlich mehr Baumaterial in Gebäuden als im chinesischen Durchschnitt. Gründe sind größere Wohnflächen, geringere Bebauungsdichte und ein hoher Anteil langlebiger, materialintensiver Bauweisen. Dieser Ressourcenverbrauch ist über Jahrzehnte gewachsen.
Gleichzeitig zeigt die China-Analyse: Wohlhabende chinesische Städte erreichen beim Pro-Kopf-Baustoffbestand bereits ähnliche Größenordnungen wie europäische Städte. Mit steigendem Einkommen wachsen Wohnansprüche, Infrastruktur und Materialeinsatz. Der Unterschied liegt damit weniger im Land als im Wohlstandsniveau und im gewählten Stadtmodell.
An den Auswertungen war der Umweltökonom Dominik Wiedenhofer der BOKU Wien beteiligt. Er verweist auf die Parallelen: „Sowohl in China als auch in Österreich und der EU sind jedenfalls gezielte politische und raumplanerische Maßnahmen dringend notwendig um Lebensqualität zu sichern und Klimaziele zu erreichen.“
Renovieren statt abreißen – der wirksamste Hebel
Ein zentrales Ergebnis der Analyse betrifft den Umgang mit dem Gebäudebestand. Abriss und Neubau verursachen erneut hohe Emissionen. Sanierung, Umbau und Umnutzung verlängern dagegen die Lebensdauer bestehender Bauten und sparen Material. Auch kompaktere Stadtplanung kann den Ressourcenbedarf senken.
„Dazu zählt insbesondere die regionale Umsetzung einer ambitionierten Kreislaufwirtschaft, d. h. Renovierung und Sanierung vor Abbruch und Neubau“, so Wiedenhofer. Ebenso wichtig sei die frühzeitige Vorbereitung auf das Recycling von Materialien aus künftigem Gebäudeabriss.
Kurz zusammengefasst:
- Chinas größter Klimatreiber steckt in seinen Gebäuden: Nicht der Betrieb, sondern Beton, Stahl und andere Baustoffe verursachen bereits beim Bau enorme CO₂-Mengen – fast ein Fünftel der nationalen Emissionen.
- Diese Emissionen sind fest eingebaut: Gebäude wirken über Jahrzehnte, selbst bei sinkendem Neubau, und könnten bis 2030 einen großen Teil des verbleibenden CO₂-Spielraums für das 1,5-Grad-Ziel aufzehren.
- Der entscheidende Ausweg ist bekannt: Renovierung und Sanierung vor Abbruch und Neubau gilt als wirksamster Hebel – ergänzt durch kompakte Stadtplanung und vorbereitetes Recycling, um die Klimabilanz dauerhaft zu entlasten.
Übrigens: Während Chinas Gebäude mit Beton und Stahl die Klimabilanz über Jahrzehnte belasten, entsteht in den USA ein Baustoff, der CO₂ nicht freisetzt, sondern dauerhaft bindet – ganz ohne Zement und mit schneller Aushärtung. Wie dieser neue CO₂-Beton das Bauen grundlegend verändern könnte, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Tim Wu via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
